Winterthur

Das Ende einer Ära ist auch eine Chance

Keiner war so lange FCW-Präsident wie Hannes W. Keller. Auf Ende Monat tritt er, mit 76 und knapp 14 Jahre nach seinem Amtsantritt, zurück. Es wird ein Nachfolger wird gesucht.

Einst in einer Krisenzeit ins Amt reingerutscht, hat Hannes W. Keller den FCW wieder auf Vordermann gebracht (Bild: 2008 FCW – St. Gallen).

Einst in einer Krisenzeit ins Amt reingerutscht, hat Hannes W. Keller den FCW wieder auf Vordermann gebracht (Bild: 2008 FCW – St. Gallen). Bild: Stefan Schaufelberger

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Am Abend des 9. September 2001 wurde Hannes W. Keller Präsident des FCW. In einer Zeit, in welcher den Verein grosse finanzielle Probleme plagten. Ohne die zwei Millionen Franken, mit denen er in seinem ersten Jahr das klaffende Finanzloch schloss, wäre der Verlust der Lizenz, der Konkurs nicht zu vermeiden gewesen. Insgesamt sind es rund 15 Millionen Franken, die Keller mit seiner AG für Druckmesstechnik in den Verein einschoss. Damit sicherte er dessen finanzielles Fortkommen. Es war die Basis, aus dem FCW wieder einen Verein guten Rufs und soliden Wirtschaftens zu machen. Allerdings nicht einen, der es in die Super League brachte.

«Ich kann das nicht ewig machen»

Das allerdings wollte Keller auch gar nicht. Wenn er jetzt geht, hat er aber mehr Amtsjahre auf dem Buckel als jeder seiner Vorgänger, auch als Hans Wellauer, der von 1958 bis 1971 präsidial wirkte und in die Vereinsgeschichte einging als «der Mann, der Timo holte». Und dank Timo Konietzka wurde der FCW damals erstmals Cupfinalist und für Jahre ein guter bis sehr guter NLA-Klub.

Keller ist einst in einer Krisenzeit auch ins Amt reingerutscht. Aber Präsident sei er auch geworden, sagt er auch jetzt wieder, um bekannt zu werden im Kampf gegen einen Handymast, der bei seiner Firma aufgestellt werden sollte. Diesen Kampf habe er inzwischen gewonnen, fügt er bei. Und längst kenne jeder die Firma Keller. Überdies spiele bei seinem Entscheid auch eine Rolle, dass selbst seine Firma gegen den «Zerfall des Euro kämpfen muss». Ganz abgesehen davon, sagt er nun, könne er «das nicht ewig machen» – eben den Verein führen.

Das kann einer sagen, der 76 ist und der seit einem Aortariss Ende Oktober 2012 als Präsident auch nicht mehr sehr präsent war. Im täglichen Geschäft war es nun in der Regel sein Sohn Mike, der Vizepräsident, der die eine Unterschrift unter Verträge leistete, der langjährige Geschäftsführer Andreas Mösli die andere. Nur Vater Keller hatte, als Präsident von Verein und Verwaltungsrat der AG, Alleinunterschrift. Hannes W. Keller stand zuletzt vorwiegend im Hintergrund, auf der Schützi liefs auch so. Aber einmal war sein Zögern doch noch ein Ärgernis, als vor einem Jahr die prinzipiell längst beschlossene Ablösung des Trainers Boro Kuzmanovic erst ein paar Tage vor Saisonbeginn mit Kellers überfälligem Ja besiegelt wurde.

Die Suche nach dem Neuen

Jetzt tritt «HWK» ab, einen Nachfolger hat er noch nicht. Aber er hat dem Verein eine Garantie über offenbar anderthalb Millionen Franken mitgegeben, die diesem erlauben sollen, die Neuausrichtung ohne bedeutenden zeitlichen Druck zu regeln. Diese Summe müsste reichen, über zwei weitere Jahre den aktuellen Stand zu halten.

Dass sich im Alltagsgeschäft vorderhand nichts ändern wird, sollen jene garantieren, die schon bisher neben dem Alleinaktionär Hannes W. Keller im Vorstand des Vereins und im Verwaltungsrat sassen: Sohn Mike Keller als erster, Ligapräsident Heinrich Schifferle als zweiter Vizepräsident, Heinz Boksberger als Mann für die Finanzen und Max Fritschi als Vertreter der Sponsoren und des Gönnerklubs. Und weiterhin wirken werden auch: Geschäftsführer Mösli, der ohnehin längst das «Gesicht» des Vereins und im Alltag dessen wichtigster Exponent ist, und Wolfgang Vöge, der sportliche Berater ohne Vorstandsmandat.

Präsident stopfte Finanzlücke

Mike Keller wäre natürlich so etwas wie ein «logischer» Nachfolger gewesen, aber er bleibt in der zweiten Reihe: «Wegen meiner beruflichen und privaten Situation liegt es zurzeit nicht drin, das Amt des Präsidenten anzunehmen», sagt Mike Keller. Wer möchte, kann das Wort «zurzeit» mit einem gewissen Optimismus zur Kenntnis nehmen.

Wenn man es in diesen Tagen auf der Schützenwiese kaum spüren wird, dass der langjährige Präsident nicht mehr amtiert, so ist doch vom Ende einer Ära zu reden. Vorbei ist spätestens in zwei Jahren die Zeit, da zwar nicht einfach wild Geld ausgegeben werden konnte (oder wurde). Aber der Zwang, jede Ausgabe auf den letzten Heller und Pfennig zu kontrollieren, war doch nicht vorhanden. Der Präsident stopfte dann ja grundsätzlich die Finanzlücke. Die neue Situation ist jedenfalls trotz der guten Basis nicht einfach. Sie zwingt eigentlich jeden Beteiligten, sich noch mehr einzubringen – die Vorstandsherren bei der Aufgabe, neue Geldquellen zu akquirieren und zumindest einen neuen Präsidenten zu finden. Und alle müssen sich veranlasst sehen, nach Möglichkeiten zu suchen, das Geld (noch) effizienter einzusetzen.

«Ich wollte ja nie aufsteigen»

Dass das Ende einer Ära und der Beginn einer neuen auch eine Chance ist, versteht sich von selbst. Wenn einer geht, der in einem gewissen Sinne ein Alleinherrscher war, können andere einen freien Platz für sich erkennen. Dass es in einer Stadt wie Winterthur nicht einfach sein wird, Geldquellen zu erschliessen, ist klar. Aber der Vorstand vertritt einen Verein, der längst als seriös gilt, der auch in einer sportlich mittelmässigen Saison im Schnitt 3000 Zuschauer anzog. Und dessen Fangemeinde in der Tat als vorbildlich gelten darf. Es ist fortan aber auch so, dass sich Transfergewinne – wie jener für den zum Meister nach Basel abgewanderten Jungverteidiger Manuel Akanji – direkt in der Jahresbilanz ablesen lassen. Und nicht mehr einfach in der präsidialen Defizitgarantie verschwinden.

Zu seiner Zeit an der Spitze des FCW hat Hannes W. Keller, der nie ein wirklicher Fussballfan war, aber dem Winterthurer Fussball grosse Dienste leistete, gestern noch dies gesagt: «Ich bin zufrieden, ich wollte ja nie aufsteigen. Ich bedaure nichts.» Das war dann halt typisch für sein Wirken – gleichsam sein Segen und so etwas wie sein Fluch. «Unaufsteigbar», wie er unter dem Präsidenten Hannes W. Keller war, braucht der FCW jedenfalls nicht zu bleiben.

Erstellt: 25.06.2015, 23:53 Uhr

Der FCW entlastet

Der FC Winterthur hätte nach erster Terminplanung der Swiss Football League in den 13 Tagen vom 10. bis 22. August fünf Pflichtspiele bestreiten müssen. Der Grund: Der Match aus der 2. Runde, Biel – FCW, wurde verlegt, weil den Bielern Ende Juli das neue Stadion noch nicht zur Verfügung steht. Jetzt hat die Liga auf die Bitte des FCW um Entlastung reagiert: Das Spiel in Biel wurde um eine weitere Woche verschoben und findet nun am Mittwoch, 26. August, um 18.45 Uhr im neuen Bieler Stadion statt. So hat der FCW vorher in 13 Tagen nur noch viermal anzutreten. red

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