«Na, dann wäre ich wohl bei den Bayern, oder?»

Hat ihn der FCZ etwas zu gut angepriesen? Blaz Kramer sind die Vorschusslorbeeren fast schon peinlich. Obwohl: Er wäre beinahe beim deutschen Rekordmeister gelandet.

Modebewusst und seit zwei Wochen endlich FCZ-Torschütze: Blaz Kramer. Foto: Thomas Egli

Modebewusst und seit zwei Wochen endlich FCZ-Torschütze: Blaz Kramer. Foto: Thomas Egli

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Nein, ganz genau hat Blaz ­Kramer sie nicht mehr im Kopf. Also schnell die Vorschusslorbeeren gezückt, mit denen der FC Zürich seinen neuen Spieler vor dem Saisonstart überschüttet hat. «Er ist ein schneller, ­athletischer und torgefährlicher Angreifer, der dank seiner ­Grösse auch sehr kopfballstark ist.» ­Diese Werbung hat Sportchef Thomas Bickel nach der Vertragsunterzeichnung als offizielles Statement auf die Website des FCZ schreiben lassen.

Kramer sitzt in der Saalsporthalle, als er den Satz vorgelesen bekommt. Die Kleider des Slowenen bilden einen reizvollen Kontrast zur Einrichtung, die am nettesten mit dem Wort «funktional» umschrieben wird. Sie stammen aus dem klassischen Fundus des globalisierten Profifussballers: ein Pullover mit silbernem Markennamen, Hosen im Flicken­teppich-Look, dazu Schuhe einer Marke, die Goldsteak-Liebhaber Franck ­Ribéry gern auf ­Instagram spazieren führt.

Und irgendwie passt das ­Outfit ja zu Kramers bisherigem Weg, der von diesem Geschäft geprägt ist, in dem junge Männer von ihren Träumen getrieben zu einer Art weltweit gehandeltem Spekulationsobjekt werden. Auch Kramer ist mit seinen 23 Jahren schon herumgekommen. Aufgewachsen ist er in einem slowenischen Dorf bei seiner Mutter. Als er ans Wirtschaftsgymnasium wechselt, zieht er zu seinem ­Vater nach Celje – mit 40 000 Einwohnern die drittgrösste Stadt Sloweniens.

Die Matur will er nachholen

Die Matur will er heute noch per Fernstudium nachholen, «weil du nie weisst, was im Fussball passiert». Aber weil er als Teenager Tor um Tor schiesst, ist der Weg trotzdem klar: möglichst schnell raus aus Slowenien, ­diesem kleinen Land, in dem die meisten Clubs zu wenig Geld ­haben, um sich gute Nachwuchszentren leisten zu können.

Wollte hoch hinaus: Blaz Kramer. Foto: Thomas Egli

Das zumindest ist der Plan seines Beraters. Also geht ­Kramer auf Reisen. Eindhoven, Prag, Wolfsburg und so weiter quer durch Europa. Überall spielt er vor, überall wird ihm gesagt, dass ihm noch etwas fehle. Also dreht er eine Saison lang eine Ehrenrunde in der höchsten Liga ­seiner Heimat, ehe er rauskommt aus ­Slowenien.

Spiele in der vierten Liga

Er landet mit 20 doch noch in Wolfsburg, der Autostadt, in der sein Berater wohnt und zwei Restaurants betreibt. Kramer trainiert mit dem ersten Team, spielt mit dem Nachwuchs in der vierten Liga. Und verbringt seine Tage meist in den Lokalen seines Beraters, wo die Mitarbeiter seine Freunde werden.

Auch wenn es ihm zu keinem Spiel in der Bundesliga reicht, ist Kramer nah dran an den Profis, die sich in Wolfsburg mit guten Löhnen über die überschaubare Attraktivität des Wohnortes trösten können. Ist es ein Wunder, dass der Kleidungsstil seiner Vorbilder auf ihn abfärbt?

Wobei Kramer die Attitüde ­abgeht, die von den Stars der Branche ­üblicherweise zu dieser Sorte Mode getragen wird. ­Sowieso ziehe er eigentlich meistens Trainer an, meint er. Und als er etwas zu Bickels Lob sagen soll, lächelt er fast scheu. Schnell, torgefährlich, kopfballstark– mehr kann ein Stürmer ja eigentlich gar nicht sein, oder? «Wenn ich das alles hätte», sagt Kramer, «na, dann wäre ich wohl bei den ­Bayern, oder?»

Die Gespräche mit München

Ist der 23-Jährige aber nicht. Sondern beim FCZ. Jenem Club, der am zweitwenigsten Tore in der Super League geschossen hat. Wobei – das mit den Bayern, das sagt Kramer nicht von ungefähr. Er hat tatsächlich im Sommer mit dem Deutschen Meister gesprochen. Er muss den Bayern spätestens in den Aufstiegsspielen zur 3. Liga aufgefallen sein, in denen sich Bayern II gegen Wolfsburg II durchgesetzt hat.

Foto: Thomas Egli

Für welches Team er in München vorgesehen gewesen wäre? «Das ist nun nicht mehr relevant.» Aber es muss ihm eine ähnliche Rolle angeboten worden sein, wie er sie bereits beim VfL Wolfsburg zwei Jahre lang ausgefüllt hat: Trainings mit der ersten Mannschaft, Einsätze aber vor allem mit dem zweiten Team. Und davon hatte er genug. «Wenn du Back-up von Lewandowski bist, wirst du nicht viele Einsätze ­bekommen», sagt er.

Also landete Kramer beim FCZ und spaziert nun in der Freizeit mit Ehefrau und Hund am Seeufer seines neuen Wohnorts Freienbach. Nicht dass es keine anderen Angebote gegeben hätte. Aber da war ja Admir ­Mehmedi, den Kramer in Wolfsburg kennen gelernt hat. Der ehemalige FCZ-Junior übernahm eine Vermittlerrolle zwischen seinem ehemaligen Club und Kramer.

Mehmedi schwärmte vom FCZ

Auf der einen Seite legte ­Mehmedi Sportchef ­Bickel den Stürmer ans Herz. Und auf der anderen schilderte er den FCZ in den schönsten Farben. «Ich habe viel mit ihm geredet», erzählt Kramer, «er hat mir gesagt, das sei ein super Verein, bei dem ich mich super entwickeln kann.»

Nur dass sich am Anfang der Saison irgendwie gar nichts super entwickelt hat in Zürich. Das Team stolperte durch die Saison. Kramer blieb elf Liga-Runden ohne Torerfolg. Nicht einfach für einen Stürmer. Nun half ihm die deutsche Schule, die er in Wolfsburg mitbekommen hat: «Mentalität, professionelle Einstellung, harte Arbeit im Training.»

Die Erlösung

Und dann dieses Spiel gegen den FC Basel, in dem ihm endlich der erste Treffer gelang. Ein Tor zu diesem 3:2-Sieg, von dem alle beim FCZ hoffen, dass er das Team endlich auf den richtigen Kurs bringt. Zumindest für ­Kramer scheint das zu stimmen; er trifft eine Woche später auch gegen Thun zum 1:0-Sieg.

Kramers erstes Tor für den FCZ: der Siegtreffer gegen den FC Basel. (Video: Teleclub)

Bei diesem Tor wird erstmals klar, welche Qualitäten Bickel in ihm sieht. Kramer ist verdammt schnell für seine 1,91 Meter. 34 Kilometer pro Stunde seien bei ihm in einem FCZ-Spiel gemessen worden, sagt er selbst. Damit wäre er gleich schnell wie Cristiano ­Ronaldo. Der trägt übrigens auch diese exklusiven Sneaker.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

Die Sendung ist zu hören auf Spotify, bei Apple Podcasts oder direkt hier:

Erstellt: 10.11.2019, 12:14 Uhr

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