FC Winterthur

Die Freuden eines «schmutzigen Sieges»

Das 2:0 gegen den FC Wil war im achten Anlauf der erste Heimsieg des FCW in dieser Saison. Es war aber auch der erst zweite Sieg und das zweite Spiel ohne Gegentor. Das erste war das 2:0 Ende August in . . . Wil gewesen.

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Die Erleichterung war selbstredend gross. Nach sieben sieglosen Heimspielen, nach zuletzt drei 0:1, die allesamt mindestens ein Unentschieden hätten sein «müssen», zog zwar kein Spieler von dannen in der Meinung, sein FCW habe eine gute Leistung geboten. Eher im Gegenteil, es war insgesamt gar eine der spielerisch schwächeren Vorstellungen.

Aber es fühlte sich in der Lage der Winterthurer halt schon sehr gut an, mal wieder der Sieger zu sein, den Gegner in der Rolle zu sehen, weniger erreicht zu haben als möglich. Oder kurz gesagt, das Spiel so sehen zu müssen, wie es die Wiler taten: verloren zu haben, obwohl man doch – nach landläufiger Diktion – die «bessere Mannschaft» gewesen war. Auf jeden Fall jene, die mehr Spielanteile, mehr Torschüsse und zweifellos auch mehr Torchancen hatte.

Eine verkehrte Welt

Irgendwie wars, zumindest aus Perspektive der Winterthurer, eine verkehrte Welt. Nicht sie waren es, die gesenkten Hauptes zu erklären versuchten, warum sie schon wieder ein Spiel verloren hatten, in dem ihre Torchancen, ja ihre Leistung eigentlich mindestens einen Punktgewinn gerechtfertigt hätten. Es häuften sich in diesem Herbst die Momente, in denen sich der FCW vom Fussballgott ungerecht behandelt fühlte. In diese Gefahr laufen allerdings auch immer wieder Teams, die einfach nicht die Klasse haben, Tore zu schiessen, oder die defensiv zu wenig stabil sind.

Fakt ist, dass die Winterthurer in dieser Saison – bei allen Mängeln, die nicht zu übersehen ­waren – schon ein Defizit hatten, was das Spielglück betrifft. In dieser Beziehung erhielten sie etwas zurück. Denn klar ist: Spiele wie dieses gegen Wil gewinnt man eher selten. Also formulierte Trainer Umberto Romano aus Winterthurer Sicht: «Ich freue mich unheimlich für die Jungs. Wir arbeiten Woche für Woche hart, wir haben über Wochen gut gespielt und wurden sehr schlecht belohnt. Heute war das mal anders.»

Einer wie Manuel Sutter sagte: «Nein, gut war das wirklich nicht.» Von der Tribüne urteilte Kreso Ljubicic im Stile des abgeklärten Routiniers: «Heute zählte nur der Sieg.» So war es natürlich. Es gibt Momente, da helfen nur Siege weiter – und der FCW war nach dem ersten Drittel dieser Meisterschaft definitiv an diesem Punkt angelangt. Der Dreier glückte ihm in einem Spiel, in dem er früh in Führung ging – statt wie so oft das 0:1 zu kassieren. In dem er, manchmal mit Hängen und Würgen, aber immer mit Kampfgeist, dieses 1:0 verteidigte. Und dann noch das 2:0 folgen liess – zu einem so späten Zeitpunkt, dass man schon fast nicht mehr dran glauben mochte. In der 90. Minute, kurz nachdem der eingewechselte Uruguayer Sergio Cortelezziden Ball bei einer letzten Chance der Wiler übers Tor geschossen hatte.

Sehr lange 45 Minuten

Das 1:0 hatte Sutter in der 5. Minute vorbereitet – mit einem Dribbling und einer kurzen, hohen Flanke von der Grundlinie. Silvio und Kwadwo Duah erwarteten den Ball alleine vor dem Torhüter, Silvio erwischte ihn zuerst und köpfelte ihn entschlossen über die Linie. Das 2:0 war ein sauberer Konter. Silvios Steilpass erlief sich der für Sutter erschienene Sliskovic. Und der schloss, im ersten Einsatz nach einer Verletzungspause, nach kurzem Lauf mit präzisem Flachschuss aus spitzem Winkel in die weitere Ecke erfolgreich ab. Es war das erste Tor des Luzerners seit Anfang Mai. Endlich knipste der Knipser mal wieder.

Dazwischen war vor allem dies gewesen: ein FCW, dem das frühe 1:0 nicht annähernd verlieh, was man von einem frühen 1:0 erwartet – nämlich Sicherheit. Im Gegenteil, die Winterthurer wirkten nervös, leisteten sich Stockfehler ungeahnter Zahl, brachten kaum je Ruhe in ihr Spiel. Man war versucht zu sagen: Sind sie in Rückstand, werden sie nervös, weil sie aufholen müssen; führen sie mal, werden sie nervös, weil sie einen Vorsprung zu verlieren haben. Hauptsache also: nervös.

Immerhin, sie haben auch im vierten Spiel gepunktet, in dem sie das 1:0 schossen – nach dem ersten Match gegen Wil, dem 2:2 in Vaduz und dem 1:1 gegen Chiasso. Dazu haben sie in Aarau und Genf trotz eines Rückstands nicht verloren. Aber was die zweiten 45 Minuten anbetrifft: Die waren, zumal auf der Bank, «lang, sehr lang», wie auch Romano aufatmend feststellte. Gut spielen und verlieren ist schon schlecht. Schlecht spielen und auch noch Punkte abgeben – das ist noch viel schlechter.

Also sagte Romano nochmals: «Wir wissen, dass wir nicht gut spielten. Aber wir dürfen das auch mal guten Gewissens nehmen. Es war oft genug anders.» Es spielten zu wenige sicher und ruhig. Am ehesten traf das auf Kofi Schulz zu, der nach Jordi Lopez’ Ausfalls links in der Defensive statt in der Offensive spielte. Zum einen beging er nicht einen der Fehler, die zuletzt Tore gekostet hatten. Zum andern behielt er auch unter Druck die Übersicht, lieferte er meist einen sauberen Pass, liess er sich nicht übertölpeln. Gut spielte auch Matthias Minder, der Torhüter, mit zwei starken Paraden, Mut im Herauslaufen und nur einem Patzer, als er einen Flankenball vor die Füsse von Zé Eduardo fallen liess. Das war kurz nach dem 1:0, und Alves schoss dann drüber.

Silvio mit Tor und Assist

Mehrheitlich erfolgreich gekämpft hat auch Guillaume Katz. Ordentlich war die zweite Halbzeit Tobias Schättins, und Silvio machte seine Fehlpässe vergessen mit dem Tor und dem Assist. Die andern haben immerhin gekämpft. In einer Mannschaft, der es in Abwesenheit von Lopez und Ljubicic noch ausgeprägter als sonst an Leadern fehlte, von Silvio abgesehen. Auch wenn es, wie Romano hervorhob, «an der Mentalität nicht fehlt». So weit zumindest wie Mentalität Kampfkraft heisst.

Die Winterthurer werden den spielerischen Gehalt ihres Auftritts also nicht überschätzen. Die Wiler tun gut daran, nicht einfach mangelndes Glück als Begründung heranzuziehen – wie das der FCW nach seinen Niederlagen nicht durfte. Sie blieben immerhin schon zum neunten Mal ohne Tor. Die offizielle Torschussbilanz von sage und schreibe 22:3 zu ihren Gunsten wird ­allein schon durch diesen Fakt stark relativiert: Alle drei Winterthurer Bälle flogen aufs Tor, zwei gar ins Tor; von den 22 Wiler Versuchen aber nur sieben; 15 also daneben oder drüber. Auch das ist deutlicher Hinweis auf – eben mangelnde – Qualität.

Trainer Konrad Frühstück, der wegen seiner Sperre aus dem Spiel gegen Chiasso auf der Tribüne sass, hatte seinen Captain Marko Muslin und seinen besten Skorer, Johan Vonlanthen, nicht aufgestellt. Muslin, der 14-mal 90 Minuten gespielt hatte, wurden offenbar diverse Patzer als Abwehrchef zum Verhängnis; Vonlanthen war gar auf der Tribüne statt im Kader, weil er zwischendurch krank war.

Im Bundesligajargon heisst, was der FCW an diesem nass­kalten Samstagabend erreichte, «dreckiger» oder «schmutziger Sieg». Es gilt dort durchaus als Qualitätsmerkmal einer Mannschaft. Der FCW hat danach die Chance, in Chiasso ein drittes Mal in Folge ungeschlagen zu bleiben. Das wäre schon Saisonbestleistung. Wenig sagt über den FCW in diesem Herbst mehr aus.

Erstellt: 19.11.2017, 22:26 Uhr

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