FCW

Ein Klub der Unsicherheit

Die Lage des FCW ist so heikel wie nie mehr seit Beginn der Präsidentschaft von Hannes W. Keller Anfang des Jahrtausends, als es schlicht ums Überleben ging.

Mike Keller, Vizepräsident des FCW: «Wir sind in intensiven Gesprächen.»

Mike Keller, Vizepräsident des FCW: «Wir sind in intensiven Gesprächen.» Bild: Marc Dahinden

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FC Winterthur – FC Wil ist am Samstagabend das Treffen des Zweitletzten der Challenge League mit dem Letzten, und ­beide treten an mit dem höchst ­bescheidenen Guthaben von acht Pünktchen aus 14 Spielen. Minus zehn ist das Torverhältnis beider, für die Winterthurer spricht nur, zwei Törchen mehr geschossen zu haben.

Kein Zweifel, es ist sportlich kein Leistungsausweis, weder vom für die Transfers verantwortlichen Leiter Sport, Oliver Kaiser, noch von Trainer Umberto Romano. Auch wenn der Glaube daran, diese Mannschaft sei besser als ­ihre Resultate, noch immer nicht aufgegeben werden sollte, so ist es der sportlichen Führung auch nach 14 Spielen nicht gelungen,ihr die gewünschte Stabilität zu verleihen. Sie ist eigentlich nur in einer Beziehung berechenbar: Dass sie fast immer genauso viel – oder eben wenig – tut, dass es nicht zu dem reicht, was möglich oder gar zwingend wäre. Man nehme nur die letzten drei Spiele, als in Aarau ein Sieg schon fast erreicht war – und dann wurde in letzter Sekunde doch noch das 3:3 kassiert. Oder gegen Vaduz, als ein Plus in den meisten Beziehungen nicht mal für ein 0:0 reichte. Und zuletzt in Genf, als der FCW – wie zuvor schon in Aarau – gut auf einen Rückstand reagierte, am Schluss aber drei «sichere» Torchancen vergab und mit einem 1:1 zufrieden sein musste. Aber es ist auch eindeutig: Der FCW hat sich, zumindest gemäss Zwischenbilanz, nicht verstärkt wie gewünscht.

Es liesse sich aber auch sagen, die Mannschaft sei eben das Abbild des Vereins, und der sei nun mal ziemlich führungsschwach. In der Tat ist es schlecht, knapp zweieinhalb Jahre nach dem Rücktritt des Präsidenten Hannes W. Keller und ein halbes Jahr nach dem Auslaufen von dessen Defizitgarantie noch immer keine Führung zu haben. Aus welchen Gründen auch immer. Man muss sich zwar nicht an Schuld­zuweisungen überbieten, an der Problematik ändert das nichts.

Bald von der Hand in den Mund?

In die laufende Saison ging der Verein noch mit einem Budget von knapp vier Millionen Franken, unter Keller waren es – wenn nötig – viereinhalb gewesen. Was möglich ist für die kommende Saison, hängt davon ab, ob tatsächlich etwas wird aus den Verhandlungen «mit einem ausländischen Klub, der eine ähnliche Philosophie und Kultur lebt wie wir». So formuliert es Mike Keller, als Vizepräsident Ranghöchster im Verein und Vertreter der Keller AG, die ja weiterhin 100 Prozent der Aktien hält. Aber gelingt der Übergang ins ­Zusammenwirken mit diesem Verein, dessen Namen sie partout nicht nennen wollen, nicht, dann droht dem FCW zumindest bei ­aktuellem Stand das Wesen eines Klubs, der von der Hand in den Mund lebt. Bei aktuellem Stand liesse sich dann noch ein Budget von rund drei Millionen Franken stemmen – sehr wenig für einen Verein, der auch in der Nachwuchsarbeit seine gute Rolle behalten will. Und es wäre dann zu beantworten, wie viel die Keller AG in dieser Lage doch noch zu zahlen bereit wäre.

So oder so. Es herrscht Unsicherheit, und die wirkt sich auch auf die sportliche Planung aus. Leiter Sport Kaiser sieht seine Hände gebunden, wenn es um Vertragsverhandlungen geht. Eben auch darum, den Spielern aufzuzeigen, was in Winterthur mittelfristig möglich ist. Ob der FCW wieder werden kann, was er zu den besten Zeiten unter Keller senior war: eine der attraktivsten Challenge-League-Adressen in der Deutschschweiz. Zumindest davon hat er einiges eingebüsst.

Und das sagt Mike Keller, der Vizepräsident, zur Lage des FCW.

Mike Keller, Sie sind als Vizeprä­sident der «Höchste» im Verein. Die Mannschaft ist auf der Höhe des Tabellenletzten; es gibt knapp zweieinhalb Jahre nach dem Rücktritt des alten noch immer keinen neuen Präsidenten. Was, denken Sie, macht der FCW also zurzeit für einen Eindruck?
Mike Keller: Ich habe von Beginn an, also beim Rücktritt meines Vaters, klar gesagt, dass ich das Amt des Präsidenten nicht zuletzt aus Zeitgründen nicht wahrnehmen möchte. Ich versprach aber meine volle Unterstützung für den Übergang des FCW in eine neue Ära «nach Keller». Der freie Präsidentenstuhl soll auch jederzeit Kandidaten oder Geldgebern zur Verfügung stehen. Wir brauchen grundsätzlich mehr Köpfe. Dank zwei neuen Mitarbeitern im Sponsoringbereich konnten wir immerhin wertvolle Zusatzeinnahmen generieren, was wir hoffentlich noch weiter ausbauen können. Dennoch ist Tatsache: Wenn es uns nicht gelingt, die Geldgeber­basis zu verbreitern, sehen wiruns gezwungen, unser Budget noch weiter zu reduzieren, womit wir tatsächlich zu einem Abstiegskandidaten werden und auch unser Nachwuchslabel 1 verlieren könnten. Auch ein Zwangsabstieg in die Promotion League kann die Konsequenz sein, wenn wir die Budgetauflagen der Liga nicht erfüllen.

Die Aktien der FCW AG sind noch immer zu hundert Prozent bei der Keller AG. Es ist immer wieder die Rede von Verhandlungen. Was ist der genaue Stand der Dinge?
In der Tat, der FCW gehört immer noch zu hundert Prozent der Keller AG. Unser Ziel ist es, die Aktien in «gute Hände» zu übertragen, die an einer nachhaltigen Weiterentwicklung des Klubs interessiert sind. Wir haben in den letzten zwei Jahren 15 bis 20 Gespräche geführt mit potenziellen Interes­senten, Investoren und Kooperationspartnern. Es wäre ein Einfaches gewesen, die Aktien an einen Investor ohne emotionale FCW-Bindung zu verkaufen – analog zum Fall Wil. Das aber wäre einem «Ausverkauf unserer Seele» gleichgekommen, und das wollen wir grundsätzlich nicht.

Aber können Sie einem ­Hoffnungen machen?
Zurzeit sind wir in intensiven ­Gesprächen und Verhandlungen mit einem ausländischen Klub, der eine ähnliche Philosophie und Kultur lebt wie wir. Diese Zusammenarbeit wäre einmalig, eine Chance für beide Klubs und ginge über eine normale Kooperation hinaus. Es würde gleichzeitig unsere regionale Verankerung sichergestellt. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass wir zeitnah noch weitere grössere Geldgeber finden, ansonsten kommt das vielversprechende Projekt voraussichtlich nicht zustande. Klappt das nicht oder schaffen wir es generell nicht, eine solide, breit abgestützte Finanzbasis mit idealerweise mehreren Geldgebern aufzubauen, müssen wir uns entscheiden: Bleiben wir unserer Linie treu und reduzieren wir unser Budget weiter, oder stellen wir das Geld über unsere kulturellen und sozialen Werte.

Nächster Fixpunkt ist die Eingabe der Lizenz für die Saison 2018/19. Was können Sie da garantieren – gleichsam als Plan B, wenn es in absehbarer Zeit nicht mit dem Besitzerwechsel in gewünschter Form klappt? Wie weit darf die FCW-Gemeinde da mit der Firma Keller rechnen?
Unsere klare Absicht und Verantwortung ist es, wie erwähnt, den FCW in eine nachhaltige, erfolgreiche Zukunft zu führen. Wir sind jedoch nicht gewillt, den Klub noch jahrelang mit massgeblichen «Infusionen» künstlich am Leben zu erhalten. Bis heute leistet die Keller AG immer noch finanzielle Leistungen im sechsstelligen Bereich und nimmt sie die Buchhaltungs- und Bankfunktion für den FCW wahr. Mit Blick in die Zukunft sind wir zudem bereit, eine Anschubfinanzierung zu leisten, damit die notwendigen Investitionen getätigt werden können, um unsere Ziele zu realisieren.

Andreas Mösli, Sie als Geschäftsführer haben diese Ziele formuliert (siehe unten. Die Red.). Wo sehen Sie mit Ihren einschlägigen Erfahrungen nach 14 Jahren im Amt hauptsächlich die Probleme, warum sich der Verein so schwertut, die Nachfolge Hannes W. Kellers zu regeln?
Andreas Mösli: Es ist sicher die Lage von Winterthur, das trotz seiner Grösse ein Vorort von Zürich ist, auf das sich alles konzentriert. Es gibt zu wenige grosse Firmen, die für Winterthur stehen. Dazu ist der Winterthurer eine eher zurückhaltende Spezies. Und der FCW hat eben auch kaum eine Nationalliga-A-Tradition. Überhaupt fehlt es in dieser Stadt an einer wahren Sporttradition, das gilt nicht nur für den Fussball, das sieht man auch beim Eishockey und beim Handball. Winterthur ist also für den Sport schon ein hartes Pflaster.

Das Leitpapier des FCW

Geschäftsführer Andreas Mösli hat die Ziele des FCW in einem, wie er es nennt, «Leitpapier FC Winterthur 2017» formuliert. Es fällt in eine schwierige Zeit. Aber es soll helfen, den Verein vom immer wieder gehörten Vorwurf zu entlasten, man wisse eigentlich gar nicht, was er wolle. So sieht dieser «Dreiphasenplan» Möslis aus:

Kurzfristig – 2017/18. Der Titel dazu lautet: «Emanzipation, Kraftakt». Es gelte die «Keller-Lücke» zu stopfen und wieder, wie zu den Zeiten von «HWK», auf ein Budget von 4,5 Millionen Franken zu kommen. Die Organisation, die Führungsstrukturen seien zu verbessern – und die Liga zu halten, Challenge League fürs «Eins», 1. Liga für die U21.

Mittelfristig – bis 2020/21. Nun soll es heissen «Zurück zur Spitze». Mit auf über fünf Millionen Franken ausgebauten Einnahmequellen und geklärten Besitzverhältnissen will der FCW wieder ein «Spitzenklub der Challenge League» werden.

Langfristig – bis 2022/23. Die Einnahmen sollen weiter erhöht werden können, auf über sechs Millionen Franken. Die Infrastruktur sei zu verbessern und auszubauen und dann wolle man «als Spitzenklub um den Aufstieg spielen und zu den besten Ausbildungsklubs gehören». Kurz gesagt, «fit für die Super League» sein.

(Der Landbote)

Erstellt: 16.11.2017, 00:21 Uhr

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