Fussball

Der Dortmunder Junge aus dem «Ländle»

In Dortmund, einer der Fussballhauptstädte Deutschlands, ist Ralf Loose aufgewachsen und fussballerisch sozialisiert worden. Seit 22 Jahren lebt er in Vaduz. Hatte er ein Engagement ausserhalb des «Ländles», pendelte er. Das tut er fortan nach Winterthur, denn er ist der neue Trainer des FCW.

Im Schnitt erfolgreich war die Karriere von Ralf Loose, dem neuen Trainer des FCW.

Im Schnitt erfolgreich war die Karriere von Ralf Loose, dem neuen Trainer des FCW. Bild: Marc Dahinden

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Als Loose, 55, 1 Meter 90 gross und blond, vor knapp zwei Wochen (fast) unerkannt auf der Tribüne der Schützenwiese sass und das Spiel gegen Chiasso beobachtete, sass auch Andy Egli dort. Loose bemerkte ihn, sah aber von einer Begrüssung ab. Es lag ihm daran, inkognito zu bleiben. Die Verhandlungen mit dem FCW liefen ja noch. Dabei kennen sich die beiden, sie waren einst gar Teamkollegen: In der Saison 1984/85 spielten sie zusammen bei Borussia Dortmund; in den ersten paar Wochen gar unter dem Trainer Timo Konietzka. Wie es damals um den Verein stand, zeigt dieses Beispiel: Am 13. November 1984 schoss Egli sein erstes Tor in der Bundesliga, das dritte zu einem 3:1 gegen Eintracht Braunschweig. Die Eintracht rutschte damit vom 16. auf den letzten Platz ab, der BVB ging an jenem Dienstagabend den umgekehrten Weg. Nur 19 000 Zuschauer waren im Stadion, Ende Saison stieg Braunschweig ab, stand der BVB nur einen Punkt über dem Relegationsplatz.So waren die Zeiten, als der Dortmunder Junge Loose für «seinen» Verein spielte. Sie waren schwierig, zumal finanziell. Loose war meist Libero, im Mittelfeld stand Michael Zorc, seit Jahren der Sportdirektor des BVB. Die beiden wuchsen zusammen zu Bundesligaprofis heran – und ihr erster grösserer Schritt war, 1981 gemeinsam U-18-Europameister und Weltmeister zu werden.

Das sind seither die Stationen Looses – vom Captain und besten Skorer eines U-20-Weltmeisters zum Trainer auf der Schützenwiese:

Der Junioren-Weltmeister. Es war, erinnert sich Loose, «schon eine Sensation, als U-18-Europameister auch Weltmeister zu werden – mit einer Mannschaft, die im Schnitt anderthalb Jahre jünger war als die Gegner». Der Grund: Die eigentlich vorgesehene, «ältere» Mannschaft Deutschlands hatte sich nicht qualifiziert, die Jüngeren rutschten kurzfristig nach, weil nach einem Forfait ein Platz frei geworden war. Als Libero schoss Loose vier Tore, zwei im Final gegen Katar. Und der Trainer, Dietrich Weise, sollte später in Looses Karriere nochmals eine Rolle spielen.

Fünf Jahre spielte Loose dann in der Bundesliga für «seinen» Verein, denn das war der BVB natürlich für einen Jüngling, der aus einer Dortmunder Fussballerfamilie stammte. Und der nebenbei das Abitur schaffte.

Aufstiegscaptain in Düsseldorf. Zu internationalen Einsätzen reichte es nicht mehr. Es folgte gar ein Umweg über die 2. Bundesliga, kurz mit Rot-Weiss Oberhausen und dann mit Fortuna Düsseldorf. «In Düsseldorf war ich dann weg von zu Hause», sagt er, «ich übernahm mehr Verantwortung. Dort war ich dann auch fünf Jahre Captain.» Mit der Fortuna stieg er auf. 221 Bundesligaspiele für BVB und Fortuna machte er insgesamt. Keine überragende Karriere, zumal ohne A-Länderspiel, für einen ehemaligen «Weltmeister»-Captain, aber eine gute. Wie es danach auch von seiner Zeit als Trainer zu sagen sein wird. Im Schnitt erfolgreich, aber sie führte ihn nie in die1. Bundesliga.

Der Schritt nach Liechtenstein. Die Trainerlizenz in Köln machte Loose 1995, Armin Veh war im selben Kurs. Erste Station als Trainer war die eines Assistenten bei Mainz 05 in der 2. Liga – mit Spieler Jürgen Klopp. Allerdings war es mit dem Vergnügen vorbei, als mit Wolfgang Frank ein neuer Trainer kam – ein eigenartiger mit kurzer Vergangenheit beim FCW. Da traf es sich gut, dass sein alter Trainer Weise inzwischen Nationalcoach in Liechtenstein war.

1996 trat er dort sein Amt als Junioren-Nationaltrainer an (und wurde Einwohner von Vaduz). Zwei Jahre später übernahm er auch die A-Auswahl, arbeitete aber weiterhin mit den Junioren. In seinem dritten Spiel, im Oktober 1998, feierte er mit einem 2:1 gegen Aserbeidschan Liechtensteins ersten Sieg in einem Pflichtspiel. Im Tor debütierte der 16-jährige Peter Jehle. 2000 wurde Looses Liechtensteiner U-17 Schweizer Meister, und er merkt an: «Als ich anfing, hatten wir Mario Frick als Profi, als ich ging, hatten wir 15.» Getrennt hat er sich von den Liechtensteinern (und umgekehrt) nach sieben Jahren. «Eine sehr erfolgreiche Zeit», sagt er.

Siegen: Der erste Aufstieg. Die Sportfreunde Siegen übernahm er 2004. Sie waren eigentlich aus der (damals drittklassigen) Regionalliga abgestiegen, blieben aber dank eines Lizenzentzuges drin. Und diese Mannschaft führte er in die 2. Bundesliga. Zum ersten Heimspiel kamen 2700, zum letzten 10 600 Zuschauer. Die grosse Stütze: der nachmalige Nationalspieler Patrick Helmes. Aber in die 2. Liga ging Loose nicht mit. Sein Vertrag galt dafür nicht. Und er hatte sich für die Saison 2005/06 schon mit dem FC St. Gallen geeinigt.

Die Sache mit Wilhelm Tell. In St. Gallen, mit dem Sportchef René Weiler, hatte er mit Alex Tachie-Mensah und Eric Hassli eine offensiv starke Mannschaft. Davide Callà machte er zum Captain, natürlich war auch «Zälli» Zellweger da. Die Resultate waren ordentlich – und dennoch wars im April 2006 vorbei. Platz 6 war den St. Gallern nicht mehr genug, obwohl sie die Saison dann ohne ihn auf . . . Platz 6 beendeten. Was an Loose hängen blieb: die blamable Niederlage im Cup gegen den FC Küssnacht am Rigi aus der 2. Liga inter. «Seither weiss ich, woher Wilhelm Tell kommt», schmunzelt Loose heute. Der kommt zwar nicht aus Küssnacht am Rigi, war aber mal in der Hohlen Gasse . . .

Der Jubel in Dresden. Nochmals Siegen, kurz Augsburg und dann, als ein Höhepunkt seiner Karriere, Dynamo Dresden waren die nächsten Stationen. Das Engagement in Dresden begann zwar unvorteilhaft, denn als er an jenem 12. April 2011 bei der Vorstellungspressekonferenz gefragt wurde, was das für ein Tag sei, wusste er die korrekte Antwort nicht: Er redete von einem Konzert, für das er bei der Hinfahrt Plakate gesehen hatte. Dabei hätte er sagen müssen: «Es ist das Gründungsdatum Dynamos . . .» Spöttische Kritik war ihm sicher. Damit wars bald vorbei: Eigentlich sollte, bei sieben Punkten Rückstand auf einen Aufstiegsplatz sechs Runden vor Schluss, schon die neue Saison geplant werden. Aber dann holte Dynamo aus diesen sechs Spielen 16 Punkte. Der Klub kam in die «Relegation», wie die Deutschen auch Aufstiegsspiele nennen, besiegte den VfL Osnabrück, den Drittletzten der 2. Liga, und stieg auf. Der nächtliche Rückflug vom 3:1 in Osnabrück musste verlängert werden. Die Dynamo-Maschine musste so lange über Dresden kreisen – bis die euphorischen Fans endlich von der Landebahn waren.

«Die Stadt ist ein Traum, die Fans sind es auch», sagt Loose noch heute. Ende 2012, nach insgesamt 64 vorwiegend erfolgreichen Spielen, musste er doch gehen. Aber: «Dynamo war ein Highlight.» Es folgten zweieinviertel Jahre bei Preussen Münster in der 3. Liga – im Schnitt erfolgreich. «Aber wir waren einfach nie fähig», denkt Loose, «den letzten Schritt nach oben zu gehen.»

Also musste er nicht mehr nach Vaduz pendeln, sondern konnte sich von dort aus beispielsweise den Schweizer Fussball anschauen oder bei verschiedenen Trainern hospitieren. Eine Stippvisite machte er 2017 noch in China bei Felix Magaths Verein im Osten des Landes. Aber dort Assistent zu sein, war nichts für ihn. Nach anderthalb Monaten war er, so schnell es ging, zurück.

Ein Jahr beim FCW. Also war er disponibel, als der FCW einen Trainer suchte. Und als der Weg aus Sicht des Vereins frei war, «ging es zügig», formuliert er es. Für ein Jahr hat er unterschrieben. Den FCW hat er gestern in Schaffhausen zum dritten Mal in kurzer Zeit gesehen, «aber den Klub kenne ich seit ewig – schon mit den Liechtensteiner Junioren habe ich viele Kämpfe gegen den FCW bestritten».

Die aktuelle Situation sei «schwierig, man muss sie klar analysieren. Wir müssen schon einiges besser machen und als Erstes versuchen, am Mittelfeld anzudocken.» Ihm liege es ja – siehe Liechtenstein – «mit jungen Spielern zu arbeiten». Er nennt sich einen «kommunikativen Trainer, der Disziplin erwartet». Zur Mannschaft mag er sich (noch) nicht näher äussern – etwa über die offenen Personalentscheide. Aufgefallen ist ihm einfach zweierlei: «Die neue Tribüne – sie ist ein Quantensprung für den Klub.» Und: «Das Publikum, das immer hinter der Mannschaft steht.» (Der Landbote)

Erstellt: 21.05.2018, 21:52 Uhr

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