Fussball

Der FC St. Gallen 2019: Jung, talentiert, labil

Der FC St. Gallen kann begeistern – aber auch gnadenlos enttäuschen. Trainer Peter Zeidler kämpft dagegen an und sagt: «Winterthur ist gefühlt eine Super-League-Mannschaft.»

In St. Gallens junger Abwehr gilt der 21-jährige Captain Silvan Hefti (links, gegen Nicolas Ngamaleu von YB) als Routinier.

In St. Gallens junger Abwehr gilt der 21-jährige Captain Silvan Hefti (links, gegen Nicolas Ngamaleu von YB) als Routinier. Bild: Keystone

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Wer Langeweile hasst, muss den Kybunpark mögen. Die Gründe wurden auch im letzten Heimspiel offenkundig: Da zwangen die St. Galler den FC Lugano 3:2 in die Knie. Sie boten Kampf und tilgten einen Pausen-Rückstand. Sie patzten aber auch häufig, und zittern mussten sie bis zum Schluss – ungeachtet eines Platzverweises für die Tessiner. Konstanz? Ein Fremdwort. Aber unterhaltsam wars. Hätten die St. Galler allerdings verloren, wären sie Zweitletzter. Ein kleines Desaster wärs gewesen für sie, deren Präsident Matthias Hüppi seine Espen insgeheim in der Europa League sieht. Doch Spiele wie gegen Lugano sind exemplarisch für den FC St. Gallen, besonders seit Peter Zeidler (57) ihn führt. Der Deutsche, der seit seinen Tagen in Sion als Verheissung galt, trat im Sommer 2018 als Nachfolger von Giorgio Contini ins Amt.

Der St. Galler Sportchef Alain Sutter pries ihn als Wunschtrainer, der nicht bloss simple Ergebnisse liefern soll, sondern vor allem Spektakel. Von mutigen, heroischen «Bravehearts» träumte er. Mutig sind die St. Galler, unterhaltsam auch, heroisch aber selten. Zu oft ereilt sie das Schicksal von Filmheld Mel Gibson alias William Wallace: Sie sterben. Nur sportlich zwar, das aber oft. 9 Siege, 2 Remis, 10 Niederlagen sind eine überschaubare Heim-Bilanz seit dem Sommer 2018, dazu ein Cup-Aus im vergangenen November gegen Sion. 16mal verlor St. Gallen in der vergangenen Saison, öfter als die halbe Liga.

Gute Ansätze ersticken immer wieder in Nachlässigkeit. Starke, druckvolle Phasen wechseln sich zuhauf mit arglosen, undisziplinierten ab – bis heute. Zeidler gibt zu: «Unsere Mannschaft kann sehr erfrischend sein und hat eine sehr gute Mentalität, aber ganz stabil sind wir noch nicht.» Es ist gewiss Folge der offensiven Spielweise im 4-3–3. Aber es ist auch der St. Galler Jugendlichkeit gerade in der Abwehr geschuldet – so talentiert einige auch sein mögen.

Die Teenie-Abwehr

Der 21-jährige Captain Silvan Hefti mag mit mehr als 140 Profi-Spielen schon als Routinier gelten. Der 17-jährige Leonidas Stergiou aber verblüfft, seit ihn Zeidler im Februar ins Team warf. Der 20-jährige Franzose Yannis Letard vom deutschen Drittligisten VfR Aalen gilt als Trouvaille. Und dem früheren Chelsea-Junior Miro Muheim (21) ist kaum anzumerken, dass er wegen eines Kreuzbandrisses in eineinhalb Jahren nur 21 Minütchen gespielt hat. Das Durchschnittsalter der vier? 19,8 Jahre. Gekostet haben sie: nichts. Ebenso wie Betim Fazliji, der sich im Mittelfeld empfahl, ehe er gegen Lugano noch vor der Pause ausgewechselt wurde.

Ihre Unbekümmertheit mag manchmal Fluch sein, wenn sich Stergiou und Muheim wie beim 2:3 gegen YB im August taktisch übertölpeln lassen. In erster Linie sind die Jungen gerade im Hinblick auf Identitätsstiftung und Transferwert ein Segen für den Klub. Die Ausnahme ist Hefti. Sein Vertrag läuft 2020 aus. Gespräche über eine Verlängerung werden nicht mehr geführt. Hefti will weg, und Sportchef Sutter lässt emotionslos ziehen, wer dies tut.

Vilotic wieder einsatzfähig

Anzunehmen ist gleichwohl, dass Zeidler seiner Junioren-Abwehr bald etwas Routine zuführt. Milan Vilotics Reizung an der Fusssohle ist abgeklungen. Der 32-Jährige spielte zuletzt im Test gegen Heidenheim 90 Minuten und dürfte ins Team zurückkehren – wahrscheinlich schon heute. Zeidler sagt: «Wir sind froh, dass wir ihn haben. Keiner der Jungen kann 36 Spiele am Stück machen.»

Neue wie der 31-jährige Kurzzeit-Nationalspieler Vincent Rüfli, der 25-jährige Deutsche Lukas Görtler oder Moreno Costanzo, inzwischen 31, sollen das junge Team ebenso lenken wie Jordi Quintilla, der kluge Sechser aus der Barcelona-Schule «La Masia». Und an Stürmer Cedric Itten (22) hängen ohnehin hohe Erwartungen. «In Bestform kann er nach seiner Verletzung aber noch nicht sein», sagt Zeidler. Was die soeben geholten Ermedin Demirovic, ein bosnischer U21-Nati-Stürmer, und Offensivmann André Ribeiro können – das weiss hingegen noch keiner.

Schon fast ein Hammerlos

Abgänge von Leadern gabs auch, und diese wogen teils schwer: Freiburgs Vincent Sierro wechselte zu YB, den Ghananer Majeed Ashimeru befehligte Besitzerklub Salzburg zurück. Beides waren zu erwartende und doch herbe Verluste. Zuletzt zog Dereck Kutesa zu Stade Reims in die Ligue 1. Von den rund zwei Millionen Ablöse der Franzosen strich der FCSG immerhin gut eine ein. Den Rest kassierten Ex-Klub Basel in Form einer Beteiligung am Weiterverkauf und Berater. «Für mich kommt der Transfer für ihn zu früh. Trotzdem haben wir einen sehr guten Spieler verloren», sagt Zeidler. Und da ist noch Tranquillo Barnetta, der 34-jährige Altmeister, der letzte Saison trotz geschundenem Knie der Mann für die magischen St. Galler Momente war, besonders in der heiklen Endphase der Saison. Vor allem er trieb den Ostschweizern mit fulminanten Auftritten die Barrage-Angst aus. Er traf in den kapitalen Matches bei GC, gegen Sion und im letzten Heimspiel seiner Karriere gegen den Meister aus Bern. Zeidler sagt: «Wir dürfen all den Abgängen nicht nachweinen. Aber dass man sie merkt, ist auch klar.»

Zu jenen, die gingen, zählte im Winter auch Stürmer Roman Buess. Erst wechselte er nach Lausanne, nun kam er auf die Schützi. «Andere waren irgendwann vor ihm, aber persönlich hatten wir es immer gut», sagt Zeidler. «Und gefährlich ist er immer.» Aber nicht nur er! Zeidler fügt bei: «Winterthur ist fast schon ein Hammerlos. Eine gute Mannschaft mit Spielern wie Doumbia oder Taipi, Hajrovic oder Spiegel. Zudem erwarten wir eine tolle Atmosphäre.» Beobachtet haben die St. Galler den FCW gegen GC und in Kriens. «Er ist gefühlt eine Super-League-Mannschaft», formuliert Zeidler. «Aber wer in den Final kommen will, kann nicht nur gegen Zweitliga-Klubs spielen.» Kämen seine Fussballer in den Final, verziehe ihnen das Publikum bestimmt auch den einen oder anderen Fehltritt in der Liga.

Erstellt: 12.09.2019, 19:45 Uhr

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