FCW

Der Marathonläufer, dem die Luft ausgeht

Der FCW spielt in Lausanne seinen letzten Match gegen einen Topgegner. Das Ziel für die letzten sechs Runden: den lange Zeit so guten Gesamteindruck nicht ärgerlich zu schmälern.

Trotz seiner Jugend ist Remo Arnold einer der zentralen und vor allem stabilsten Spieler des FCW.

Trotz seiner Jugend ist Remo Arnold einer der zentralen und vor allem stabilsten Spieler des FCW. Bild: Heinz Diener

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Nimmt man die Zahlen, ist die Sache klar: Der FCW sieht zurzeit wie eine Marathonläufer, der lange mit der Spitze mithielt, dem aber nun – ab Kilometer 30 – die Luft auszugehen droht. Den Herbst beendete er als Tabellenzweiter der Challenge League, mit 1,72 Punkten pro Spiel. Aus den ersten zwölf Spielen der Rückrunde sammelte er aber nur noch 13 Punkte, karge 1,08 pro Match. Oder: von den letzten neun Spielen hat er nur noch eines, das Derby in Schaffhausen, gewonnen, aber vier verloren. Nur Schaffhausen und Wil punkteten im Frühjahr weniger.

Also ist der FCW im Spitzenquartett auf den letzten Platz abgerutscht. Rang 1 ist seit dem 2:3 gegen Servette am Ostersamstag selbst theoretisch nicht mehr möglich, zum Kampf um Barrageplatz 2 können gewiefte Ranglistenmathematiker diese Version zusammenstellen: Gewinnt der FCW heute bei der Nummer 2, Lausanne, hat er noch sechs Punkte Rückstand, könnte er den Waadtländern noch gefährlich werden, wenn die etwa in den letzten Direktbegegnungen mit Aarau und Servette weitere Federn lassen und die Winterthurer in ihren letzten fünf Spielen gegen die Teams hinter ihnen eine Erfolgsserie durchziehen. Und wenn dann auch die vier Punkte Rückstand auf Aarau verschwinden.

Das knappe Kader

Das aber wirkt reichlich realitätsfern, eher lässt sich die Frage stellen, warum der Marathonläufer FCW auf dem Rückweg von der Wendemarke bei halber Distanz doch spürbar nachgelassen hat. Das ist so, obwohl man sagen kann, die Leistungen seien auch in den letzten Wochen in der Regel nicht schlecht, manchmal gar gut gewesen – wie zuletzt beim 2:3 gegen Leader Servette und beim 2:2 in Aarau. Aber die Resultate – die stimmten eindeutig nicht mehr, auch nicht annähernd so wie im Herbst. Die Gründe dafür? «Das knappe Kader», sagt Sportchef Oliver Kaiser als Erstes. Dass er im Winter «Ergänzungsspieler mit Potenzial für die Zukunft», wie er sagt, verpflichtete und keinen – teuren – Prominenten für die Offensive verstärkt hätte, begründet er damit, dass dies nun mal der Strategie und den finanziellen Möglichkeiten entspreche. Dass die Neuen – von Eris Abedini über Marin Cavar, Patrick Sutter und Liridon Mulaj bis hin zum Esten Mark Lepik – «in einer Momentaufnahme noch kein Erfolg sind», anerkennt auch Kaiser. Aber das kann sich, zumindest in einzelnen Fällen, noch ändern. Er denkt auch, der eine oder andere könnte den Kopf schon mehr bei seiner persönlichen Zukunft als beim aktuellen Punktestand des FCW haben. Aber, schliesst Kaiser, «wichtig bleiben mir die letzten Spiele, nicht nur die Resultate, auch der Inhalt.» Hole man 56 Punkte, dann könne man von einer Saison sprechen, die so gut sei, wie man sich nach den ersten 14 Punkten fürs Startviertel hochgerechnet habe. Nötig dafür sind zwölf Punkte aus sechs Spielen.

Ralf Loose, der Trainer, ist in seinen Äusserungen wie stets zurückhaltend, er mag jedenfalls (noch) nicht definitive Schlüsse äussern. «Vielleicht ist der Zwischenstand auch etwas dem Spielplan geschuldet», sagt er also, denn inklusive den Match heute in Lausanne wird der FCW in neun Runden seit Anfang März sechsmal gegen einen der Top 3 gespielt haben. Klar ist Loose auch, «dass wir mehr Verletzungen zu verkraften haben als im Herbst», mehr Sperren kamen – logischerweise – hinzu.

Auch eine Frage des Willens

Remo Arnold, trotz seiner Jugend einer der zentralen und – vor allem – stabilsten Spieler, sieht die Dinge so: Es fehle wohl etwas an «Substanz in der Breite des Kaders.» Im Herbst sei je kaum mehr als einer des Stamms ausgefallen, jetzt sei das – mit öfter drei Absenzen – anders «und das können wir nicht mehr auffangen wir gewünscht.» Aber Arnold glaubte auch, es fehle manchmal «etwas an Klasse, an Willen und Mentalität». Es ist in der Tat so, dass die Mannschaft zurzeit nicht mehr die Begeisterungsfähigkeit ausstrahlt wie oft im Herbst, den letzten Willen, das bestmögliche Resultat zu erzwingen. Die Konsequenz: im Herbst gewann der FCW die engen Spieler mehrheitlich, jetzt verliert er sie eher. Die jüngsten Beispiele: eine Leistung, wie sie Kriens ohne Topstürmer Nico Siegrist auf der Schützi bot, hätte genauso wenig für ein 0:0 reichen dürfen wie jene Aaraus gar zu einem 1:0-Sieg. Und die Vorlagen, die am vergangenen Samstag Leader Servette lieferte, als er dem FCW ein 1:0 und ein 2:1 erlaubte, wäre von Winterthurern in herbstlicher Verfassung und mit herbstlicher Lauf- und Kampfbereitschaft wohl zu einem Punktgewinn genutzt worden.

Der FCW dieser Tage wirkt eben auch ein bisschen genügsamer als jener vor allem des Herbsts oder noch in ersten Rückrundspielen wie bei den überzeugenden Heimsiegen gegen Vaduz (3:0) und Rapperswil-Jona (2:0). Dazu beigetragen hat auch, dass einzelne Spieler nicht in der Form ihrer besten Tage sind. Der Taulant Seferi des Frühjahrs 2019 ist nicht der torgefährliche Seferi des Spätherbsts, als er mal in sechs Spielen fünf Tore schoss. Es brauchte Ousmane Doumbia nach seinem winterlichen Malariaanfall (begreiflicherweise) Zeit, wieder in die physische Verfassung zu kommen, Leistungen von derselben Konstanz wie im Herbst zu liefern. Aber auch Abwehrchef Sead Hajrovic ist nicht mehr durchgehend der Chef seiner ganz guten Tage. Das Gegenstück ist Luka Sliskovic, zurzeit der formstärkste im Team.

Am Freitag in Lausanne fehlt Davide Callà wegen seiner Knöchelverletzung zum fünften Mal. Was die Resultate anbetrifft, fällt seine Absenz nicht direkt auf – denn vor der Niederlage gegen Servette gabs Punkte in Schaffhausen und Aarau, dazu gegen Kriens. Aber natürlich fehlt seine Leadership. Hinzu kommt, dass Granit Lekaj das Abschlusstraining wieder abbrach und – wegen muskulärer Probleme – wie gegen Servette ausfällt. Hajrovic steht im Aufgebot, er hat allerdings den Ausfall zur Halbzeit gegen Servette wegen Kopfschmerzen hinter sich und eine Woche ohne Mannschaftstraining. Denn wie Callà leistete er in den vergangenen Tagen Dienst in der Ausbildung, Trainer zu werden.

Lausanne auf gutem Weg

Von Gegner Lausanne mit seinem Winterthurer Trainerduo Giorgio Contini/Umberto Romano wird natürlich ein Sieg erwartet. Die Waadtländer hinterliessen zuletzt, mit drei Siegen ohne Gegentor nach der Derbyniederlage gegen Servette, den Eindruck eines Teams, das im entscheidenden Moment doch zusetzen kann. Vor allem brachten sie es in den Spielen in Rapperswil, gegen Wil und zuletzt beim imposanten 5:0 in Chiasso fertig, von Anfang an die Dinge in die Hand zu nehmen. Dass sie dies zu wenig angestrebt und geschafft hätten und sie deshalb mit ungewöhnlich vielen Unentschieden (14 an der Zahl) bestraft worden seien, wurde ihnen und ihrem Trainer in Lausanne über Monate vorgeworfen. Das scheint vorbei zu sein – das muss es auch, wollen die Lausanner ans Ziel kommen. Das heisst weiterhin nur: Super League.

Erstellt: 25.04.2019, 21:29 Uhr

Challenge League

Lausanne-Sport - FCW. Freitag, 20.00

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