Fussball

Die Hoffnung auf einen Rückkehrer

Fredy Bickel (54) ist der neue Geschäftsführer der Grasshoppers-Fussballer. Seine Aufgabe ist es, an führender Stelle dazu beizutragen, das Überleben des Rekordmeisters zu sichern.

Fredy Bickel ist neben Trainer Uli Forte der wichtigste Mann bei GC.

Fredy Bickel ist neben Trainer Uli Forte der wichtigste Mann bei GC. Bild: Reto Oeschger

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Fredy Bickel ist wieder mal in offizieller Funktion auf der Schützenwiese. Er ist seit Anfang Oktober der Geschäftsführer von GC, mit dem Ziel, an einem tragfähigen Fundament des Rekordmeisters zu bauen, dessen Zukunft nach wie vor völlig offen ist. Ein halbes Jahr nachdem an einem Haar hing, ob es GC als Verein für Profifussball weiter geben werde. Das sei, sagt Andras Gurovits, der zurzeit einzige Verwaltungsrat, ein «Nahtod-Erlebnis» gewesen. Aber auch heute stehe «der Fortbestand von GC auf der Kippe».

Durchaus vergleichbar war die Lage, als Fredy Bickel vor knapp 20 Jahren zu den in ihrer Existenz bedrohten Young Boys kam, als Geschäftsführer und Sportchef in Personalunion, später interimistisch gar als Präsident. Als er mit den Bernern im Frühjahr 2000 erstmals auf die Schützenwiese kam, waren die Winterthurer, eben aus der 1. Liga zurückgekehrt, und die kriselnden Young Boys in der Abstiegsrunde der Nationalliga B beschäftigt. Schon in der Saison darauf sah es besser aus: Der FCW qualifizierte sich mit Trainer Martin Rueda genauso für die Auf-/Abstiegsrunde zur Nationalliga A wie die mit Bickel und Trainer Marco Schällibaum erstarkten Berner. In der letzten Herbstrunde schickte der FCW die Young Boys mit einem 3:0 heim, was Bruno Huber, damals der starke Mann auf der Schützi, nicht daran hinderte, Rueda im Winter aus dem Amt zu entfernen. Im Frühjahr gewann der FCW daheim wieder, diesmal 2:1 durch ein Tor Patrik Ramsauers in letzter Sekunde. Zum grossen Ärger Schällibaums, denn er hatte Ramsauer im Abseits gesehen und zuvor auch nicht jene «Schwalbe», die dem Berner Liebling jener Tage, Gürkan Sermeter, einen Platzverweis einbrockte. Dennoch war YB Ende Saison wieder ein A-Klub. Das war – auch – Bickels Werk, dennoch wurde seine Verabschiedung im Dezember 2002 von einigen Misstönen begleitet.

Erfolge und Enttäuschungen

Es folgten Bickels Erfolgsjahre mit dem FCZ, mit drei Meistertiteln, einem Cupsieg und einem Champions-League-Start und, auf Anfang 2013, die Rückkehr zu den Young Boys, als Sportchef. Dreieinhalb Jahre später, Mitte August 2016, machte Bickel seine bis heute letzte Aufwartung auf der Schützenwiese: Im Cup spielten die Young Boys gegen den SC Veltheim. 2500 Zuschauer kamen, 6:0 siegten die Berner. Genau einen Monat später musste Bickel den Klub verlassen, wieder von Misstönen begleitet. Aus seiner Sicht waren das Intrigen, wie er jüngst nochmals in einem Interview erklärte. Da spürte man wieder, wie ihn das getroffen hatte. Denn schon gegen Veltheim hiess der Trainer Adi Hütter, ihn, aber auch Steve von Bergen, Guillaume Hoarau, Miralem Sulejmani und einige andere aus der kommenden Meistermannschaft hatte Bickel verpflichtet.

Beim österreichischen Traditionsklub Rapid trat der Säuliämter danach an. Der ganz grosse Erfolg blieb ihm dort versagt, im Schatten von RB Salzburg, das in Österreich zurzeit so dominiert wie in der Schweiz bis vor zwei Jahren der FC Basel und jetzt YB. Im vergangenen Frühjahr verpasste der österreichische Rekordmeister aus Wien gar die Finalrunde der ersten sechs, Bickel trat ab. «Obwohl die Zuschauerzahlen für eine so grosse Stadt nicht überragend sind», sagt Bickel, «stellt man fest, wie Wien mit Rapid Wien mitlebt, mehr noch als mit der Austria.» Alles sei «viel emotionaler als bei uns».

Die vielen SMS

Zeitlich hätte es gepasst, in der Schweiz den neuen Job des Nationalmannschafts-Direktor zu übernehmen. Aber daraus wurde nichts, trotz «des guten Gefühls», das Bickel nach ersten Kontakten mit dem Verband hatte. Dass er von dessen Emissären danach einfach nichts mehr hörte, hat ihn doch stark enttäuscht. Er hat das wiederholt auch öffentlich kundgetan. Inzwischen ist Pierluigi Tami, auch er einer mit GC-Vergangenheit, der Nati-Chef. Und Bickel ist zurück bei GC, wo er einst in den 90er-Jahren als Zuarbeiter von Manager Erich Vogel und Pressechef seine Karriere als Fussball-Funktionär begonnen hatte.

Am 1. Oktober trat er sein Amt an im Campus in Niederhasli, den es in seinen ersten GC-Jahren noch gar nicht gab. Es sei schon erstaunlich gewesen, sagt Bickel, «wie viele SMS und andere Nachrichten ich erhielt, vor allem auch von alten Grasshoppers, von denen ich kaum wusste, dass es sie noch gibt». Die Mannschaft begrüsste ihn ein paar Tage danach mit einem 3:0 gegen den FC Wil und der bisher besten Saisonleistung. Seit Bickel im Amt ist, hat GC in sechs Meisterschaftsspielen nicht verloren, allerdings vor einer Woche im Cup gegen den FC Luzern. «Erstmals zeigte die Mannschaft ihr Potenzial über 90 Minuten», sagte Bickel nach dem Sieg gegen Wil. Und er denkt auch heute noch, dass die Grasshoppers dieses Herbsts eine Mannschaft «aus Spielern mit viel Potenzial» seien. So urteilt er, obwohl der Tabellenführer Lausanne-Sport heisst und die Waadtländer auch aus Sicht Bickels «die beste Mannschaft der Liga sind». Es werde also «sportlich sehr schwierig», schon nach einer Saison in der Challenge League wieder in die Elite zurückzukehren. Der Verein hat es ja schon vor der Saison vermieden, den sofortigen Aufstieg als Ziel ausdrücklich zu formulieren. Aber natürlich sagt Bickel, in verständlicher Zurückhaltung zum Thema Aufstieg: «Er würde schon vieles erleichtern.»

Von acht bis abends um elf

Man darf das so interpretieren: Als Mannschaft aus der Super League wäre GC in jeder Beziehung attraktiver – nicht zuletzt für Geldgeber. Und je länger der Klub zweitklassig ist, desto schwieriger wird es für ihn, die Fussball- und Geschäftswelt von sich zu überzeugen. Ganz abgesehen davon, dass – wie es Verwaltungsrat Gurovits formuliert – zuerst die Zukunft abgesichert werden muss. Verhandlungen laufen, bis Ende Jahr sollte «ein Lösungsansatz zu sehen sein» und «definitiv klar» müsse die Lage sein, wenn Anfang März die Lizenzeingabe anstehe. So sagt es Gurovits.

Bickel ist auf dem weiten Arbeitsfeld des Geschäftsführers, der auf administrativer, aber – gleichsam als Sportchef – auch auf sportlicher Ebene führen soll, der wichtigste Mann – neben Uli Forte, dem Trainer. Von morgens um acht bis spätabends um elf daure sein Arbeitstag. Er müsse, sagt er, zuerst für die Administration «das Fundament festigen, bevor das Sportliche in den Vordergrund rückt». Denn es gab im GC/Campus sehr viele Abgänge, die seien wettzumachen. Es sei «schon jeder Spieler mal da gewesen» und habe vorgesprochen in persönlichen Fragen, die zu klären seien. Ob es nun um eine Wohnung ging oder finanzielle Fragen.»

Auf der Bank sitzt der Geschäftsführer Bickel nicht, anders als ehedem der Sportchef. So ist es auch heute, knapp 20 Jahre nach dem ersten Auftritt mit YB und drei nach dem letzten auf der Schützenwiese.

Erstellt: 07.11.2019, 20:46 Uhr

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