Das grösste Spiel der Gegenwart

Eine Expertin glaubt, dass sich die Zuschauer noch Jahre an den WM-Viertelfinal zwischen Gastgeber Frankreich und Topfavorit USA erinnern werden.

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Mit dieser Frage haben sie nicht gerechnet. Als Tobin Heath und Samantha Mewis zur Medienkonferenz erscheinen, um über den anstehenden WM-Viertelfinal zwischen der USA und Frankreich (heute 21 Uhr) zu sprechen, meldete sich eine französische Reporterin. Sie hätte nur eine Frage: «Können Sie uns bitte gewinnen lassen?» Die beiden US-Fussballerinnen schauen verdutzt, lächeln und scheinen nicht so recht zu wissen, was damit anzufangen. «War das eine Frage?», entgegnet Heath lachend. Erst nach kurzer Stille scheint ihr bewusst zu werden, dass der Wunsch aus dem Gastgeberland offenbar ernst gemeint war. So antwortet die 31-Jährige US-Amerikanerin staubtrocken: «Nein!»

Der Lacher an der Medienkonferenz. Video: SRF

Eine kuriose Szene, welche die zentralen Themen abhandelt, um der sich der WM-Auftritt der US-Amerikanerinnen dreht: Respekt und Druck. So gross der Respekt im Gastgeberland vor den Titelverteidigerinnen ist, zu Hause kämpfen sie nach wie vor um Anerkennung. Aktuell ist sogar noch eine Klage gegen den US-Verband hängig. Es geht darum, dieselben Prämien und Trainingsbedingungen zu erhalten wie ihre männlichen Kollegen. Abgesehen vom ersten Platz in der Fifa-Weltrangliste, den drei Weltmeistertiteln und vier Goldmedaillen an Olympischen Spielen haben sie Medienberichten zufolge ein weiteres schlagkräftiges Argument, das der Forderung Gewicht verleiht: Ihre Werbeeinnahmen sollen höher als diejenigen des Männer-Teams sein. Dass die Fussballerinnen derart scharfe Geschütze gegen ihren eigenen Verband auffahren, gefällt in den USA nicht allen. Umso grösser ist der Erfolgsdruck für die Spielerinnen, die ohnehin schon als Topfavorit gelten.

Und dann ist auch noch die Sache mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, der sich in Vergangenheit bekannterweise nicht nur positiv über Frauen geäussert hatte. So antwortete Kapitänin Megan Rapinoe vor kurzem auf die Frage, ob sie sich auf einen Empfang im Weissen Haus freuen würde: «Ich gehe nicht ins f***ing Weisse Haus.» Das verleitete Donald Trump zur Antwort: «Megan sollte erst gewinnen, bevor sie redet! Bring den Job zu Ende.» Ein vorzeitiges Aus wäre also Futter für Kritiker und Internettrolle, die aufgrund von Rapinoes harschen Worten nun Gegnerinnen wie Deutschland unterstützen.

Will nicht ins «f***ing Weisse Haus»: Megan Rapinoe. Video: Twitter

Oder eben Frankreich. Ein Team, das angetrieben vom frenetischen Heimpublikum bereit scheint, erstmals an einem Grossanlass die einst übermächtigen US-Amerikanerinnen zu bezwingen. Bereits im Achtelfinal schalteten die Französinnen mit Brasilien einen ganz Grossen aus. «Auf diesen Viertelfinal haben alle seit der Auslosung gewartet», offenbart Assistenztrainer Philippe Joly seine Vorfreude. Und die US-Trainerin Jill Ellis bringt es auf den Punkt: «Es ist wohl das derzeit grösste Spiel im Frauenfussball.»

Noch eine Spur euphorischer ist gar Hope Solo in ihrer BBC-Kolumne. Die frühere US-Torhüterin glaubt: «Es ist das Spiel, das für das Wachstum des Frauenfussballs nötig war.» Und: «Wir werden uns noch Jahre später an dieses Gigantinnen-Duell erinnern.» In Frankreich gebe es derzeit kaum ein anderes Thema, so die 37-Jährige weiter. 2005 spielte Solo bei Lyon, damals hätten insbesondere ältere Herren den Frauenfussball nicht respektiert. Heute sei es ganz anders: «Das ist eine komplett neue Welt. Alles konzentriert sich auf dieses unglaubliche Spiel.»

Dass die Französinnen derart krasse Aussenseiterinnen sind, wie die Reporterin bei der Medienkonferenz glaubt, sieht Solo entschieden anders: «Die PSG-Stürmerin Kadidiatou Diani ist eine meiner Lieblingsspielerinnen. Dazu haben sie mit Eugenie Le Sommer, Gaetane Thiney und Amandine Henry Spielerinnen mit Potenzial, um die USA im Mittelfeld zu übertrumpfen.»

Für Marinette Pichon hat die USA vor allem im physischen Bereich Vorteile. «Deshalb wird es wichtig, sich die ersten und zweiten Bälle im Mittelfeld zu sichern», sagt die ehemalige französische Nationalspielerin gegenüber «France Football». Aber Pichon glaubt, dass Frankreich mittlerweile so weit sei, um den grossen Coup zu schaffen.

Eine Prognose abgeben möchte sie aber genauso wenig wie Solo. Diese schreibt: «Es wird extrem unvorhersehbar.» Was allerdings sicher ist: Gewinnen lassen werden die USA Gastgeber Frankreich im mit fast 50'000 Zuschauerinnen und Zuschauern ausverkauften Prinzenpark von Paris nicht. Und es wird ein Spiel, auf das sich jeder Fussballfan freuen kann.

Erstellt: 28.06.2019, 15:43 Uhr

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