Sechs Gründe warum sich die Europa League lohnt

Die Europa League kann für Schweizer Vertreter ein Türöffner auf ganz verschiedenen Ebenen sein.

Grosser Schweizer Moment in der Europa League: Der FC Basel empfängt 2013 im Halbfinal den FC Chelsea. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Grosser Schweizer Moment in der Europa League: Der FC Basel empfängt 2013 im Halbfinal den FC Chelsea. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

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Er schwitzte und er lachte. Er herzte seinen Trainer, die lokalen Journalisten klopften ihm auf die Schultern und befragten ihn zu einer aufregenden Zukunft. Ein wenig wirkte Präsident Angelo ­Renzetti an diesem warmen Abend im Mai, als hätte er mit ­seinem FC Lugano soeben die Champions League gewonnen.

Dabei hatten die Tessiner bloss die kleine Schwester der Königsklasse erreicht. Aber auch die Europa League regt die Fantasien der Schweizer Clubs an. «Nach einer Qualifikation herrscht vielleicht das Gefühl: ‹Ich spiele europäisch, jetzt fliessen Milch und Honig›», weiss Martin Blaser. Und lässt gleich ein paar Träume platzen: «Aber so ist es nicht.»

Blaser ist Geschäftsführer des Sportvermarkters Ringier Sports AG, er war zuvor Marketingdirektor beim FC Basel. Er sagt: «Sportlich wird mit der Qualifikation ein grosses Ziel erreicht. Offen bleibt: Wie viel von diesem Erfolg kann ich abschliessend in kommerziell positive Resultate ummünzen?»

Und auch sonst lautet die ­Frage vor dem Start der Gruppenphase der Europa League: Was bringt dieser Wettbewerb Schweizer Teilnehmern – und was auch nicht?

1. Die Prämien

Dies ist die einfachste Antwort, weil schon vor dem Start klar ist, dass Millionen in die Kassen des FC Lugano, des FC Basel und der Young Boys fliessen werden. Wie viele es sind, hängt vom Qualifikationsweg ab – und neuerdings auch davon, wie erfolgreich ein Club in den letzten zehn Jahren europäisch gespielt hat. So kann es sein, dass YB vor dem ersten Spiel bereits dreimal mehr eingenommen hat als ­Lugano (siehe Tabelle). Die Uefa stärkt gerne die Starken.

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In der Europa League werden 510 Millionen Euro verteilt – viermal weniger als in der Champions League. Entsprechend tiefer sind die Prämien, die verdient werden können (siehe Tabelle). Und doch ist für Schweizer Verhältnisse viel Geld im Spiel. Wanja Greuel, CEO von YB, sagt: «Einnahmen aus europäischen Wettbewerben sind wichtiger Bestandteil unseres Geschäftsmodells.»

2. Die Wertsteigerung

Ausländische Scouts, die sich in der Schweiz umschauen, haben ein Problem: Es ist schwierig, ­abzuschätzen, ob ein Profi seine Leistung auch in einer grösseren Liga abrufen kann. «Scouts wollen sehen, wie robust ein Spieler mental ist. Wie er auftritt, wenn er mal im Ausland in unbekannten Gefilden auf starke Gegner trifft», sagt Georg Heitz.

Der ehemalige Sportchef des FCB nennt ein Beispiel dafür, was passieren kann, wenn einer in ­solchen Momenten überzeugt: ­Mohamed Elneny reichten im Herbst 2015 fünf Auftritte in der Europa League, um für Arsenal interessant zu werden. «Mit ­Matches in der Schweiz allein wäre es nicht zu diesem Wechsel gekommen», meint Heitz. Basel freute sich damals über einen Transfererlös von rund 15 Millionen Franken.

Georg Heitz spricht über die Werststeigerung des ehemaligen FCB-Spielers Mohamed Elneny. Bild: Freshfocus

Nicht immer fällt der Gewinn so hoch aus. Sicher ist aber, dass viele Transfers ins Ausland erst zustande kommen, wenn sich ein Spieler auf europäischem Parkett zeigen konnte. Und das nicht nur, weil das Niveau höher ist.

«Vielleicht geht ein Scout Krasnodar schauen – und entdeckt einen Basler», sagt Heitz. Zudem kommen bei den Auswärtspartien andere Späher ins Stadion als in der Super League. «Oft sind auch Sportchefs oder andere Clubvertreter da. Einfach, weil das Spiel in ihrer Heimat stattfindet», ist Spielerberater Gaetano ­Giallanza aufgefallen.

Für einen Transfer ins Ausland muss es dabei nicht einmal ein Nachteil sein, wenn ein Team statt in der Champions bloss in der Europa League spielt. Jene Vereine, die sich in der Schweiz bedienen, können sich meist gar keine Spieler leisten, die in der Königsklasse spielen. Also richten ihre Scouts den Fokus sowieso auf die Europa League.

3. Die Sicht der Spieler

Loris Benito gibt es zu: Die Europa League ist für Fussballer nicht das Ende der Träume. Der ehemalige Verteidiger der Young Boys sagt: «Klar ist es super, Europa League zu spielen. Aber du weisst, es gibt noch etwas Höheres.» Die Champions League.

Und doch kann es laut Berater Giallanza durchaus interessanter sein, bei einem Schweizer Club mit der Aussicht auf Einsätze in der Europa League zu bleiben. Und dafür auf einen Transfer zu einem Verein zu verzichten, der besser bezahlt, in einer grösseren Liga aber ein kleines Licht ist. Wobei es dabei immer darauf ankommt, ist, wo ein Spieler in seiner Karriere steht.

Loris Benito entschied sich gegen das Abenteuer Europa Leage mit den Young Boys entschieden. Bild: Freshfocus

«Die Frage ist der nächste Schritt», sagt Giallanza, «internationale Spiele können dich vielleicht eher zu einem grösseren Club in der Bundesliga bringen als ein Vertrag bei einem deutschen Abstiegskandidaten.» Klar ist aber auch, dass dieser Weg der Geduld nur für jüngere Spieler attraktiv sein kann.

«Es ist stark von den Aussichten in der kommenden Saison abhängig, ob du bei einem Verein bleibst», sagt etwa Benito. Trotzdem hat er sich als 27-Jähriger im Sommer gegen weitere europäische Auftritte mit YB entschieden und für Bordeaux, das nicht international spielt.

4. Die Sicht der Arbeitgeber

Beim Werben um ausländische Spieler leiden Schweizer Clubs darunter, dass sie in einer Liga mit wenig Strahlkraft spielen. Und daran, dass ein im internationalen Vergleich winziger TV-Vertrag die Budgets beschränkt.

Da hilft es, wenn bei Vertragsverhandlungen das Schaufenster Europa League als Argument ins Feld geführt werden kann. Zudem gibt eine Gruppenphase den Clubs finanzielle Argumente in die Hand. «Du kannst mit Europacup-Prämien beim Lohn schrauben», sagt Heitz, «und so einen Teil des Rückstands kompensieren, den du beim Grundlohn auf andere Ligen hast.»

Das hat allerdings auch zur Folge, dass ein Teil der Einnahmen ohne nachhaltige Wirkung direkt an die Profis weiterfliesst. Was für Berater Giallanza «korrekt» ist: «Das ist ein Anreiz für die Spieler, die durch Siege und gute Auftritte interessante Boni verdienen können.»

5. Die Vermarktung

Was bei den Clubs in der Kasse bleibt, hängt auch von den Gegnern ab. Der FC Zürich profitierte bei seinem Spiel gegen Neapel im Frühjahr davon, dass die Partie in der Stadt als Event galt, das man nicht verpassen durfte. So verkauften sich die lukrativen ­Tickets im Hospitality-Bereich gut, wo die Verpflegung Teil des Geschäfts ist. YB hat in dieser Saison den Jackpot geknackt und darf sich auf Heimspiele vor grosser Kulisse freuen. Lugano dagegen leidet darunter, dass die «Heimspiele» im drei Fahrstunden entfernten St. Gallen ausgetragen werden, weil das Cornaredo den Ansprüchen der Europa League nicht genügt.

Bandenwerbung und TV-Rechte sind zentral vermarktet. Über sie bezahlt die Uefa als Veranstalter die Prämien. Doch bei den Sponsoren gibt es für die Clubs Spielraum. Sofern die Verträge richtig ausgehandelt sind. Für Vermarkter Blaser war der FC Thun ein Weckruf, der 2005 von seinem Trikotsponsor keinen Rappen zusätzlich erhielt, obwohl das Team in der Champions League spielte.

Seither setzt Blaser auf ein Stufen-Modell: «Sponsoren verpflichten sich für Liga und Cup, internationale Spiele sind verhandelbar oder eine Option, die käuflich erworben werden kann.» Auf diesem Weg kam der FCZ letzte Saison in der Europa League zu einem Hauptsponsor, der ihm im Liga-Alltag fehlte.

Blasers ehemaliger Arbeitgeber Basel hat ein Stufen-Modell. Bei YB sind in den Verträgen mit den grössten Sponsoren Bonus-Beträge festgelegt, die im Fall einer Teilnahme an internationalen Spielen bezahlt werden.

6. Die Politik

YB-CEO Greuel ist eben in den Vorstand der European Club Association gewählt worden. Die ECA sitzt als mächtiger Partner am Tisch, wenn die Uefa über Reformen im Europacup entscheidet. Und Greuel wäre kaum zu ganz grossen Playern eingeladen worden, wäre sein YB nicht regelmässig im internationalen Geschäft vertreten. Auch sportpolitisch hilft die Europa League den Vertretern aus der Super League aus dem Schattendasein.

YB-CEO Wanja Greuel: «Absolut ungesund für den europäischen Fussball.» (Bild: Keystone)

Nie war es wichtiger, dass die Schweiz in der ECA eine Stimme hat, die Gehör findet. Bald wird entschieden, ob ab 2024 europäisch ein Drei-Ligen-System mit Auf- und Abstieg eingeführt wird. Es wäre das Ende aller Hoffnungen auf ein Schweizer Team in der Champions League.

Kein Wunder, sagt ­Greuel: «Die Idee, dass 24 Teams wiederholt direkt für die Champions League qualifiziert sein sollen, halte ich für absolut ungesund für den europäischen Fussball.» So interessant die Europa League ist: Milch und Honig fliessen doch nur in der Champions League.

(Mitarbeit Kay Voser)


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

Die Sendung ist zu hören auf Spotify, bei Apple Podcasts oder direkt hier:

Erstellt: 18.09.2019, 12:09 Uhr

TV-Rechte

Pro Runde der Europa League darf SRF ein Spiel mit Schweizer Beteiligung live zeigen. Allerdings hat der Privatsender Teleclub, der alle Partien im Pay-TV überträgt, das Erstwahlrecht. So ist am Donnerstag Kopenhagen gegen Lugano auf SRF zu sehen – und nicht etwa Porto gegen YB. (fra)

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