Fussball

Der Mann fürs Feld und für die Kabine

Eine Saison wie die letzte wollen sie beim FCW nicht mehr erleben. Davide Callà soll ihnen dabei entscheidende Hilfe leisten. Er ist der Königstransfer dieses Sommers. Er soll das Team als Führungspersönlichkeit auf dem Platz, aber auch in der Kabine stabilisieren. Er nimmt diese Rolle gerne an – sie entspricht ihm.

16 Jahre nach seinem Abgang noch als Junior von der Schützenwiese kehrt Callà als knapp 34-Jähriger zurück. Nun kommt er als vierfacher Meister aus ­Basel, der in seiner Heimatstadt nochmals etwas bewegen will.

Jetzt ist er nicht mehr das Talent, das in die Ferne zieht, jetzt kommt ein Familienvater, dem als Fussballer dieser Ruf vorauseilt: «Er ist ein Führungsspieler, wie man ihn sich malen kann. Er bringt Leistung, ist aber auch sehr gut für die Kabine.»

Der das sagt, muss es wissen. Es ist Georg Heitz, der als Sportchef zusammen mit dem Präsidenten Bernard Heusler an der Spitze des FCB stand, als der von 2009/10 bis 2017 achtmal in Folge Meister wurde, viermal eben mit Callà.

«Ich spiele eine Führungsrolle gerne, aber im Dienst der Mannschaft.»

Das ist die Laufbahn des Da­vide Callà aus Seen, die nicht nur durch Titel, sondern auch durch Abstiege und lange Verletzungspausen geprägt wurde:

Der ehrgeizige Junior. Callà war Junior bei Tössfeld, GC und beim FCW. Mit 17 spielte er in dessen U-21 in der 2. Liga inter­regional. «Aber ich war zu ehrgeizig», sagt er heute, «um weiter in der U-21 zu spielen. Ich wollte mit dem Eins mindestens mittrainieren. Ich wollte wegkommen vom Junioren-Fussball.»

Aber Chef ­René Weiler habe ihm beschieden, er habe noch ein Jahr in der U-21 zu spielen. Also ging ­Callà zum FC Frauenfeld, der eben in die 1. Liga aufgestiegen war. Er wurde gleich Stammspieler, erhielt vom FC Wil das Angebot, sich dem Trainer Heinz Peischl in einem Freundschaftsmatch zu zeigen. Der glückte gegen St. Margrethen – und Peischl sagte: «Du trainierst fortan mit uns und kommst im Winter zu uns.»

Der Wiler Cupsieger. Im Winter kam Callà, Peischl war nicht mehr da, unter Martin Andermatt wurde der Neue Stammspieler. Aber da war der FC Wil geprägt durch den Skandal, dass der langjährige Präsident An­dreas­ Hafen den Aufstieg mit Finanzbetrügereien gleichsam erkauft hatte.

Es folgte das Gastspiel ukrainischer Investoren um den Alt-Internationalen Igor Bela­now. Die waren dann schon nicht mehr da, als der Verein in all diesen Turbulenzen im Frühjahr 2004 seinen grössten Erfolg feierte: den Cupsieg – ein 3:2 gegen die GC. «Ein Sieg des Davids gegen Goliath», schmunzelt der David(e) Callà noch heute.

Völlig überraschend schlug der FC Wil im Cupfinal 2004 die damals hoch favorisierten Grasshoppers. Mit dabei: Davide Callà (unten im getauschten GC-Shirt sitzend)

Mit 19 Jahren wars sein erster Titel. Auf der Wiler Bank sassen der Alt-Internationale Stephan Lehmann als Motivator und ein Deutscher namens Joachim Müller als offizieller Trainer. «Emotional und turbulent war diese Zeit in Wil», sagt Callà noch. Aber Ende Saison stieg der Cupsieger auch ab, und Callà zog weiter.

Servette – der nächste Abstieg. «Ich hatte viele Angebote», erzählt Callà, er ging zu Ser­vette, «weil das ein grosser Ver­ein mit Tradition war und ein grosses Projekt hatte. Für mich war es wie ein erster Schritt ins Ausland, erstmals war ich von daheim weg.»

Aber das «grosse Projekt» endete in einem Fiasko. Im Winter war Servette in Konkurs, die Rückrunde lief ohne die Genfer. Callà zog die Konsequenz, «wieder heimzugehen».

Der 19-jährige Callà wurde in Genf nicht glücklich.

St. Gallen und der Abstieg als Captain. «Heim» hiess in diesem Fall St. Gallen. Trainer auf dem Espenmoos war … Heinz Peischl. «Und dann traf ich erstmals auf Ralf Loose», sagt Callà. Der Deutsche kam im Sommer 2005 «und machte mich gleich zum Captain – mit 20 Jahren!».

Von Loose ist in St. Gallen halt vor allem eines in Erinnerung: die Cupnieder­lage gegen den viertklassigen FC Küss­nacht am Rigi. Die begab sich zwar «schon» Ende Oktober 2005 und Loose musste «erst» im April 2006 Rolf Fringer weichen. Aber Küssnacht, denkt Callà noch heute, sei «der Bruch» gewesen.

Zwei Jahre später folgte ein ande­rer Bruch: Der FC St. Gallen stieg unter Trainer Krassimir Balakow und mit Spielführer Callà, der wegen zweier Knieverletzungen die Vorrunde verpasst hatte, in einer Barrage gegen Bellinzona ab – im letzten Match im Espenmoos. «Sportlich war das eine der grössten Enttäuschungen meiner Karriere», sagt Callà.

Mit Callà als Captain stiegen die Ostschweizer 2008 aus der Super League ab.

Dass er, der Captain, den Klub danach verliess, stiess manchem auf. In der Lokalpresse stand gar das böse Wort «Verräter». «Ich musste mei­nen Weg gehen», merkt Callà dazu an.

Bis heute wird er ausgepfiffen, wenn er sich mit einem Gegner in der neuen Arena zeigt. Ihn fechte das nicht an, vielmehr schmunzelt er: «Ich bin eben noch immer ein Begriff in St. Gallen …»

GC: ein Aufstieg. Der Wechsel zu den Grass­hoppers «und in eine sehr gute Mannschaft» sei «diskussionslos ein Aufstieg» gewesen. Allein es folgten vier Jahre – und vom Alter her waren es ziemlich die besten –, die nicht den gewünsch­ten Erfolg brachten.

Sie konnten es «allein schon deshalb nicht, weil ich in dieser Zeit die Hälfte aller Spiele wegen Verletzungen verpasste». So spielte er vom März 2010 bis März 2011 nur einen Match!

«Nach GC war ich sportlich doch tot und begraben.»

Die Zeit bei GC war von Verletzungen geprägt.

Immer wieder wars das Knie. «So konnte ich nicht auf mein Niveau kommen. Es war logisch, dass GC den Vertrag nicht verlängerte.»

«Wiedergeburt» in Aarau. Also stand Callà im Sommer 2012, mit 28 Jahren, vereinslos da. Aller­dings nicht lange, denn ein alter Winterthurer Begleiter meldete sich.

«René Weiler realisierte rasch, dass das eine Chance war», sagt Callà – nicht nur für ihn, auch für den FC Aarau, den Weiler soeben in die Barrage zur Super League geführt hatte. ­Callà trainierte mit, bekam einen Vertrag, und was folgte, sei, sagt er selbst, «sportlich ein kleines Märchen».

Er sei «nach GC sportlich doch tot und begraben» gewesen und dann seien er «und der FC Aarau» durchgestartet. «Die anderthalb Saisons dort waren, mit den Jahren beim FCB, die schönsten meiner Karriere, die Aufstiegssaison war meine beste überhaupt.» Denn im Sommer 2013 war Aarau wieder ein Super-League-Klub.

René Weiler holte Callà zum FC Aarau.

Die Fortsetzung – in Basel. Ein halbes Jahr später wurde das Mär­chen noch mehr als eine Stufe höher fortgesetzt. Denn von einem Angebot des grossen FCB, davon konnte einer wie ­Callà, mit seiner Verletzungsgeschichte, doch nur träumen.

Er ging im Tausch mit Stephan Andrist nach Basel, der Meister zahlte noch ein paar 100 000 Franken drauf. Es folgten viereinhalb Jahre, in denen Callà seine Titelsammlung um vier Meistertitel und einen Cupsieg erweiterte und, dies nicht zuletzt, um Einsätze in der Champions League.

Rund 130 Auftritte in Pflichtspielen sind mehr, als wohl die meisten von ihm erwarteten. Es sei, glaubt Callà selbst, eben eine «Kombination gewesen von sportlicher Leistung und meiner Art aufzutreten, fürs Team alles zu geben». So sei er von den «Baslern adoptiert worden, in Basel ist auch mein Sohn geboren.» Indivi­duelle Höhepunkte habe es gegeben wie diese:

Die Einwechslung in der Champions League gegen den FC Liverpool – «und zwei Jahre vorher spielte ich noch in der Challenge League!». Oder das Siegtor zum 2:1 gegen GC in der Endphase der Meisterschaft 2014/15 – «ein wichtiger Schritt zum Titel». Nur das letzte Jahr war dann doch eine Enttäuschung. «Ich sehe es so», sagt er, «dass ich Raphael Wicky als Spieler nicht passte.»

Verabschiedet wurde er aber gebührend. Aus Schwe­den beispielsweise mel­dete sich mit einer liebevollen Video­botschaft der langjährige Kollege Behrang Safari: «Und iss nicht zu viel, du kleiner, dicker Italiener.»

Ein würdiger Abschied in Basel.

Callà und die Nationalmannschaft. Über 20-mal spielte er unter Bernard Chal­landes in der U-21, Captain war er auch dort. «Die meisten der Kollegen von damals kamen in die A-Nati, angefangen bei Diego Benaglio oder Tranquillo Barnetta.» Aber eben: «Für die A-Nati hätte ich ins Ausland wechseln müssen. Doch für mich gabs Knieverletzungen statt Ausland.»

«Ich kann mich trotzdem glücklich schätzen, weil ich im Schweizer Fussball al­les­ erreichte, was es zu gewinnen und erleben gab. Und für einen Auslandtransfer war ich eben zu spät beim FCB.» Und damit eben auch zu spät für die A-Nati.

In der U-21 Nati spielte Callà (Nr. 7) u.a. mit später langjährigen Nationalspielern wie Senderos (5), Degen (9), Benaglio (1), Von Bergen (4) und Lichtsteiner (2) zusammen.

Was soll das Leben als aktiver Fussballer noch bringen? «Guten Fussball, Spass haben. Ich bin nicht hier in Winterthur, um mich zu profilieren, ich bin hier, um mitzuhelfen, eine gute Saison zu machen, die jüngeren Spieler zu entwickeln. Denn mein Rucksack ist prall gefüllt mit Erfahrung.»

Die Rolle als Leader. «Sie passt zu mir. Ich war nicht umsonst schon mit 20 Captain. Ich war immer­ einer, der Verantwortung übernahm. Ich spiele eine Führungsrolle gerne, aber im Dienst der Mannschaft. Und dafür muss man authentisch sein. Bei allem, was ich mache, will ich so sein, wie ich bin.» Jetzt zum zweiten Mal als Captain des Trainers Loose.

Die Saisonziele. Er habe den FCW in all den Jahren von aus­sen wahrgenommen «als einen Verein mit grossem Potenzial, der Kult ist mit seinen Fans und dem Stadion. Aber eben auch einer, mit dem es in den letzten paar Jahren stetig abwärts ging.

«Mein Rucksack ist prall gefüllt mit Erfahrung.»

Zuletzt war er Zweitletzter, er ist also­ an einem Punkt angelangt, an dem es nicht einen Schritt weiter nach unten gehen darf.» Und: «Wir sind überzeugt, dass wir eine gute Truppe sind» – mit andern Neuen wie Sead Hajrovic und Granit Lekaj, die ebenfalls sehr viel Routine mitbringen. «Es wird keine Saison mehr geben wie die letzte.»

Die Zukunft. Beim FCW hat Callà für zwei Jahre unterschrieben. Er tat das schon im Januar, und beim FCW hofften sie, er komme schon auf die Rückrunde. Das sei doch besser, sagten sie sich, sich gleich zu integrieren, als in Basel – wenn überhaupt – nur noch in der U-21 zu spielen.

Callà sahs offensichtlich anders. Womöglich befürchtete er, der Effekt dieses Transfers verpuffe in einem halben Jahr ohne jeden sportlichen Reiz. Auf jeden Fall lastet nun einiger Erwartungsdruck auf ihm, wenn es darum gilt, eine schon fast historisch schlechte Saison zu korrigieren.

Ein Experte, der ihm das natürlich zutraut, ist der Basler Heitz. Der blickt noch weiter: «Mit seiner­ Sozialkompetenz wird ­Davide sicher mal ein guter Trainer oder Sportchef.» Vorderhand reichts schon, wenn er der Leader einer Challenge-League-Mannschaft ist, die aus ihrem Tief klettert­.

Karrierenende in Winterthur: Beim FCW wird Davide Calla seine bewegte Laufbahn ausklingen lassen.

(Der Landbote)

Erstellt: 20.07.2018, 11:34 Uhr

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