Von Thun kann GC viel lernen

Am Sonntag treffen der gesunde Aussenseiter und der kranke Rekordmeister aufeinander.

3 Treffer für GC und damit einer unter vielen: Nedim Bajrami (links). Rechts: 14 Treffer für Thun und damit Bester der Liga: Dejan Sorgic. Fotos: Keystone

3 Treffer für GC und damit einer unter vielen: Nedim Bajrami (links). Rechts: 14 Treffer für Thun und damit Bester der Liga: Dejan Sorgic. Fotos: Keystone

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Bevor die Grasshoppers im Dezember nach Thun fuhren, gab Trainer Thorsten Fink eine simple Parole aus: «Da müssen wir halt einen Lastwagen im Strafraum parkieren und dann mal schauen, was passiert.» Sie spielten ordentlich, verloren trotzdem 0:1 und zum dritten Mal in Folge.

Morgen müssen sie zurück ins Berner Oberland. Dem FC Thun geht es gut, er ist Dritter und frei von allen sportlichen Sorgen, er hat doppelt so viele Punkte wie GC gewonnen und doppelt so viele Tore erzielt. GC dagegen steckt in der Krise, nach acht Nieder­lagen jüngst in zehn Spielen, davon allein sechs zuletzt in Folge. «Von uns erwartet jeder, dass wir wieder verlieren», sagt Fink.

So weit ist es mit dem Rekordmeister gekommen. Das 0:1 am vergangenen Sonntag gegen ­Xamax hat die ohnehin tiefen Wunden weiter aufgerissen.

Bei diesem Spiel gehörte Benjamin Lüthi zu den 4900 Zuschauern, die im Letzigrund sassen. Der 30-Jährige ist ein ehemaliger Profi, für den es in seiner Laufbahn zwei Clubs gab: Thun – und GC. Ihn interessierte die Stimmung rund um den Verein, er wollte herausfinden, wie die allgemeine Gefühlslage im Abstiegskampf ist. Und seine Erkenntnis? «Ich sah viel Angst und wenig Substanz.»

Finks Erkenntnis

Mit Thun ist Lüthi emotional verbunden und auch familiär, sein Vater Markus ist seit Oktober 2012 Präsident des Clubs; mit GC verbinden ihn zwei Jahre in der Super League bis zu seinem Rücktritt 2017. Die Berner Oberländer strahlen für ihn Souveränität, Ordnung und Klarheit aus. Die Zürcher greifen nach Ästen, dummerweise aber immer nach solchen, die leicht brechen. Sie reden viel und bieten wenig, vernachlässigen Detailarbeit und fallen mit einer undurchsichtigen Transferpolitik auf. Lüthi sagt: «GC bewegt sich auf den grossen Knall zu, aber niemand unternimmt etwas dagegen.»

Fink würde das so nicht stehen lassen. Er glaubt unverdrossen, dass der Club inzwischen eine «langfristige Planung hingelegt» habe. Nur ist davon nichts zu sehen, zumindest nichts Positives. Immerhin ist nun auch bei Fink die Erkenntnis gereift: «Die Planung nützt uns jetzt nichts. Wir müssen punkten.» 0,81 beträgt der Punkteschnitt während seiner zehnmonatigen Amtszeit. Das ist die Bilanz eines Absteigers.

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Es hat lange gebraucht bei GC, Niederlage um Niederlage, um den Blick für die Realitäten zu öffnen. «In den letzten Wochen hat jeder gedacht, wir könnten in der Tabelle noch nach oben kommen», sagt Fink. Und blendet grosszügig aus, wer vor allem so gedacht hat: er selbst. Noch nach dem 1:3 gegen den FCZ im zweiten Spiel der Rückrunde zeigte er sich angetan von den Qualitäten, die seine Mannschaft dank Djuricin, Ngoy und Ravet in der Offensive habe. Jetzt sagt er selbst: «Es sollten alle wissen, was die Stunde geschlagen hat.»

Der Trainer, der eigentlich von schönem Fussball träumt, will morgen ein anderes GC sehen – eines, das aggressiv ist und die Zweikämpfe nicht scheut. Entsprechend hat er diese Woche arbeiten lassen.

Thuns Stärke

In Thun wissen sie immer, was sie haben und woher sie kommen, weil sie eine kleineGeschichte und keine gross­spurigen Erwartungen haben. Es ist nun nicht so, dass ihre Biografie frei von trüben Kapiteln wäre: zig Millionen Franken, die nach der Champions League 2005 irgendwo versickerten, Sexskandal 2007, Abstieg 2008, Wettaffäre 2009, nahe am finanziellen Kollaps 2016.

Aber Thun erholte sich immer wieder, und das hat primär mit den handelnden Personen zu tun: mit dem besonnenen Markus Lüthi, mit dem cleveren Sportchef Andres Gerber. Das Geschäftsmodell klingt einfach, setzt aber ein gutes Auge voraus und ein unaufgeregtes Umfeld: Spieler auch aus einer tieferen Schweizer Liga holen, aufbauen und verkaufen. Beispiele dafür gibt es genug, wie gut dieses Modell funktioniert: Renato Steffen (jetzt Wolfsburg), Luca Zuffi (Basel) und Christian Fassnacht (YB) sind nur ein paar.

Kontinuität ist ein Stichwort, das auch Fink im Zusammenhang mit Thun einfällt. Thun hat sie, GC nicht. Das zeigt ein Vergleich beim Personalumsatz: Allein seit 2017 hat GC 28 Spieler verpflichtet, ohne nun jene einzurechnen, die nach einer Leihe zurückgekehrt sind. Thun kommt nur auf gut die Hälfte, auf 15. GC denkt multinational und hat sein Personal selbst in China gefunden, Thun setzt auch auf heimisches Schaffen (siehe Grafik).

Benjamin Lüthi fände das Experiment spannend, die Thuner Fussballer in GC-Leibchen zu stecken. «Ich glaube, dass GC ein anderes Bild abgeben würde», sagt er, «man sähe Spieler mit einer anderen Körperhaltung und der Bereitschaft, als Einheit zu funktionieren. Das alles ist derzeit nicht sichtbar.»

Fink anerkennt die Arbeit in Thun, er sieht eine Mannschaft, die eingespielt ist und einen ­eigenen Charakter hat. «Einen Charakter, wie wir ihn wegen unserer Wechsel noch nicht haben können», wie er sagt. Und er sieht eine Mannschaft, die frei spielen kann, ohne den Druck, wie zumindest er ihn bei GC ausmacht: «Wenn sie gegen den Abstieg spielt, ist das auch nicht eine Sensation. Aber glauben Sie nicht, wenn man die gleiche Mannschaft hier in Zürich hinstellt, dass sie dann oben mitspielt.»

Lüthis Befürchtung

Was bleibt, ist die Frage anLüthi: Was muss realistischerweise geschehen, um GC vor dem totalen Niedergang zu bewahren? Zumindest den Trainer auswechseln? «Das allein würde langfristig kaum etwas bringen, vielleicht vier, fünf, sechs Punkte mehr bis Ende Saison», sagt er, «aber in ein paar Monaten wäre der Club wieder gleich weit.»

Eine wirksame Veränderung, glaubt Lüthi, könne nur stattfinden, wenn auf strategischer Ebene personelle Wechsel vollzogen werden. Und dann bräuchte es Zeit, um etwas Nachhaltiges zu schaffen, «fünf, sechs Jahre», rechnet Lüthi vor. Um nachzuschieben: «Ich befürchte, dass man die Geduld nicht aufbringen würde.»

Erstellt: 24.02.2019, 11:51 Uhr

Leere GC-Kurve in Thun?

Die Krawalle nach dem letzten Gastspiel von GC in Thun von Mitte Dezember waren schwer. Steine, Tische und Fahrräder flogen beim Bahnhof, Busse wurden beschädigt und fünf Poli­­­­­­­zisten verletzt. Der Sachschaden betrug über 100'000 Franken. Als Folge davon hat die Stadt Thun beschlossen, GC-Fans morgen nur dann in die Fankurve der Stockhorn-Arena zu lassen, wenn sie ein Kombiticket kaufen und damit im Bus direkt zum Stadion anreisen. Dieses Spezialbillett ist verpönt

bei den Fangruppierungen. Darum ist zu erwarten, dass die Kurve morgen leer bleibt. Das heisst aber nicht, dass keine Zürcher beim Spiel sind, sie müssen dafür nur ein normales Billett für einen anderen Sektor kaufen. (red)

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