Fussball

Der schönste Herbst seit Jahren

Als Zweiter ist der FCW nominell ein Kandidat auf den Aufstieg. Davon wollen sie auf der Schützenwiese zwar nicht reden. Aber das Ziel ist, nach zwei Jahren in den tiefsten Niederungen der Tabelle, den schönen Herbst zu bestätigen und ihm ein schönes Frühjahr folgen zu lassen.

Ein Glücksfall für den FCW war die Rückkehr von Davide Callà, der sich als grosser Führungsspieler bestätigte.

Ein Glücksfall für den FCW war die Rückkehr von Davide Callà, der sich als grosser Führungsspieler bestätigte. Bild: Heinz Diener

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Im Jahr 2012 konnte man sich als FCW-Fan zuletzt fühlen wie heute. Damals, als Savvas Exouzidis der letzte grosse Führungsspieler des Vereins war – bis heute, da Davide Callà wirkt. Als der FCW im Frühjahr sechs Punkte mehr holte als der Aufsteiger St. Gallen und in die Cup-Halbfinals kam; als er im Herbst bis eine Runde vor Vorrundenschluss Zweiter war – und dann Exouzidis durch Verletzung, Sven Lüscher an Aarau­ verlor.

Und das sind heute die Gründe für die erfreuliche Zwischenbilanz.

Der Sportchef und die Transfers. Die grundsätzliche Trans­ferbilanz der letzten Jahre war schwach, von Trainern wiederholt geforderte Umbauten der Mannschaft gelangen nicht. Diesmal ist es anders. Also sagt Ralf Loose, der neue Trainer: «Wichtig ist die Zusammenstellung des Kaders, an der ich weitgehend nicht beteiligt war. Die Spieler mit Winterthurer Wurzeln, die geholt wurden, haben ihre Aufgaben sehr gut gelöst. Wir haben eine gute Hackordnung im Team und einige Junge, die sich gut entwickeln.»

Sportchef Oli Kaiser, der Mann hinter den Transfers, sagt: «Es hat sich bewahrheitet, dass wir die richtigen Charaktere auswählten. Das und die Führung eines erfahrenen Trainers sind die Basis – und immer braucht es auch ein bisschen Glück.» In der Tat, die Rückkehrer Callà, Sead Hajrovic und Granit Lekaj spielen, mit Luca Radice, ihre Rolle. Die Jungen sind welche wie Remo Arnold, Taulant Seferi, aber auch – aus der U-21 – Enrique Wild und Gabriel Isik. Dazwischen stehen welche wie Raphael Spiegel und Ousmane Doumbia.

Das Kader ist relativ knapp. Es war Glück, dass der FCW von ausge­prägtem Verletzungspech verschont blieb. So spielt der Vorteil, dass kleinere Kader weniger Raum für atmosphärische Störungen bieten. Ein «Fall», wie es nun in Chiasso mit Taulant Se­feri und Luca Radice gab, müsste in einer gesunden Mannschaft folgenlos bleiben.

Der Trainer – unprätentiös. Eher ein Fragezeichen als die meisten neuen Spieler war der neue Trainer. Nach einem halben Jahr sprechen die Resultate aber auch für ihn. Ralf Looses Wirken ist unprätentiös, von Realitätssinn geprägt, ohne grosse Worte. «Er konzentriert sich auf das Wesentliche», sagt Kaiser, es ist ihm zuzustimmen. Sind Leistungen auch Einzelner gut, überbordet Loose nicht gleich; sind sie mal schwächer, bleibt seine Rhetorik zurückhaltend. Und er stellt korrekt auf, sauber nachvollziehbar nach dem, was ihm die Spieler in Matches und Trainings, aber auch mit dem Auftreten an Hinweisen liefern.

Neue Ziele? Die Personalie Sutter? Das Wort Aufstieg will auch von Platz 2 aus keiner der Verantwortlichen in den Mund nehmen. Kaiser sagt: «Es gibt keine neuen Zielsetzungen. Zuerst mal wollen wir die Punkte holen, um uns in der oberen Hälfte festzusetzen. Wir wollen einfach die Vor­runde bestätigen.» Das ist nicht schlecht für die Mannschaft eines Klubs, der in dieser Vor­runde nur einen Punkt weniger holte als in der ganzen vergangenen Spielzeit. Loose fügt bei: «Als Erstes ist mal wichtig, wieder gut zu starten – und nicht, von Aufstieg oder Barrage zu reden.»

Zum Personal sagte Kaiser am Montag: «Es werden am 3. Januar alle wieder dastehen, die bisher bei uns waren. Grosse Sprünge erlaubt schon das Budget nicht.» Loose stimmt zu: «Ich habe keine personellen Wünsche. Wir sind gut beraten, die Struktur der Mann­schaft so zu belassen, wie sie ist.» Tags darauf allerdings mussten die beiden zur Kenntnis nehmen, dass Stürmer Manuel Sutter – nach zweieinhalb Jahren auf der Schützenwiese – völlig unerwartet um die Auflösung seines noch bis Ende Saison laufenden Vertrags bat. Diesem Wunsch entsprach Kaiser – und fügte bei: «Für ihn müssen wir natürlich einen Ersatz suchen.»

Natürlich hätte er auch gerne gesehen, Tunahan Cicek wäre zum FCW und nicht nach Schaffhausen zurückgekehrt. Aber man kann ja auch sagen, mit Jordan Gele sei in einem gewissen Sinn schon ein «Neuer» da im Januar. Der Franzose, der seit Anfang September verletzt ausfiel, dessen Vertrag eigentlich zum Jahres­ende ausläuft, erhält die Chance auf einen neuen Anlauf. «Dann werden wir», sagt Kaiser, «im Lauf des Januars seine Situation klären.»

Mündlich geregelt ist überdies, dass ein weiterer Innenverteidiger das Abwehrzentrum ergänzt. Vom FCZ soll Marin Cavar zurückkehren, ein Talent mit Jahrgang 1999, das in der vergangenen Saison eine starke Rolle in der ­U-21 des FCW spielte, ehe er nach Zürich zurückberufen wurde.

Der Verein und seine Zukunft. Die sportliche Ausgangslage fürs Frühjahr ist gut und, abgesehen von allen rhetorischen Visionen Richtung Aufstieg, ist zu sagen: Bisher war zu erkennen, dass vor allem Servette, grundsätzlich aber auch das sehr potente Lausanne besser sind oder sein müssten als der FCW – aber kein anderer Verein. Bleibts einigermassen bei dieser Hierarchie, kann der FCW in der Tat weit vorne stehen. Aber er ist eben auch wei­terhin ein Verein ohne Präsidenten, ohne klare Sicherheiten in mittelfristigen Zukunftsfragen. «Fürs Tagesgeschäft gut aufgestellt, aber mit zu wenig mittelfristiger Planungssicherheit» – so liesse man es formulieren.

Dazu ist anzumerken: Die Lizenz­ für die Super League wird beantragt. Und Mike Keller aus der Besitzerfamilie und Vizepräsident formuliert zum Thema dies: «Wir wollen den Verein in eine nachhaltige Zukunft führen – aber die Last soll auf möglichst vielen Schultern verteilt werden.» Das darf wohl zum einen so interpretiert werden, dass die Kellers den Verein nicht hängen lassen. Aber sie wollen doch erreichen, ihren Aufwand zu reduzieren.

Aber es gibt auch noch den Geschäftsführer Andreas Mösli, und der sagt – etwas forscher als die sportlich Verantwortlichen: «Wir sind bereit, vorne mitzuspielen.» Damit meint er die organisatorischen Voraussetzungen des Vereins mit dem besten Zuschauerschnitt der Liga. 3500 im Schnitt waren es im Herbst, 700 mehr als in der vergangenen Saison, als der Abstiegskampf frühzeitig wegfiel; so viel wie vor zwei Jahren, als der FCZ das Stadion zweimal bis auf den letzten der 9400 Plätze füllte. Zu­mindest sehr viel spannender als in den vergangenen Jahren müsste das Frühjahr 2019 werden.

Erstellt: 18.12.2018, 20:25 Uhr

Die Noten der FCW-Spieler

Tor
Raphael Spiegel (26 Jahre/18 Spiele): Nur im Cupspiel in Greifensee stand er nicht 90 Minuten im Tor. Die Vorrunde beendete er mit einem Patzer in Chiasso, manchmal wirkte er in seiner Seriosität fast zu verkrampft. Sein Spiel mit dem Fuss ist nicht elegant, aber schon besser – und insgesamt war er ein guter Torhüter. – Knappe 5.

Abwehr
Denis Markaj (27/13): Der Rechtsverteidiger war wochenlang einer der stabilsten Spieler. Dann verletzte er sich Ende September in Vaduz und fand nach mehrwöchiger Pause noch nicht wieder den alten Rhythmus. – Gute 4.

Sead Hajrovic (25/15/1 Tor/1 Assist): Er sah – wie ein paar andere auch – beim ersten Gegentor der Saison, durch den Wiler Silvio, miserabel aus. Fortan aber war er aber praktisch ohne Einschränkung, was man von ihm erwartet hatte: ein nach seiner Rückkehr gereifter, konstanter, überzeugender Abwehrchef, ja Leader – zuletzt nach seiner Meniskusoperation auch noch Torschütze. – 5,5.

Granit Lekaj (28/15): Auch er begann mit Silvios Gegentor. Allmählich aber wurde er, auf verschiedenen Positionen benötigt, ebenfalls zur soliden Stütze. Ausgenommen, wie andere auch, beim 1:5 in Lausanne. – Knappe 5.

Gabriel Isik (19/16/2/0): Er rutschte in der 2. Runde in die Startelf und blieb dort bis zur Sperre für den letzten Match. Er ist ein Talent, selbstsicher in seiner Spielweise, schnell für einen Innenverteidiger. Aber noch ein paarmal zu oft fand man in ihm den Grund, wenn der Gegner ein Tor geschossen hatte. – 4,5.

Tobias Schättin (21/14/0/1): Er löste sich mit Enrique Wild in der Rolle des Linksverteidigers ab. Hatte Mühe, den geplatzten Transfer zum FCZ zu verarbeiten; öfter angeschlagen, ab und zu mit Talentproben. Aber noch immer nicht so stabil, wie es seinem Talent entspräche. – 4.

Enrique Wild (19/14/1/1): Er fand als zweiter Aufsteiger neben Isik in Runde 2 seinen Platz in der Startelf. Es war anfangs aufsehenerregend, wie der schnelle Jüngling auftrat. Später wurden die Leistungen, zumal defensiv, durchzogener. Ein Versprechen, aber er braucht noch Zeit, defensiv stabiler zu werden. – Gute 4.

Nicolas Stettler (22/5): Er kam nachträglich wieder ins Kader. Erst einmal wieder in der Startelf, nie über 90 Minuten eingesetzt, aber schon wieder mit ersten Andeutungen, eine Hilfe sein zu können. – Ohne Note.

Mittelfeld zentral

Ousmane Doumbia (26/17/3/2; dazu 1 Tor im Cup): Ein anderer «Doumbi» als im Frühjahr; mit seiner schnellen Spielentwicklung immer wieder sehr wertvoll, phasenweise bester Spieler, torgefährlich überdies. Dann wieder mit Lücken. Aber hat als Sechser sicher das Niveau für die Super League. – Gute 5.

Remo Arnold (21/17): Noch hat er kein Tor, nicht mal einen Assist geliefert; gut zu schiessen, ist sein Vorzug nicht. Dennoch ist er ein sehr guter Transfer, leistungs- und lernwillig, sehr mannschaftsdienlich und laufstark. Ideale Ergänzung Doum­bias in der Doppelsechs. – 5.

Karim Gazzetta (23/16/2/0): Eine durchzogene Vorrunde mit sinkender Tendenz. Selten mit der Klarheit guter Tage. – 4.

Mittelfeld offensiv
Davide Callà (34/17/4/5): Es mag Spiele gegeben haben, in denen er den Erwartungen nicht ganz gerecht wurde. Aber selbst dann war er für den einen oder andern entscheidenden Pass immer wieder gut genug. Am Ende hatte keiner so viele Skorerpunkte wie er. Vor allem aber erfüllte er dauerhaft die auf ihn zugeschnittene Rolle, auf dem Platz und in der Kabine die Führung zu übernehmen. Also ist er der Gewinn, der erwartet wurde. – 5,5.

Luca Radice (31/17/1/7): «Nur» noch Vizecaptain, aber auf dem Platz besser als in seiner Saison als Spielführer. Sehr laufstark wie Kollege Callà, mit einer guten Bilanz an Assists. Allerdings liess er gegen Ende der Vorrunde etwas nach, lamentierte er ab und zu ein bisschen zu viel. – Knappe 5.

Roberto Alves (21/15/3/2): Er rückte erst gegen Ende der Vorrunde in den Vordergrund. Er stand erst dreimal in der Startelf, spielte erst zweimal über 90 Minuten – und hat doch schon fünf Skorerpunkte. Sein linker Fuss fällt auf, Lauf- und Zweikampfstärke müssen noch ausgeprägter werden. – 4,5.

Sturm
Jordan Gele (26/6/1/0): Er begann als Sturmspitze Nummer 1. Aber kaum hatte er sich mit physischer Präsenz und viel Arbeit erste Anerkennung erarbeitet, gegen Schaffhausen das erste Tor geschossen, verletzte er sich Anfang September. Also weiss man noch immer nicht, was man von ihm halten darf. – Ohne Note.

Taulant Seferi (22/16/6/2; dazu 1 Tor im Cup): Er wuchs allmählich zum Versprechen, ein sehr tauglicher Stürmer zu werden. Manchmal noch etwas egozentrisch, in seiner Spielweise noch unfertig, aber mit der Anlage zum stets präsenten Skorer. – Knappe 5.

Luka Sliskovic (23/17/4/2; dazu 1 Tor im Cup): Sein fünftes Halbjahr beim FCW wurde zu seinem bisher eindeutig besten. Zunehmend konstant und torgefährlich in seiner bevorzugten Rolle als «hängende» Spitze. Aber Tore müssten es angesichts seiner Schiessfertigkeit noch mehr sein. – 4,5.

Manuel Sutter (27/12; 2 Tore im Cup): In der letzten Sekunde der Vorrunde traf er den Pfosten – irgendwie typisch für ihn, der gut trainiert, viel Einsatz hat, aber seine Zeit beim FCW so beendete, wie sie zuletzt verlaufen war. Ohne Tor. – Ohne Note.

Ohne Wertung
Torhüter Bojan Milosavljevic (20): nur im Cup in Greifensee im Team. – Rijad Saliji (19/3) oft in der U-21, im «Eins» nur zwölf Minuten auf dem Platz. – Nikola Milosavljevic (22/1) spielte nur eine Minute. – Julian Roth (20) und Marc Schmid (19) waren verletzt.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles