Djuricin raubt Bickel schon jetzt den Schlaf

GC-Sportchef Fredy Bickel hat mit Goran Djuricin einen Trainer gefunden, der auf die Arbeit brennt. Bickel ist für ihn Mitbewohner und Chauffeur.

Fredy Bickel, Sportchef bei GC, musste seinem neuen Trainer sagen, dass er nichts verdient.

Fredy Bickel, Sportchef bei GC, musste seinem neuen Trainer sagen, dass er nichts verdient. Bild: Reto Oeschger

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Sie gelten als harmoniebedürftiger Mensch …
... das ist so …

... eigentlich sind Sie Fredy Gnadenlos, nicht wahr?
Wenn man die letzten Jahre anschaut… dann hat das was. Da habe ich vermutlich mehr Trainer entlassen als eingestellt. (lacht)

Haben Sie alle Namen präsent?
Ich rechne retour: Forte jetzt, Djuricin und Canadi bei Rapid Wien, Forte und Rueda bei YB, Challandes beim FCZ.

Und Fischer.
Ja, aber gegen meinen Willen. Diese Bilanz macht mir gerade ein bisschen Angst.

«Ich wollte unbedingt um dieses Ende herumkommen und stattdessen Uli starkmachen.»

Wieso?
Diese Woche telefonierte ich mit Barthélémy Constantin (Sions Sportchef). Er sagte mir: «Bei Uli Forte musstest du ja handeln.» Ich antwortete: «Es war aber nicht so einfach.» Da fing ich auf einmal an zu lachen. Er fragte: «Was ist los?» Ich sagte: «Mir kommt gerade in den Sinn: Ich bin schon bald besser als ihr bei Sion, was Trainerwechsel angeht.»

Sie haben Uli Forte zum zweiten Mal entlassen. Passt es zwischen Ihnen einfach nicht?
Jetzt werden alle sagen, es sei ja klar, dass ich es so formuliere. Aber ich meine es ehrlich: Ich wollte unbedingt um dieses Ende herumkommen und stattdessen Uli starkmachen. Als ich zu GC kam, fragte ich mich: Wie reagierst du, wenn du einmal in die Situation gerätst, die vielleicht ein Handeln erfordert? Ich thematisierte das sehr früh mit ­Andras Gurovits (Interimspräsident). Bis und mit vergangenem Freitag hoffte ich, dass sich die Entlassung vermeiden lässt.

Trotzdem fingen Sie schon vor dem Spiel bei Stade Lausanne-Ouchy an, nach einem möglichen Nachfolger zu suchen.
Ja, aber ich war in den Gesprächen extrem vorsichtig. Ich wollte nur vorbereitet sein für den Fall, dass es mit Uli nicht mehr weitergeht.

Hatten Sie kein schlechtes Gewissen?
Doch.

Trotzdem machten Sie es.
Nach dem 1:2 gegen Vaduz entschieden wir uns dazu, einen Plan B auszuarbeiten. Weil die Zeit drängte. Und so unangenehm das ist: Es gehört irgendwie halt auch dazu.

Wie viele Namen standen auf dieser ersten Liste vor dem Match bei Stade Lausanne?
Etwa zehn. Und nach dem 1:4 am Freitag kamen einige Bewerbungen herein, per Mail, per SMS. Morgens um 8 Uhr ging es los. Die ersten 22 Namen schrieb ich noch auf, danach musste ich ­anfangen, konkrete Abklärungen zu treffen.

Obwohl erst am Abend offiziell war, dass Forte gehen muss.
Ja. Und dann fingen wir an, mit den Kandidaten zu reden. Am Sonntagmorgen war klar, dass noch zwei im Rennen sind.

Sollen wir Ihnen übrigens wirklich glauben, dass Sie total überrascht waren, am Würstchenstand in Nyon beim Spiel gegen Stade Lausanne Goran Djuricin anzutreffen?
Dass ich ihn am Würstchenstand sah, hat mich überrascht, doch.

Aber Sie wussten, dass er zum Spiel anreist?
Er hatte es mir angetönt, ja.

Und dann fuhr er mit Ihnen nach Zürich zurück?
Ja. Nach diesem Resultat sagten wir uns, jetzt können wir gleich mit ihm reden.

Wann stand fest, dass Djuricin übernimmt?
Am Sonntagabend.

Wer war der Zweite neben ihm?
Artur Petrosjan (zuletzt Nationalcoach von Armenien). Der Entscheid fiel uns sehr schwer. Weil sich neben Djuricin auch ­Artur super präsentierte.

Wieso wählten Sie Djuricin?
Goran übernahm schon einmal in einer gleichen Situation eine Mannschaft, und er schaffte es, sie schnell wieder auf die Schiene zu bringen. Das war bei Rapid Wien, als ich Sportchef war.

Welche Qualitäten bringt er denn mit, um ein Team wieder – wie Sie es sagen – auf die Schiene zu bringen?
Er hat eine grosse Sozialkompetenz, ist ehrlich, geht auf die Leute zu und sagt, was er denkt. Bei Rapid schätzten die Spieler das sehr. Und ich bin sicher, dass es hier gleich sein wird.

Kann er auch unangenehm werden?
Das kann er. Sie kennen ihn noch nicht so gut und haben ihn erst von einer unterhaltsamen Seite kennen gelernt. Aber er scheut sich nicht vor Diskussionen. Er spricht auch bei mir klar an, wenn ihm etwas missfällt.

Was Djuricin bei seiner Präsentation über den Zustand der Mannschaft sagte und was er alles verändern möchte, dass sie mutiger und offensiver auftreten müsse, hörte sich nicht wie ein Lob für Forte an.
Vielleicht stand er unter dem Eindruck der Leistung gegen Stade Lausanne. Und wenn man das isoliert betrachtet, versteht man seine Aussagen. Aber es wäre völlig falsch, alle Schuld dem alten Trainer zu geben.

Mussten Sie mit Djuricin lange über den Lohn verhandeln?
Am Montagabend sagte ich ihm: «Wir haben noch einen Vertrag aufgesetzt.» Er nahm ihn, bat um einen Stift und unterschrieb. Ich sagte: «Du hast ihn ja gar nicht angeschaut.» Da erklärte er: «Du hast mir ja gesagt, dass ich nichts verdiene!» Ernsthaft, so war es.

Was zeigt Ihnen das?
Dass er auf diesen Job brennt, dass er arbeiten und etwas zeigen kann. Ich spürte das am vergangenen Freitag schon, als er aus Wien nach Nyon reiste.

«Ich bin hundertprozentig sicher, dass es weitergeht.»

Das unterscheidet ihn von einigen anderen Trainern, mit denen Sie Kontakt hatten. Denen waren die drei Monate bis Ende Saison zu wenig. Sind die so ängstlich?
Ich kann das teilweise nachvollziehen. GC ist eine Marke, immer noch, und die Schweizer Trainer wissen: Mit GC musst du am Ende der Meisterschaft einen der zwei ersten Plätze belegen, sonst geht das Gewitter los und trifft auch dich. Für Einzelne war das Risiko offenbar zu gross. Und es ist ja auch nicht so, dass man in drei Monaten sehr viel verdient.

Und die Garantie, dass der Vertrag verlängert wird, können Sie dem Trainer auch nicht geben.
Nein.

Weil nicht klar ist, wie es mit GC weitergeht?
Ja. Obwohl: Ich bin hundertprozentig sicher, dass es weitergeht.

Wo? In der Promotion League?
Nein, mindestens in der Challenge League.

Aber ohne neuen Investor müsste das Budget von 13,6 Millionen Franken deutlich gesenkt werden.
Das ist mit ein Grund, warum wir einem Trainer keinen langfristigen Vertrag geben oder mit den teureren Spielern noch nicht verlängern. Alles andere wäre nicht seriös.

Haben Sie eine Erklärung dafür, wieso es GC nicht läuft?
Ich verstehe es nicht. Vielleicht haben wir das Ganze unterschätzt und müssen nun feststellen, dass das Fundament doch nicht so stabil ist. Wir gingen mit hohen Erwartungen und grosser Freude in die Rückrunde, weil wir wirklich eine gute Vorbereitung hinter uns hatten. Und weil wir bis Ende Jahr auch neben dem Platz gut gearbeitet hatten. Wir gingen davon aus, dass wir befreit aufspielen würden.

Und dann waren Sie so euphorisch, dass Sie Captain Veroljub Salatic im Trainingslager Ihre private Kreditkarte gaben und ihm sagten, er solle damit ein Mannschaftsessen bezahlen.
Aus voller Überzeugung und mit einem guten Gefühl. Eigentlich ist es ein Wahnsinn: Wir fahren nach Chiasso, fangen gut an – und auf einen Schlag ist alles vorbei.

Wieso bricht die Mannschaft so schnell auseinander?
Ich komme wieder auf das Fundament zurück: Es scheint nicht so stabil zu sein wie gedacht.

Wie viel hat das mit dem ­Trainer zu tun?
Das ist schwierig zu beurteilen. Vielleicht machte sich auch bei ihm eine gewisse Anspannung bemerkbar. Wir waren auf Platz zwei und nahmen uns vor, parat zu sein, wenn Lausanne kriseln sollte.

Sie haben wegen des Trainerwechsels ein paar kurze Nächte hinter sich. Wenigstens könnten Sie jetzt wieder etwas länger schlafen.
Das glauben Sie!

Was ist denn noch?
Goran wohnt vorübergehend in meinem Haus in Mettmenstetten. Ich muss schauen, dass es ihm irgendwann nicht mehr gefällt bei mir und er sich eine eigene Wohnung nimmt. Am Dienstag sagte er mir schon, wie schön Mettmenstetten sei. Ich sagte ihm: «Du kannst das ja gar nicht wissen, wir sind bis jetzt nur immer da gewesen, als es schon dunkel war.» Darauf er: «Die Luft ist gut hier.» Kein Witz!

Schlafen können Sie ja ­trotzdem.
Der Trainer hat noch kein Auto, also bin ich auch sein Chauffeur, er will am Morgen früh schon in Niederhasli sein. Und schlafen will er auch nicht gross, weil er von mir über den Hintersten und Letzten, der bei GC arbeitet, Bescheid wissen will. Ich sagte Goran: «Ich fahre, bis du ein Auto hast. Aber präge dir bitte den Weg ein, damit du dann weisst, wohin du fahren musst.» Aber wissen Sie, was er im Auto ­gemacht hat? Er hat sich kein Strassenschild gemerkt, sondern neben mir auf dem Laptop Kriens analysiert. Er sprach kein Wort, sondern machte sich Notizen über unseren nächsten Gegner.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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Erstellt: 13.02.2020, 17:25 Uhr

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