FC Winterthur

Als Aussenseiter nach Chiasso – die Rarität

Der FC Chiasso ist Sechster der Challenge League und wäre ohne Punktabzug gar Vierter; der FCW ist nur Achter. Alle Zahlen sprechen für die Tessiner, die also als klarer Favorit ins Heimspiel gegen die Winterthurer imRiva IV gehen.

Ein «giftiger» Spielstil zeichnet den FC Chiasso aus: Luca Radice (links) bekommt die Härte von Captain Simone Belometti zu spüren.

Ein «giftiger» Spielstil zeichnet den FC Chiasso aus: Luca Radice (links) bekommt die Härte von Captain Simone Belometti zu spüren. Bild: Heinz Diener

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Der FC Chiasso gehört grundsätzlich zu den grauen Mäusen der Challenge League. In den ersten fünf Jahren der Zehnerliga war er stets zwischen dem 6. und 8. Rang klassiert; er war am Ende einer Saison stets froh, hatte er sportlich die Klasse gehalten und die Lizenz bekommen. Doch in dieser Saison ist das etwas anders. Zwar ist er in der offiziellen Tabelle wieder «nur» Sechster. Aber sportlich ist er Vierter, wie er es auch nach Rangliste wäre, hätte ihm die Liga nicht wegen Lizenzvergehen drei Punkte abgezogen. Vor allem aber ist er, entgegen mancher Erwartung, kein Abstiegskandidat, sondern – spielerisch noch deutlich mehr als nach Punkten – eine der Überraschungen der Saison. Im Vergleich zur letzten Saison sind 20 Spieler im Kader neu, 19 sind nicht mehr dabei. Aber dem Trainer ist es gelungen, eine Mannschaft zu formen, die ein Gesicht hat und die, dies vor allem, guten Fussball mit durchaus offensiver Ausrichtung spielt. Dieser Trainer kam im Sommer als völlig unbekannte Grösse. Denn wer hatte hierzulande schon den Namen Guillermo Abascal gehört, Spanier, 28 Jahre alt und in der Nachwuchsbewegung des FC Sevilla tätig.

Aggressiv, ja giftig

In einem 4-3-3 oder, wie zuletzt, einem 4-4-2 stellte Abascal seine Mannschaft auf. Und sie spielt aggressiv, ja «giftig». Keine andere in der Liga hat so viele Gelbe Karten gesammelt wie der FC Chiasso mit seinen 47; keine andere macht durchschnittlich pro Match so viele Fouls wie er. Und dennoch: vom Platz gestellt wurde noch keiner aus Chiasso. Ganz anders der FCW: Der hat, mit 26, am wenigsten Gelbe Karten gesehen; er gehört auch zu den Teams mit den wenigsten Fouls. Aber er steht einsam an der Spitze, wenn es um Rote Karten geht: sechs in der Liga, eine siebte im Cup. Darunter jene folgenschwere für Silvio, der sich auf der Schützenwiese von Chiassos Captain Simone Belometti provozieren liess.

In Chiassos Kader steht, als «Sechser», ein ausgesprochenes Talent wie der 19-jährige Eris Abadini, dem eine sichere und vor allem auch baldige Zukunft nicht «nur» in der Super League, sondern im Ausland vorausgesagt wird. Teamstütze ist aber auch der zwölf Jahre ältere Antoine Rey, ein altgedienter Haudegen der Liga, gekommen vom FC Lugano. Eine Entdeckung ist der Gambier Assan Ceesay (23), ein Schlaks von 1,88 m Länge und nur 75 kg Gewicht, sechsmal Torschütze, dreimal entscheidender Passgeber. Und vor allem ist die Stimmung an der Grenze nach Italien sehr gut, nach drei Siegen und einem Unentschieden aus den letzten vier Runden – nach drei Niederlagen in Vaduz und gegen die Favoriten Servette und Neuchâtel Xamax zuvor. Das 4:0 am vergangenen Sonntag gegen Wohlen war eine Rarität, denn so viele Tore gelingen einer Mannschaft aus Chiasso selten. Zuletzt war das im Februar 2017 der Fall gewesen, beim 4:1 gegen den … FCW und dem 5:0 gegen Aarau.

Alle Zahlen gegen den FCW

Der FC Chiasso hat also einen kleinen Lauf. Im Vergleich zum FCW sprechen alle Zahlen für ihn. Der Rang, die Punkte (plus 11 auf dem Platz), die geschossenen Tore (5 mehr), die erhaltenen (5 weniger), die Punkte auf eigenem Platz (10 mehr), selbst jene in der Fremde (1 mehr). Also ist die Ausgangslage heute absolut aussergewöhnlich: Der FC Chiasso ist Favorit. Eben weil diese Zahlen für ihn sprechen, die in guten – eben besseren – Leistungen gründen. Seit die Tessiner im Sommer 2010 in die Challenge League zurückkehrten, waren sie nur einmal nicht hinter dem FCW klassiert. Das war gleich im Jahr nach dem Aufstieg, als sie Siebter wurden, die Winterthurer in der zweiten Saison unter Boro Kuzmanovic beinahe abgestiegen wären. Seither aber stand der FCW am Saisonende immer mehr oder weniger klar vor Chiasso, und von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen galt das jeweils auch vor den Direktbegegnungen.

Dazu passt, dass der FCW gegen keinen andern Gegner eine so gute Bilanz hat: Von 26 Pflichtspielen, davon einem im Cup, wurden elf gewonnen; elfmal gabs ein Unentschieden, nur dreimal eine Niederlage. Geradezu auffallend gut ist die Statistik im Tessin: Sechs Siege, vier Unentschieden und nur zwei Niederlagen für die Winterthurer. Öfter schoss Patrick Bengondo das entscheidende Tor im Riva IV.

Chance auf den Saisonrekord

Der FCW hat in dieser Saison noch einiges aufzuholen, will er auch nur bescheidenere Saisonziele erreichen. Immerhin, er hat zuletzt in Genf unentschieden gespielt und gegen Wil gewonnen – vier Punkte aus zwei Spielen sind Egalisierung des Saisonrekords. 2:0 in Wil und 1:1 gegen Chiasso Ende August/Anfang September waren bisher die einsame Bestleistung. Heute könnte sie also überboten werden. Es war in den letzten Wochen ja auch festzustellen, dass die Winterthurer auswärts und als Aussenseiter besser spielten als daheim und als Gastgeber, dem Siege auferlegt waren. Das 3:3 in Aarau und das 1:1 gegen Servette waren Beweise dafür.

Trainer Umberto Romano, der das 4:0 Chiassos gegen Wohlen im Stadion gesehen hat, muss (oder kann) sein Team auch diesmal umstellen. Noch nie in dieser Saison hat er zweimal hintereinander mit derselben Elf begonnen. Heute fehlt ihm im Mittelfeld Karim Gazzetta, dessen Fussverletzung sich nachträglich doch als Bänderriss und nicht nur als –überdehnung herausstellte. Er fehlt also bis zur Rückrunde. Dafür müsste von Vorteil sein, dass Innenverteidiger Jordi Lopez zurückkehrt. Zu erwarten ist überdies, Denis Markaj gebe nach verbüsster Sperre wieder den Rechtsverteidiger.

Markaj, mittlerweile 26, hat im Frühjahr 2012 unter Trainer Raimondo Ponte, Aargauer wie er, in Chiasso seine Karriere als Nationalliga-Fussballer begonnen. Veljko Simic, in der vergangenen Saison Stammkraft der Tessiner und bis Anfang Woche beim FCW, hat sich gestern auf der Schützi von seinen Kollegen verabschiedet. Er kehrt vorderhand nach Serbien zurück.

Erstellt: 24.11.2017, 20:14 Uhr

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