«Constantin kennt den Fussball besser als andere Präsidenten»

Sion-Trainer Stéphane Henchoz verrät, weshalb ihn die schwierige Aufgabe unter Christian Constantin reizt. Und wie lange er bleiben will.

Riesige Lust auf Sion: Stéphane Henchoz fordert viel von seinem Team und will als Trainer mit gutem Beispiel vorangehen. Foto: Keystone/Jean-Christophe Bott

Riesige Lust auf Sion: Stéphane Henchoz fordert viel von seinem Team und will als Trainer mit gutem Beispiel vorangehen. Foto: Keystone/Jean-Christophe Bott Bild: Cyril Zingano/Keystone

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Als Spieler war Stéphane Henchoz (44) ein furchtloser Haudegen. Unerschrockenheit kann er als neuer Coach des FC Sion gebrauchen, weil sein Chef Christian Constantin heisst, der allein in der vergangenen Saison zwei Trainer entlassen hat.

Wie lange werden Sie Trainer des FC Sion sein?
Das weiss ich nicht. Aber das ist bei jedem anderen Trainer der Welt auch so: Am Tag, an dem er einen Vertrag unterschreibt, fängt die Sanduhr an zu laufen. Und irgendwann ist das letzte Korn unten. Im Normalfall erlebt jeder einmal eine Entlassung.

Sie sind aber bei einem ­speziellen Verein gelandet…
...klar. Ich bin auf diesen Job nicht angewiesen, habe aber riesige Lust auf diese Herausforderung. In der vergangenen Saison entliessen sechs Super-League-Clubs ihre Trainer: Lugano, GC, Basel, Luzern, Xamax, Sion. Darum: Ein Jahr bei Sion – das wäre ein Exploit.

Was reizt Sie so an dieser Aufgabe?
Die Chance, bei einem Verein mit Ausstrahlung zu arbeiten. In der Romandie bewegt kein Club mehr Leute. In Lausanne gibt es vielleicht 1500 Zuschauer, ­Hunde und Katzen inklusive (schmunzelt). Bei Servette sind es ein paar mehr, aber für Genf immer noch sehr wenig. Der Stellenwert des Fussballs im Wallis ist auch grösser als in Neuenburg. Und ich mag die Walliser.

Wie sind sie denn?
Sie haben harte Köpfe, sie sind stolze Menschen und gute Arbeiter – wie wir Freiburger auch.

Sie haben nun mit einem Präsidenten zu tun, der nicht für seine Geduld bekannt ist.
Und? Viele Trainer, die einmal bei Sion waren, kehrten zurück, Barberis, Bigon, Decastel, um nur drei Beispiele zu nennen. Alles kann nicht schlecht sein. Man kann mit Christian Constantin sehr wohl zusammenarbeiten.

Aber wenn ihm Ihr Fussball nicht passt, wird er das sagen. Auch öffentlich.
Constantin ist wenigstens jemand, der selbst einmal gespielt hat und den Fussball besser kennt als andere Präsidenten in der Super League, die reden, obwohl sie keine Ahnung haben. Ausserdem investiert er viel Geld und bezahlt alle Rechnungen.

Darf er Ihnen raten, wen Sie einsetzen sollen und welches die ideale Taktik wäre?
Tipps nehme ich gern entgegen, nicht nur von ihm. Was ich damit anfange, ist meine Sache.

Einige Ihrer Vorgänger beklagten sich über die Infrastruktur. Tun Sie das auch bald?
Nein. Wer sich beklagt, soll einmal bei Xamax vorbeischauen. Bei Sion ist die Infrastruktur ausgezeichnet. Die Trainingsbedingungen, der Staff, gemeinsam Essen, in der Vorbereitung zehn Tage Training in Crans-Montana – alles top!

«Fertig Playstation! Sondern Arbeit! Opfer! Jeden Tag.»

Wieso sind Sie überzeugt, mit Sion Erfolg zu haben?
Weil ich eine gute Mannschaft beisammen habe. Weil ein Umdenken stattfindet und eine andere Mentalität herrscht.

Was für eine?
In den ersten Wochen war die Arbeitsmoral nicht bei allen ausgeprägt vorhanden. Aber inzwischen sind die meisten Spieler bereit, viel zu investieren, sie zeigen die Einstellung, die ich mir wünsche. Und als Trainer muss ich mit gutem Beispiel vorangehen. Ich fordere viel und arbeite mit jenen, die mitziehen. Sonst trennen wir uns. Ganz einfach.

Dieses Denken gefällt Ihrem Chef bestimmt.
Welchem Chef würde das nicht gefallen? Als Unternehmer wäre für mich klar: Wenn der Angestellte nicht arbeitet, warne ich ihn einmal. Wenn er das ignoriert, setze ich ihn vor die Tür. Wenn sich einer schwertut, sich aber extrem bemüht, schicke ich ihn nicht fort, sondern versuche, ihm zu helfen.

Ist Fussball für Sie Arbeit?
Natürlich, nichts anderes. Warum erzielt Cristiano Ronaldo so viele Tore? Wieso schafft er es, schier unfassbare Biciclettas zu zeigen? Weil er ständig Chips isst und Cola trinkt? Das funktioniert ohne Arbeit höchstens an der Playstation, aber niemals in der Realität. Fertig Playstation! Sondern Arbeit! Opfer! Jeden Tag. Viele wissen nicht, was Fussball auf Topniveau voraussetzt. Wenn es von einem 16-Jährigen heisst, er sei ein Riesentalent, denke ich: Schön, aber ist er auch bereit, zu arbeiten? Wo enden viele, die glauben, nur mit ihrem Talent eine grosse Karriere zu machen? In Ostermundigen, im Heerenschürli oder in Grimisuat.

«Hinter den ersten zwei ist es ausgeglichen. Ich gebe mich nicht mit dem 6., 7. Platz zufrieden. Es wäre eine trostlose Zielsetzung.»

Sagen Sie einem Spieler ins Gesicht, wenn er den Ansprüchen nicht genügt?
Es gibt Situationen, in denen die Wahrheit auf den Tisch muss. Es bringt nichts, immer nur auszuweichen und einen Slalomkurs zu fahren. Wissen Sie, wer sich durchsetzt? Typen, die hier stark sind (tippt sich mit dem Finger an den Kopf). Wenn sie das sind, kommen sie vorwärts.

Wie Valon Behrami.
Er ist eine Persönlichkeit, ein Vorbild, was Leistungsbereitschaft angeht.

Mit Behrami steigen die Erwartungen, einverstanden?
Nein.

Warum nicht?
Weil sie bei Sion immer hoch sind, ob mit oder ohne Behrami.

Wo wollen Sie mit Sion landen?
YB und Basel stehen über allen anderen. YB hat einen gewissen Vorsprung auf den FCB, arbeitet auf allen Ebenen sehr gut und wird, denke ich, den Titel wieder verteidigen. Hinter den ersten zwei ist es ausgeglichen. Ich gebe mich nicht mit dem 6., 7. Platz zufrieden. Es wäre eine trostlose Zielsetzung. Wir möchten die Europa League erreichen – und den Cup gewinnen. Natürlich wäre es schön, unterhaltenden Fussball zu zeigen. Aber wichtiger als das Spektakel ist das Resultat.

Ende März erfuhren Sie von Xamax-Präsident Christian Binggeli, dass er Sie ab Sommer nicht mehr in Neuenburg will. Warum traten Sie nicht zurück?
Mein Kopf sagte mir: Hör sofort auf bei Xamax. Mein Herz sagte: Mach weiter. Du hast etwas angefangen, also führe es zu Ende. Das hat auch mit meinem starken Ehrgefühl zu tun.

»Wenn wir in ein paar Jahrzehnten noch auf der Erde sind, werden wir uns an den Tag im Brügglifeld erinnern, an den Ligaerhalt.»

Und jetzt sind Sie stolz, weil Sie Xamax zum Ligaerhalt geführt haben.
Super stolz, super zufrieden. Zum Glück habe ich auf mein Herz gehört. Sonst wäre ich jetzt vielleicht nicht bei Sion. Oder eventuell gar nicht mehr Trainer.

Entscheidet bei Ihnen öfter das Herz als der Kopf?
Ja, und ich fuhr gut damit. Wenn ich bei der Anfrage von Sion nur mit dem Kopf hätte entscheiden dürfen, weiss ich nicht, ob ich zugesagt hätte. Weil ich gedacht hätte: Murat Yakin war hier, aber es nahm kein gutes Ende. Geht es mir gleich?

Was haben Sie aus Ihrer Ausmusterung bei Xamax gelernt?
Dass man in diesem Geschäft niemandem vertrauen kann. Leider. Aber solche Sachen passieren nicht nur im Fussball.

In Neuenburg erlebten Sie einen sehr emotionalen Schlusspunkt: Xamax machte im Barrage-Rückspiel gegen Aarau ein 0:4 wett und gewann danach im Penaltyschiessen...
...das können Sie laut sagen! Wenn wir in ein paar Jahrzehnten noch auf der Erde sind, werden wir uns an den Tag im Brügglifeld erinnern, an den Ligaerhalt. Jede Sekunde dieses Spiels kann ich Ihnen nacherzählen.

Wo ordnen Sie dieses Erlebnis in Ihrer Karriere als Trainer oder Spieler ein?
Sehr weit oben.

Was ist unschlagbar?
Vier Tage im Mai 2001: Zuerst drehen wir mit Liverpool den FA-Cupfinal gegen Arsenal spät und gewinnen 2:1, dann setzen wir uns im Uefa-Cup-Final gegen Alaves in der Verlängerung 5:4 durch. Was waren das für Emotionen! Dahinter folgt das Eröffnungsspiel der EM 1996 mit der Schweiz gegen England im Wembley. Und dann gab es unzählige Spiele mit Liverpool in Anfield: Jedes Mal herrschte Gänsehautstimmung.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

Die Premieren-Sendung ist zu hören auf Spotify, bei Apple Podcasts oder direkt hier:

Erstellt: 16.07.2019, 21:00 Uhr

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