Winterthur

«Stets das Gesamtbild vor Augen»

Mit dem Match am Freitag in Langenthal startet der EHC Winterthur in seine erste NLB-Saison. Trainer Markus Studer weiss, was sein Team erwartet.

EHCW-Trainer Markus Studer bringt eine gehörige Portion Erfahrung in die NLB mit.

EHCW-Trainer Markus Studer bringt eine gehörige Portion Erfahrung in die NLB mit. Bild: André Springer

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Die ganze Liga und der Verband freuen sich auf den EHCW in der NLB. Mit welchen Gefühlen gehen Sie in diese neue und spezielle Saison?
Markus Studer: Das alles ist eine Riesenmotivation für uns alle, also auch für den Trainer. Ich freue mich, Fortschritte mit dem Team zu machen. Viele sind froh, dass wir kommen, auch der Abstieg des SCRJ bringt etwas Neues in der NLB, der Osten ist stärker geworden. Platz 8 ist für uns, trotz aller harter Arbeit, ein sehr hohes Ziel. Wir müssen realistisch und bescheiden bleiben, der Sprung ist nicht so einfach, diese Erfahrung habe ich als Spieler vor vielen Jahren in Bülach gemacht. Wir wollen von Tag zu Tag besser werden. Wir müssen die gemeinsame Qualität als Team verbessern, nicht von Einzelnen. Sportlich müssen wir uns zuerst etablieren, wir müssen uns mit Leidenschaft in der Liga platzieren. Dabei ist die Gewohnheit, nie aufzugeben, immer dranzubleiben, sehr wichtig. Wir wollen auch zeigen, dass es, um zu bestehen, auch andere Wege gibt, als nur Geld auszugeben.

Was war die grösste Änderung, seit der Aufstieg in die NLB definitiv geworden ist?
Die Herausforderungen neben dem Eis sind wohl grösser als die sportlichen. Als Trainer bin ich überzeugt, dass mir meine internationale Erfahrung auch in der NLB weiterhelfen kann. Die NLB gilt in der Schweiz als zweite Profiliga. Das Selbstbewusstsein, dass man die Mannschaft des EHC Winterthur noch besser verkaufen darf und muss, muss grösser werden. Über kurz oder lang wird man diverse Abläufe und Strukturen im und um den EHCW professionalisieren müssen, da wird man nicht darum herumkommen. Das hat man aber auch erkannt und ist sich dessen bewusst.

Gab es im Hinblick auf den Aufstieg mehr Wechsel als sonst im Team, das sehr jung daherkommt?
Ja, das Team ist jung. Die Transfers bewegen sich aber im Bereich des Normalen. Es kamen mit Keller, Mettler, Büsser und Thöny zuerst vier Spieler, dann folgte Luca Hoffmann – und schliesslich Thomas Furrer. Er absolvierte wegen einer Hirnerschütterung zwei Saisons lang praktisch kein Spiel. Sein Fall ist eine Win-win-Situation. Für ihn ist der EHCW eine neue Chance, für uns ist er als ehemaliger U20-Nationalspieler eine kostengünstige Lösung. Seit einem Monat spielt er beschwerdefrei.

In welchem Bereich liegt die grösste Herausforderung?
Ganz klar im mentalen. Sportlich machen wir unser Programm, wissen wir, dass wir deutlich schneller und präziser, in gewissen Momenten ruhiger und bescheidener werden müssen. Die mentale Herausforderung besteht darin, dass wir lernen müssen zu verlieren, ohne Niederlagen einfach so zu akzeptieren. Selbstverständlich wollen wir Spiele gewinnen und wir werden alles daran setzen. Aber wir werden mehr Partien verlieren, als das in der Vergangenheit der Fall war. Das gilt es zu akzeptieren. Wir haben jedoch keinen Druck, es gibt keinen Absteiger. Wir haben die Chance, uns zu entwickeln. Wir werden als Nummer 10 gehandelt. Wir schauen vorwärts. Wenn es dann nach drei Wochen nicht so toll aussieht, dürfen wir den Kopf nicht verlieren. Wir müssen stets das Gesamtbild vor Augen haben, und das bedeutet: Es geht um eine Entwicklung während drei, vier Jahren, nicht um das Abschneiden in der ersten Saison.

Haben die Spieler das Potenzial, in der NLB nicht nur zu bestehen, sondern auch besser zu werden?
Ich denke, dass wir in der Breite für die NLB ein gutes Kader haben. Doch Vorbereitung ist nicht Meisterschaft. Wir müssen wohl gegen jeden Gegner einmal gespielt haben, um die Situation richtig einschätzen zu können. Viele Spieler können noch viel lernen und umsetzen. Sie werden auch aufgrund von Videobildern sehr schnell adaptieren.

Von allen Seiten hört man: Der EHCW hat ohne Ausländer gar keine Chancen. Wie kommentieren Sie das?
Wir wussten von Beginn weg, dass Ausländer aus budgettechnischen Gründen kein Thema sein können. Also mache ich mir darüber auch nicht zu viele Gedanken. Natürlich stehen die Ausländer in der Skorerliste stets weit oben. Aber heisst das auch, dass sie der Mannschaft etwas bringen, dass sie fähig sind, junge Spieler oder ein Team weiterzubringen? Ausländer haben oft sehr viel Eiszeit. Wollen wir Spieler entwickeln, müssen die auch spielen. Und nochmals: Was müssen wir im ersten Jahr sportlich schaffen? Vielleicht können die Ausländer im Kampf um einen Playoff-Platz das Zünglein an der Waage spielen, doch vielleicht machen auch zwei, drei Schweizer Spieler den «Knopf auf», wenn sie mehr Verantwortung erhalten.

In Zusammenhang mit der Partnerschaft mit Kloten könnte es sein, dass die Flyers früher oder später einen fünften Ausländer engagieren – und der EHCW dann vielleicht doch einen einsetzen könnte.
Diese Möglichkeit könnte eintreffen. Wir werden sehen, wie wir damit umgehen werden. Wir haben auf der Seite der Einnahmen vernünftig budgetiert. Am Anfang, wenn neue Gegner kommen, ist das Interesse sicher gross. Und auch deren Fans wollen die neue Halle kennen lernen. Vieles steht und fällt mit den Leistungen der Mannschaft. Ich bin der Meinung, dass wir die Kosten für ein bis zwei Ausländer vorderhand nie auffangen könnten. Ob das auch für die Zukunft richtig ist, wird sich weisen. In der NLB gibt es Klubs wie Langenthal, Visp oder Olten, die ganz klar andere Ansprüche haben als wir aktuell.

Wo siedeln Sie den EHCW an?
Wir sind ganz klar eine Ausbildungsmannschaft, die versucht, Spieler an ein neues Niveau heranzuführen. Doch Rangierungen zwischen 8 und 10, wie es wohl diese Saison der Fall sein wird, sind für uns nicht über zehn Jahre hinweg möglich. Wir möchten optimalerweise woanders hin. Winterthur soll ein Gefäss für Spieler sein, die den nächsten Schritt machen wollen, aber wir wollen sportlich gleichzeitig vorwärtsgehen – etwa ähnlich wie Martigny. Wir wollen kein reines Farmteam sein, wie die GCK Lions eines für die ZSC Lions sind. Wir sind ein Partnerteam der Kloten Flyers, wir brauchen unsere eigene Identität.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit Kloten bisher?
Sehr gut. Nicht nur, weil wir jetzt vier Spieler von ihnen bei uns haben. Beide Seiten sind sehr offen. Seit Februar haben wir uns sehr viel ausgetauscht, jetzt treffen wir uns jeden Montag zu einer Sitzung. Beide können von der Situation profitieren. Das jüngste Beispiel war Goalie Remo Oehninger, der im zweiten Testspiel der Flyers gegen Lugano zum Einsatz kam. Die Tiefe beider Kader geht auch über den Partner. Jeder unserer Mannschaft hat theoretisch die Chance, nach oben zu kommen, das muss nicht zwingend ein Spieler des Partnerteams sein. Das wird von der Situation und vom Bedarf abhängig sein.

Sie sind nicht mehr nur Trainer, sondern auch Sportchef. Was bedeutet das?
Ich habe schon früher zusammen mit Erwin Füllemann in Sachen Transfers mitdiskutiert. Nun drehen sich meine Gespräche mit Spielern nicht nur um sportliche Belange. Es geht darum, noch mehr zu lernen, was das Richtige für die 1. Mannschaft ist. Die Budgetverantwortung spüre ich natürlich auch, aber die Finanzen habe ich auch vorher nicht komplett aus den Augen verloren.

Was ist im Vergleich zu den vergangenen Erstliga-Jahren der grösste Unterschied?
Die Ansprüche stiegen auf allen Ebenen. Die Trainings- und damit die Erholungszeiten sind nun deutlich besser. 41 und mehr Spiele hatten wir in der 1. Liga auch jede Saison, jetzt spielen wir 45 Runden, aber haben sechs bis sieben Wochen weniger Zeit. Die Belastung der Spieler ist grösser, der Trainingsumfang wurde nochmals gesteigert. Dennoch wollen und sollen die Spieler auch nebenher noch arbeiten oder ein Studium absolvieren. Alle Spieler arbeiten, haben ein 50-ProzentPensum. 70 Prozent wären theoretisch möglich, auch das leisten einige. Trotzdem müssen wir uns strukturell weiter verändern und entwickeln.

Erstellt: 09.09.2015, 21:17 Uhr

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