In England fällt kein Bier mehr vom Himmel

Der englische Fussball erlebte an der WM sein Sommermärchen. Nun ist er wieder zurück in der Realität.

Trainer Gareth Southgate plagen nach dem WM-Höhenflug Sorgen. Gegen die Schweiz droht die vierte Niederlage in Serie. Bild: Paul Marriott/Imago

Trainer Gareth Southgate plagen nach dem WM-Höhenflug Sorgen. Gegen die Schweiz droht die vierte Niederlage in Serie. Bild: Paul Marriott/Imago

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Als die Schweizer das letzte Mal in England spielten, wurden sie noch ins Wembley eingeladen. Da bekamen sie vorgeführt, wie sehr sie zu der Zeit noch nicht bereit waren für Gegner wie England und verloren auf dem Weg an die EM in Frankreich 0:2. Das war fast auf den Tag genau vor drei Jahren.

Diesmal sind die Schweizer in Leicester, um gegen England zu spielen. Das Schöne an der unscheinbaren Stadt eine Zugstunde nördlich von London ist die Natur drumherum. Und das ­Spezielle ist die Geschichte des lokalen Fussballvereins, der im Frühling vor zwei Jahren das Establishment der Premier League düpierte und als krasser Aussenseiter das Märchen vom Gewinn der Meisterschaft schrieb.

Vor drei Jahren war es ein Qualifikationsspiel zwischen England und der Schweiz, heute Abend ist es nur ein Test. Am Eingang in die Fussgängerzone weist ein Plakat leicht verschämt darauf hin. Dabei kann es für die Gastgeber ein historisches Spiel werden. Sollten sie verlieren, wäre es das erste Mal überhaupt, dass sie viermal in Folge eine Niederlage erlitten hätten.

Der Weise der Nation

Dabei ist es erst zwei Monate her, dass die Menschen in England ihre Nationalmannschaft wieder entdeckten, zumindest ihre Leidenschaft, ihre Zuneigung für sie. Als «die Sonne die Erde verbrannte, Bier vom Himmel fiel wie warmer Regen und sich jeder im Fussball verlor», wie sich der «Guardian» erinnert. Es ­waren glückselige Tage auf der Insel, weil keiner damit gerechnet hatte, was die Fussballer im fernen Russland zustande brachten: nur einen Schritt vom Final der WM entfernt zu sein.

Video: Als das Bier noch vom Himmel fiel

Der Hyde Park in London jubelt: Nach Englands 1:0 gegen Kroatien im WM-Halbfinal fliegen beim Public-Viewing die Bierbecher. Video: AP/Tamedia

Gareth Southgate, der überlegte, Gentleman-hafte Coach, war laut «Times» auf einmal «der Weise der Nation und die Identifikationsfigur». Ein «Modeguru» war er gleich dazu, weil er an der Seitenlinie zum himmelblauen Hemd eine dunkelblaue Weste trug. Wenn es um Fussball geht, verliert das Land gerne schnell seine Zurückhaltung.

In Russland gewannen die Engländer gegen Tunesien mühevoll 2:1 und gegen das überforderte Panama 6:1. Das reichte ihnen, um die Achtelfinals zu erreichen. Im letzten Gruppenspiel verloren sie mit einer B-Auswahl gegen Belgiens B-Auswahl 0:1. Im ersten K.-o.-Spiel setzten sie sich im Elfmeterschiessen gegen Kolumbien durch, im Viertelfinal hielten sie das Schweden unter Kontrolle, das zuvor die Schweiz ausgeschaltet hatte. Und das liess das Land vom zweiten Titel nach 52 Jahren träumen.

Das Pech mit den Gegnern

Dummerweise wartete im Halbfinal ein Gegner mit viel Substanz, das war Kroatien, das beim 1:2 zu stark war. Im kleinen Final gab es ein 0:2 gegen Belgien, das viel stärker war, als es das Resultat zum Ausdruck brachte. So war das an der WM.

Letzten Samstag verloren die Engländer in der Nations League gegen Spanien 1:2. Zum dritten Mal in Folge waren sie zurück in der Realität, wieder bekamen sie vorgeführt, was sie von richtig guten Mannschaften trennt. Der erste, der das anerkennt, ist Southgate. Er sagt: «Im Trainerteam machen wir uns keine Illusionen. Wir wissen, welchen Weg wir zu gehen haben, um bei den absoluten Topteams zu sein.» Es fällt kein Bier mehr vom Himmel.

Bildstrecke: Der Start in die Nations League misslang

Southgate sitzt im Presseraum des Stadions von Leicester. Er will die jüngste Bilanz relati­vieren, sagt darum, nicht viele englische Teams hätten an einer WM einen Halbfinal und einen kleinen Final bestritten, und betont angesichts der Möglichkeit einer vierten Niederlage: «Das beschäftigt mich nicht weiter.» Er schätzt die Spieler, die er hat. Anderes bleibt ihm nicht übrig.

Der 48-Jährige war selbst Internationaler. Sein grösstes Spiel war der Halbfinal an der EM 1996, den England im Elfmeterschiessen verlor, weil Southgate mit seinem Versuch scheiterte. Als Trainer stieg er mit seinem ersten Club, dem FC Middlesbrough, 2009 aus der Premier League ab. Vor zwei Jahren, drei Monate nach dem üblen Aus an der EM gegen Island, wurde er vom U-21- zum Nationaltrainer befördert.

Die Macht der Ausländer

Er hat seine klare Vorstellung vom Fussball und mag mit dem «kick and rush» nichts anfangen, auch er möchte das schöne Spiel pflegen, wie es die Spanier am Samstag zelebrierten. Er glaubt, nur so dauerhaft den Anschluss an die Weltspitze zu finden. Aber er schlägt sich mit einem Problem herum, das typisch ist für den englischen Fussball der Neuzeit: Seine Auswahl an Spielern ist stark begrenzt, «sie wird kleiner und kleiner», sagt er gar.

In der letzten Premier-League-Saison kamen Engländer nur während 33 Prozent der Spielzeit zum Einsatz, in den ersten Runden der laufenden Meisterschaft sind es noch gut 30 Prozent. Bei den sechs Topclubs aus Manchester, Liverpool und London fällt der Wert gar auf 20 Prozent ab.

Das ist der Preis, den das Nationalteam für die Globalisierung der Premier League zu zahlen hat. Ausländer besitzen die grosse Mehrheit der Clubs, allein fünf sind es bei den Top 6, und ausländische Trainer interessieren sich nicht gross für das, was sich vor ihrer Nase tut, sondern nur für den eigenen Erfolg. Bezeichnend ist die Aussage von Liverpools Jürgen Klopp: «Ich kann das Problem des Nationalteams nicht lösen. Die Liga ist so stark, dass auch Nationalspieler aus anderen Ländern nicht spielen.»

Southgate nutzt den Match gegen die Schweiz zur Entwicklungshilfe im eigenen Land. Mit Delph, Loftus-Cheek und Welbeck gibt er Spielern Auslauf, die in ihren Clubs bisher 54 Minuten zum Einsatz kamen – zusammen.

Verfolgen sie das Spiel bei uns im Liveticker ab 21.00 Uhr.

Mögliche Aufstellungen:
England: Butland (Stoke); Walker (Man City), Stones (Man City), Tarkowski (Burnley); Alexander-Arnold (Liverpool), Loftus-Cheek (Chelsea), Dier (Tottenham), Delph (Man City), Rose (Tottenham); Kane (Tottenham), Welbeck (Arsenal).

Schweiz: Sommer; Lichtsteiner, Schär, Djourou, Rodriguez; Freuler, Xhaka; Embolo, Shaqiri, Mehmedi; Gavranovic.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.09.2018, 17:26 Uhr

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