Fussball

«Als ob er auf dem Rietsamen spielen würde»

2007 verliess Manuel Akanji die Wiesendanger D-Junioren von Trainer Beat von Niederhäusern Richtung FC Winterthur. Elf Jahre später tritt er in der Bundesliga an.

Beat von Niederhäusern war beim FC Wiesendangen vier Jahre lang der Juniorentrainer von Manuel Akanji.

Beat von Niederhäusern war beim FC Wiesendangen vier Jahre lang der Juniorentrainer von Manuel Akanji. Bild: Marc Dahinden

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wie fühlt man sich als Trainer, wenn ein ehemaliger Junior für Borussia Dortmund spielt?
Beat von Niederhäusern: Freude und Genugtuung. Ich weiss, dass ich einen Anteil an seiner Karriere geleistet habe.

Hätten Sie damit gerechnet?
Ich war immer überzeugt von seinen Fähigkeiten. Es überrascht mich nicht, dass er so weit gekommen ist.

Wie haben Sie ihn erlebt?
Er war schon in Wiesendangen kein Lauter und kein Blender. Er wurde von allen sehr geschätzt. Er war ruhig, aber immer ehrgeizig. Ein Winnertyp, das hat man schon damals gemerkt.

Acht Jahre FC Winterthur, zweieinhalb Jahre FC Basel, jetzt Dortmund. Es scheint, dass seine Karriere stets nach oben geführt hat. Stimmt der Eindruck?
Nein. Bei den Junioren des FC Winterthur gehörte er lange nicht zu den Top 3 seines Jahrgangs. In der U 18 sass er ein halbes Jahr auf der Bank. Zu jener Zeit wurde er nicht als Spieler eingeschätzt, der Karriere machen würde. Damals hätten die wenigsten gedacht, dass er einmal beim FC Basel oder in der Bundesliga landen würde. Auch der Schweizerische Fussballverband hat ihn übrigens sehr lange nicht bemerkt. Erst in der U 20 stand er in einer Nationalauswahl.

Woran lag das?
Seine Art zu spielen, seine innere Ruhe, seine Ruhe am Ball – die ist fantastisch. Und er besass schon immer eine positive Bilanz bei Zweikämpfen. Aber Verantwortliche hatten wegen seines Spielstils das Gefühl, er sei zu wenig präsent auf dem Platz, zu wenig aggressiv. Doch das täuschte. Denn er war und er ist immer total bereit.

Weshalb kam es dennoch zum Durchbruch?
Der zweite Wachstumsschub war matchentscheidend. Er ist innert Kürze um einen Kopf gewachsen, in die Breite gegangen und hat ein paar Kilo Muskelmasse dazugewonnen. Er war schon immer ein guter Spieler, der praktisch keine Fehler macht, ballsicher und schnell ist. Aber jetzt stimmte auch noch die Athletik. Das gab ihm Selbstvertrauen und pushte ihn. Da war es nur noch eine Frage der Zeit, bis er beim FCW in der ersten Mannschaft spielen würde. Von da an ging es immer weiter. Wäre dieser Wachstumsschub ein Jahr später gekommen, hätte er sich vielleicht nicht in der U 21 des FCW behaupten können, hätte man vielleicht nicht mehr auf ihn gesetzt und ihn zu Seuzach oder Wiesendangen abgegeben. So wie es mit anderen Fussballern geschehen ist, denen man keine grosse Zukunft zutraute.

Das Timing scheint für eine ­Karriere entscheidend zu sein?
Es ist sehr wichtig. Es braucht Wettkampfglück: am richtigen Ort zur richtigen Stelle bereit sein sowie von den richtigen Leuten betreut und beobachtet werden. Ein junger Spieler muss auf einen Trainer treffen, mit dem die Chemie stimmt. Wenn er sich wohlfühlt im Team, kann er Gas geben, mehr riskieren und sich entfalten. Entscheidend ist, wie der Trainer mit Fehlern des Spielers umgeht. Schafft er das auf positive Art, kann sich der Spieler entwickeln. Schaut ein Trainer nur auf die Resultate, hilft er nicht viel weiter. Es gibt viele Steinchen, die passen müssen.

Welche gehören unbedingt dazu?
Die Familie ist die Grundlage. Seine Eltern haben ihn nie unter Druck gesetzt, ihn immer machen lassen, sie gaben ihm die Zeit, die er brauchte. Sie haben viel für den Sport ihrer drei Kinder aufgewendet. Er war sportlich vielseitig. Das kam ihm später im Fussball zugute. Ohne Talent, Schnelligkeit, Athletik, Koordination, Technik und taktisches Verständnis geht nichts. Ein Spieler muss aber auch immer lernfähig sein, er muss sich ständig durchsetzen können, an sich glauben und er muss Geduld haben – ein Wort, das Fussballer nicht gerne hören . . . Manuel hatte sie und wollte sich beweisen. Er ist nie nervös geworden – was mich auch erstaunt hätte – und hat dann die Chancen gepackt.

Wie 2017, als er zum Nationalspieler aufstieg.
Ja. Er hatte auch beim FCB keinen leichten Einstieg. Unter Urs Fischer musste er 2015 lange warten, bis er zum Zug kam. Nach acht Monaten in Basel riss er das Kreuzband und einige meinten, das sei sein Ende. Doch dann kam er vor einem Jahr stärker zurück als vor der Verletzung. Er übernahm viel mehr Verantwortung, öffnete nun selbst mit Pässen das Spiel. Als ich ihn da spielen sah, war ich mir sicher, dass er in ein oder zwei Jahren in der Bundes­liga sein würde.

Was hat Sie in letzter Zeit am meisten an ihm beeindruckt?
Er geht im Old Trafford gegen Manchester United auf den Platz und macht sein Ding, als ob er auf dem Rietsamen in Wiesendangen spielen würde. Es interessiert ihn nicht, was rundherum passiert, sondern er will einfach nur seine Leistung bringen. Er wird nicht nervös, so kenne ich ihn. Er ist eine Persönlichkeit geworden. Er hat Bodenhaftung und wird sie auch jetzt nicht verlieren. In der Champions League und in der Nationalmannschaft hatte in entscheidenden Szenen immer er den Ball. Und er ist fähig, eine gescheite Angriffsauslösung zu machen. Er wird das alles auch in Dortmund zeigen müssen.

Wird er in der Bundesliga ­bestehen?
Ja. Es wird ein paar Wochen dauern, bis er ins Team hinein findet. Er wird spielen, davon bin ich überzeugt, und er wird in Russland eine gute WM machen. Bei der Vertragsunterzeichnung habe ich Dortmunds Manager Michael Zorc lächeln sehen. Sie haben jetzt etwa 20 Millionen Euro für Manuel bezahlt, ich denke, sie wissen, dass auch sie mit ihm so viel verdienen können. Es ist nicht der letzte Vertrag, den er unterschrieben hat. Ich sehe ihn in der Premier League, das ist der nächste Schritt.

Erstellt: 25.01.2018, 21:54 Uhr

Infobox

Alte Weggefährten

Das Talent hätte aus Manuel Akanji auch einen Tennisspieler oder Leichtathleten werden lassen können. Beides machte er mit Erfolg. Er blieb beim Fussball, zumal Umfeld und Training beim FC Wiesendangen passten. Sein erster Trainer, von dem er viel mitnahm, war Rico Osta, der spätere Klubpräsident, der 2011 starb. Bei den E- und D-Junioren betreute Beat von Niederhäusern während vier Saisons das Team mit den Jahrgängen 1995 und 1996; Manuel Akanji gehörte dazu, ebenso Nils von Niederhäusern, sein jüngster Sohn, der jetzt beim FC Vaduz spielt. Akanji (22) ist im Übrigen nicht der einzige aktuelle Nationalspieler, der einst unter Beat von Niederhäusern in Wiesendangen trainierte: Steven Zuber spielte kurz als F-Junior in seiner Mannschaft...
Beat von Niederhäusern hatte den Einstieg als Trainer des Wiesendanger Juniorenteams gegeben, in dem Nick, das zweitälteste der vier Kinder, spielte. Nach Super-League-Einsätzen mit dem FC Vaduz (auch gegen Akanjis FC Basel) sowie einem Abstecher in die USA trainiert Nick von Niederhäusern (28) derzeit beim FC Wil, er ist auf Klubsuche. Jahrelang, darunter vier Saisons beim FC Winterthur, betreute Beat von Niederhäusern Juniorenteams und später die Frauen des FC Wiesendangen. Zuletzt half er Sarah Akanji, Manuels Schwester, beim Aufbau des Frauenteams des FCW. «Seither konsumiere ich nur noch Fussball», lächelt der 58-Jährige.

«Er hat mir die wichtigsten Sachen beigebracht. Bei ihm machte ich grosse Fortschritte, was auch zum Wechsel zum FC Winterthur führte», sagt Manuel Akanji über Beat von Niederhäusern. «Er ging mit uns sehr gut um, durch ihn wurden wir beim FC Wiesendangen eine tolle Mannschaft. Auch heute habe ich ein gutes Verhältnis zu ihm. Ich kenne ihn seit langem. Früher war ich oft bei von Niederhäuserns zu Hause, Nils war einer meiner besten Schulkollegen.»
In Wiesendangen besuchten Manuel Akanji und Nils von Niederhäusern zusammen den Kindergarten und die Unterstufe, in Oerlikon begegneten sie sich an der Sportschule. Das erste Juniorenjahr beim FC Winterthur bestritten sie gemeinsam, inzwischen sind sie beide Profis und haben den gleichen (Winterthurer) Spielerberater. Nils – ein rechter Aussenverteidiger wie Bruder Nick und Onkel André, der in den Achtzigerjahren für den FCW antrat – gehörte seit den U-15 zu jeder Schweizer Nachwuchsauswahl. Auf U-15-Stufe wechselte er vom FCW zum FC Zürich. Für die Saison 2016/17 lieh ihn der FCZ an Wohlen aus. Der FC Vaduz wurde auf ihn aufmerksam und letzten Sommer stiess der laufstarke Verteidiger fix zum Spitzenklub der Challenge League.

Nils von Niederhäusern freut sich über den rasanten Aufstieg seines Kumpans. «Ich schaue mir sicher mal ein Spiel in Dortmund an», sagt er. Eigentlich sei er ja schon immer BVB-Fan gewesen, gibt er zu. Im Sommer tauchte er oft in Bad Ragaz auf, wo Borussia Dortmund das Trainingslager abhielt. Jetzt hat er einen gewichtigen Grund mehr für einen Besuch.
Sein Ziel bleibt die Super League: «Ich traue mir diesen Sprung sicher zu», erklärt der 22-Jährige und vergleicht mit Manuel Akanji: «Momentan besteht ein riesiger Unterschied zwischen uns. Er ist Nationalspieler.» Auszuschliessen sei indes nicht, dass sich die Wege wieder einmal kreuzen. «Vielleicht spielen wir mit 35 Jahren wieder zusammen beim FCW. Oder dann spätestens bei den Senioren des FC Wiesendangen...»

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Landboten digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!