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Der Sportdirektor, der nur Meister wurde

Der FC Basel tritt morgen zum Cup-Halbfinal in Winterthur an. Als haushoher Favorit und nochmals mit seinem Führungsduo, Präsident Bernhard Heusler und Sportdirektor Georg Heitz, das bald abtritt.

«Hart, aber ehrlich zu den Spielern»: So schätzt FCB-Sportchef Georg Heitz (rechts) seinen Trainer Urs Fischer ein.
«Hart, aber ehrlich zu den Spielern»: So schätzt FCB-Sportchef Georg Heitz (rechts) seinen Trainer Urs Fischer ein.
Keystone

Seit 2009, dem Jahr des Abgangs von Trainer Christian Gross, ist Georg Heitz (47) zuerst als Sportkoordinator, seit 2012 als Sportdirektor der Sportliche Verantwortliche des FCB. Zusammen mit seinem präsidialen Freund Bernhard Heusler (54) wurde er zu einem Erfolgsduo sondergleichen. Heitz war in seiner Amtszeit stets Meister, denn es zweifelt ja niemand, dass der FCB ­seine Serie auch in dieser Saison fortsetzt. Aber der Cup-Halbfinal morgen auf der Schützen­wiese wird der letzte sein vor der aus­ser­ordentlichen Mitgliederversammlung vom Freitag, an dem Heusler und Heitz den von ihnen angestrebten Machtwechsel absegnen lassen. Am 9. Juni wird er an der ordentlichen GV 2017 vollzogen. Dann haben Heusler und Heitz ihre Aktienmehrheit von rund zwei Dritteln verkauft, übernimmt der (Basler) Medienmanager Bernhard Bur­ge­ner das Präsidium. Mit den ehema­ligen FCB-Spielern Marco Streller, Alex Frei und Massimo Cecca­­roni als sportlichen Verantwortlichen.Heitz, zu Beginn seiner beruf­lichen Karriere Journalist, zieht die Bilanz seines Wirkens. Und er sagt, wie seine und Heuslers ­Zukunft aussehen könnte.

Georg Heitz, der grosse Meister kommt ins kleine Winterthur. Gibt es aus Ihrer Sicht überhaupt Erinnerungen an den FCW?Georg Heitz:Selbstverständlich. Beispielsweise (und er schmunzelt gleich) kommt mir die Szene mit unserem Torhüter Yann Som­mer in den Sinn, in einem Spiel, in dem wir uns sehr schwertaten (im Cup-Halbfinal 2012. Die Red.). Aber es ist auch immer toll, hier zu spielen. Es herrscht eine gute Stimmung im Stadion, wie man sie selten sieht in der Schweiz.

Wie wird Fussball-Winterthur in Basel überhaupt wahrgenommen? Was sicher ist, dass der Klub FC Winterthur bei den wahren Fans einen gewissen Kultstatus hat. Auch die Fans kommen gerne hierher.

«Was sicher ist, dass der Klub FC Winterthur bei den wahren Fans einen gewissen Kultstatus hat. Auch die FCB-Fans kommen gerne hierher.»

Es ist ja auch so, dass immer wieder Winterthurer für den FCB spielen ... Wir haben eine längere Tradition mit Spielern, die in Winterthur ihr ABC lernten. Aktuell sind mit Luca Zuffi, Manuel Akanji und Davide Callà gleich drei auf unserem Mannschaftsfoto. Oder aus früheren Meistermannschaften erinnere ich mich an Torhüter Hans Küng oder Eigil Nielsen.

Es sind zurzeit aber auch besondere Tage für Sie und ihren Präsidenten Bernhard Heusler. Der Match auf der Schützenwiese ist der letzte vor der ausserordentlichen Mitgliederversammlung, an dem der Machtwechsel beim FCB im Prinzip abgesegnet wird. Was war für Sie vor allem ausschlaggebend, den FCB abzugeben? Für unser Vorgehen gab es ein paar Prämissen. Erstens: Wir wollten immer zusammen gehen. Und zweitens: Wir wollten es machen, so lange es gut läuft. Denn es kann ja selbst der so stabile FCB Schwankungen ausgesetzt sein. Da erinnere ich an ein Wort des Ikea-Gründers Ingvar Kamprad, der sagte: Es gibt keinen idealen Moment für einen Abgang, er kommt immer zu früh oder zu spät. Im Zweifelsfall aber geht man lieber zu früh. Es braucht jeder Klub wieder mal neue Impulse. Und der Zeitpunkt eines Abgangs wird auch dadurch gesetzt, dass ein geeigneter Nachfolger verfügbar ist. Das ist bei uns jetzt gegeben.

Sie haben den FCB gleichsam in ein «Niemandsland» geführt – zwischen den ganz Grossen, die immer grösser werden, und der nationalen Konkurrenz, für die sie immer unerreichbarer zu werden drohen. Sehen Sie überhaupt einen Ausweg daraus? Es gibt die Möglichkeit, zu redimensionieren, beispielsweise mehr auf eigene Spieler zu setzen. Aber wir zwei, Heusler und ich, stehen für gewisse Strategien, und da muss man glaubwürdig sein. Wenn wir jetzt kämen und sagten, wir machen es anders, eben etwa Richtung Redimension, wäre das nicht glaubwürdig.

Zum Thema «Niemandsland» und nationale Überlegenheit: Wie sähe denn aus ihrer Sicht der beste Modus für die Schweiz aus? Man darf sich der Modusdiskussion nicht verschliessen. Natürlich, am Ende soll die beste Mannschaft Meister werden. Aber es gibt andere Möglichkeiten, andernorts in der Tabelle Spannung zu erzeugen. Beispielsweise ist bei uns nur ein Absteiger möglich. Und es gibt schon interessante internationale Geschichten.

Was sind denn grundsätzlich die vermeidbaren Defizite des Schweizer Fussballs? Mir bereiten infrastrukturelle Dinge Sorgen. Dass beispielsweise eine technisch so gute Mannschaft wie der FC Sion auf so einem Acker wie im Tourbillon spielen muss. Dass es oft keine Rasenheizungen gibt. Es ist sehr komisch, dass man mal auf Kunst-, mal auf Naturrasen spielt. Oder manchenorts die schlechten Trainingsmöglichkeiten, beispielsweise bei YB. Die sind eines Spitzenteams nicht würdig.

Nochmals zu ihrem Rücktritt und dem Zeitpunkt: Fühlten Sie ihre Arbeit irgendwann zu wenig gewürdigt oder waren Sie einfach ein bisschen ausgebrannt? Ausgebrannt ist sicher das falsche Wort. Ich darf nicht jammern. Aber natürlich ist es so, dass nicht mehr besonders gewürdigt wird, wenn man zum siebten Mal in Folge Meister wird – obwohl immer viel Arbeit dahinter steckte und wir in jeder Saison kleinere Krisen hatten. Aber mittlerweile ist die Erwartungshaltung im Publikum schon so, dass nur noch aufs internationale Abschneiden geschaut wird.

Was waren in ihrer Amtszeit die Schlüsselmomente? Worauf sind Sie doch ein bisschen stolz? Ich denke auf die Kontinuität, wie wir hinkriegten. Ganz wichtig war sicher die Finalissima 2010 – hätten wir die in Bern gegen die Young Boys verloren, wären wir sicher nicht mehr im Amt. Wir hatten damals keine Investoren. Aber dann kamen wir in die Champions League, und das war die Basis. Zweitens ist schon erfreulich, dass wir bei allen Transfers immer im Guten auseinander gehen konnten. Einen Xherdan Shaqiri, Granit Xhaka und Yann Sommer konnten wir in grosse Ligen abgeben. Und was wir auch feststellen durften: Dass wir allmählich auf dem internationalen Markt wahrgenommen wurden. Das wirkte sich aus auf die Transfersummen.

«Was mich sicher fuchst: Der Cupfinal 2015 – wie wir im eigenen Stadion von Sion demontiert wurden.»

Was aber fuchst Sie am meisten? Wann und wie hätten Sie den FCB weiter bringen können? Ich machte viele Fehler, bis am Schluss. Transfers beispielsweise sind immer eine Wette, die man eingeht – und nicht immer gewinnt. Beispielsweise beim Japaner Yoichiro Kakitani: Mit ihm haben wir zu viel gemacht, einen vollamtlichen Dolmetscher bereitgestellt. Die Konsequenz war, dass er kein Englisch lernte und zu wenig integriert wurde. Und was mich ganz sicher fuchst: Der Cupfinal 2015 – wie wir da im eigenen Stadion vom FC Sion demontiert wurden.

Manchmal scheint es, der FCB habe eher ein Trainer- als ein Transferproblem ... Jedenfalls gab es in den letzten Jahren im Verhältnis zu den Erfolgen doch viele Wechsel. Es ist ja auch speziell schwierig. Die Erwartungshaltung ist so hoch, dass du auch immer wieder Impulse setzen musst. Ein Fehler war sicher, Murat Yakin zu früh zum FCB-Trainer gemacht zu haben. Es war nicht gerecht ihm gegenüber, weil noch Spieler da waren, mit denen er zusammengespielt hatte. Und weil wir ein immer breiteres Kader haben, zurzeit nicht weniger als 16 A-Nationalspieler, ist es auch schwierig für einen Trainer, allen gerecht zu werden.

««Fischer hat einen guten Umgang mit den Spielern, hart, aber ehrlich.»»

Wo würden Sie denn Urs Fischer in der Hierarchie der FCB-Trainer einstufen? Weit oben. Er hat einen guten Umgang mit den Spielern, hart, aber ehrlich. In entscheidenden Momenten hatte er nicht nur Glück – beispielsweise mit dem Ausscheiden in der Champions-League-Qualifikation gegen Maccabi Tel Aviv in seiner ersten Saison – obwohl wir da zweimal die bessere Mannschaft waren.

Was ist das reizvollste an ihrem Job? Du bist ein Problemlöser. Und reizvoll ist jeder Sieg. Oder wenn du mit deiner Mannschaft mit dem Bus nach Lausanne kommst und die Fans – von Lausanne notabene – versammeln sich um Shaqiri, um deinen Spieler.

Was waren denn besondere Erlebnisse? Wenn du, der als Junger einfach ein grosser Fussballfan warst, dann mit einem wie Kenny Dalglish (der Legende von Celtic und dem FC Liverpool. Die Red.) am Tisch sitzst, ist das schon speziell.

Wie sind die Beziehungen zu andern Sportchefs? Gibts da gar Freundschaften? Man könnte den Austausch schon intensivieren. Es gibt nicht die grundsätzliche Mentalität, den andern über den Tisch zu ziehen. Und es gibt sehr wohl welche, mit denen man gerne zusammenarbeitet – beispielsweise mit Christoph Spycher von YB. Oder ich freue mich jedesmal, wenn ich den Thuner Res Gerber sehe. Ich hatte immer ein gutes Verhältnis zu Fredy Bickel oder habe es jetzt auch mit Thomas Bickel, seit er beim FCZ in dieser Rolle ist.

Und die Spielervermittler? Sie halten einen auf Trab ... Aber man darf nicht in Klischees verfallen. Es gibt viele, die vernünftig sind.

Haben Sie keine Bedenken zur Entwicklung des Fussballs – etwa zum vielen Geld, das Grosse immer grösser macht? Das ist schon relativ gefährlich, weil es in der Berichterstattung ein zu grosses Thema ist. In der Schweiz aber kann einer 15 Jahre in der Super League spielen – und sich nicht viel auf die Seite legen. In der Challenge League leben viele am Existenzminimum. Dafür – und das ist doch das Schöne – gibt es immer wieder Tellerwäscherkarrieren. Ich kann mich beispielsweise noch gut ans erste Gespräch bei der Familie Shaqiri erinnern. Nur einen geheizten Raum gab es da ... Anderseits verstehe ich, dass man als Normalverdiener Saläre, die da und dort bezahlt werden, daneben findet.

«Beim ersten Gespräch bei der Familie Shaqiri gab es nur einen geheizten Raum.»

Nun aber gehen Sie und bekommen für ihre Aktien so viel Geld, dass Sie sich zur Ruhe setzen könnten ... ... das ist ein Betrag, für den ich mich nicht schämen muss ...

... aber Spass beiseite: Sie haben sich jetzt einen Namen in der Sportwelt gemacht, welche Perspektiven sehen Sie für sich? Das ist eine Frage, mit der ich mich bisher nicht beschäftigte. Es ist ja auch nicht so, dass ich unbedingt in die Bundesliga will – entgegen dem, was da und dort zu lesen ist. Wir hatten paradiesische Verhältnisse in Basel, etwa mit der personellen Konstellation. Es ist schon denkbar, etwas mit Heusler im Fussball zu machen, nicht unbedingt bei einem Klub. Ganz abgesehen davon, es war und ist ja nicht so, dass nun das Telefon ständig läutet und ich Angebote erhalte. In all den Jahren, es sind mittlerweile acht, kamen genau zwei deutsche Klubs (Mainz 05 und der Hamburger SV. Die Red.).

Welche Schlüsse soll man zu Ihrer Zukunft daraus ziehen? Es könnte so herauskommen, dass wir beide unsere Erfahrungen an Klubs weitergeben – auf Mandatsbasis.Und zum Schluss: Was hat der FCB der nationalen Konlkurrenz vor allem voraus? Die Kontinuität auf Führungs­ebene. Mit der internen und externen Kommunikation ist er für Schweizer Verhältnisse führend. Und dann die genuine Begeisterung der Bevölkerung. 24 000 Saisonkarten bei einem Einzugsgebiet von 400 000 – das ist schon gut.

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