FC Winterthur

Drei Tore reichen nur für einen Punkt

Der FCW schiesst erstmals in dieser Saison drei Tore. Er kehrt erstmals nach einem Rückstand ein Spiel. Und er muss sich dennoch mit einem Punkt bescheiden. Aaraus Winterthurer Alessandro Ciarrocchi gleicht in der 95. Minute zum 3:3 aus, als der FCW längst nur noch zehn Mann auf dem Platz hatte.

Eine kleine Leistungsexplosion gelang Kwadwo Duah (Mitte), dem Doppeltorschützen des FCW.

Eine kleine Leistungsexplosion gelang Kwadwo Duah (Mitte), dem Doppeltorschützen des FCW. Bild: Alexander Wagner

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Das war mal was Neues: Der FCW schoss Tore – und was für welche. Kwadwo Duah, der junge Leihspieler der Young Boys, drosch einen Freistoss aus 17 Metern zum 1:1 in die tiefe Ecke; er jagte den Ball nach einem kurzen Dribbling à la Robben in die fernere Ecke – zum 2:3. Zwischendurch hatte er mit einem fulminanten 22-m-Freistoss die Latte getroffen. Und es nutzte, zur 2:1-Führung, Silvio per Kopf einen Flankenball Manuel Sutters.Mit Duahs erstem Tor korrigierten die Winterthurer relativ rasch das frühe Gegentor, das Kofi Schulz mit schwacher Abwehrarbeit gegen Varol Tasar verschuldet hatte. Mit Silvios Tor gingen sie erstmals in dieser Saison in einem Match in Führung, in dem sie 0:1 in Rückstand geraten waren. Und mit Duahs 3:2, dem spielerischen Höhepunkt des verregneten Anlasses, reagierten sie wieder relativ schnell aufs zweite Gegentor, das Ivan Audino kurz nach der Pause erzielt hatte.

2:1 führte der FCW bei Halbzeit, 3:2 nach 57 Minuten. Manche Rechnung war bis dahin aufgegangen, die Trainer Umberto Romano nach vier Spielen ohne Punkt, vor allem aber nach der 0:1-Heimniederlage gegen den FC Rapperswil-Jona gemacht hatte, dem Spiel, in dem sich seine Fussballer im Vergeben klarer Torchancen gegenseitig überboten hatten. Romano hatte seine Mannschaft zum einen umstellen müssen, weil gleich ein Trio vom Platz gestellter Spieler fehlte. Aber er trachtete in der heiklen Tabellenlage auch danach, die Defensive zu stabilisieren.

Nächster Platzverweis

Er tat das mit einem 4-5-1. Mit Dennis Markaj (für den gesperrten Nicolas Stettler) als Rechtsverteidiger, mit Tobias Schättin (für den gesperrten Jordi Lopez) als zweitem Innenverteidiger, mit Neuzugang Kofi Schulz als Linksverteidiger. Im Mittelfeld besetzten Robin Huser, Kreso Ljubicic und Luca Radice das Zentrum, Manuel Sutter und Duah die Flanken; Sturmspitze war allein Silvio. Man kann sagen, diese Rechnung sei zu einem ordentlichen Teil aufgegangen – allerdings eher offensiv als defensiv. Tore schoss der FCW, erstmals konnte man von einer ordentlichen Effizienz sprechen. Und vor allem dank Duah war immer wieder das gewünschte Tempo im Spiel.

Defensiv allerdings war der FCW zu wenig ein Bollwerk. So wäre das 0:1 sicher zu vermeiden gewesen. Zuerst von Schulz, dann aber auch von Torhüter Matthias Minder, der auf Patrick Rossinis Flachschuss nicht eben behende reagierte. Es war überhaupt nicht zu übersehen, dass Schulz nicht wie ein geschulter Verteidiger arbeitete, sondern – im Stellungsspiel – taktische Mängel verriet. Und erschwert wurde die Abwehrarbeit dann nach gut einer Stunde, als sich der FCW einhandelte, was er sich in dieser Saison einfach viel zu oft einhandelt: einen Platzverweis! Guillaume Katz sah nach einem Duell mit Rossini an der Strafraumgrenze wegen einer Notbremse Rot. Man kann sagen, es sei ein harter Entscheid gewesen, Rossini habe sich doch auch fallen lassen. Aber Fakt war auch, dass sich Katz‘ wegen mangelnder Schnelligkeit wieder mal selbst in die Bredouille gebracht hatte. Also wurde er als siebter FCW-Spieler in dieser Saison vom Platz gestellt.

Ljubicic – das Kreuzband?

Fortan liess Romano seine Mannschaft gleichsam in einem 5-4-0 verteidigen, denn Ljubicic zog er ins Abwehrzentrum zurück – neben dem eingewechselten Debütanten Gabriel Isik, einem 18-Jährigen aus der U21. Diese Variante galt wenigstens bis zur 79. Minute, bis Ljubicic mit einer Knieverletzung vom Platz getragen werden musste. Es dürfte sich um eine gravierende Blessur handeln. Wenn er, war eine erste Diagnose, Glück habe, komme er mit der Verletzung eines Aussenbands davon. Aber man darf wohl nicht überrascht sein, wenns gar das Kreuzband sein sollte. Also erschien Tiziano Lanza, um sich mit seinen Kollegen über die Zeit zu retten – zehn Minuten an regulärer Spielzeit, sechs Minuten an Nachspielzeit dazu, was den Winterthurern etwas gar viel schien, aber doch vertretbar wirkte.

Auch diese Nachspielzeit war dann schon fast abgelaufen, als die Winterthurer doch noch jenes dritte Tor kassierten, das sie den zweiten Saisonsieg kostete. Nach einem weiten Flankenball Michael Perriers gewann Ciarrocchi das Kopfballduell mit Schättin. Nach 94 Minuten und 53 Sekunden lag der Ball im FCW-Tor. Also fiel auch im zweiten Match dieser Saison zwischen diesen beiden Teams in fast letzter Minute ein Tor: Auf der Schützenwiese hatte Silvio zum 1:1 ausgeglichen, gestern revanchierte sich Ciarrocchi. Man kann sagen, das sei ausgleichende Gerechtigkeit gewesen. Fakt ist, dass beiden Mannschaften mehr gedient gewesen wäre, wären diese beiden Treffer nicht gefallen. Dann hätten nun beide einen Punkt mehr auf dem Konto …

In den ersten Minuten nach dem Match herrschte bei den Winterthurern die Enttäuschung über den entgangenen Sieg vor. Bei Trainer Romano beispielsweise, der eher von den Abwehrfehlern als den Toren sprach. Aber aus Sicht des FCW, der nach vier Niederlagen in Folge zu einem Gegner gereist war, der sich mit zwei Siegen ins Mittelfeld geschoben hatte, muss eine eher positive Bilanz gezogen werden. Wie die Mannschaft wieder gekämpft hat, vor und erst recht nach dem Platzverweise, war eine Bestätigung, dass sie lebt. Und drei Tore in der Fremde geschossen zu haben ist ein Fortschritt. Zuletzt gelungen ist das dem FCW Mitte April mit einem 3:2 gegen Servette.

«Zu wenig clever»

Natürlich bedarf die Abwehrarbeit, vor allem auch die individuelle, einer Verbesserung. «Wir sind einfach noch zu wenig clever,» konstatierte Romano – gewiss auch zu Recht. Am Sonntag gegen den FC Vaduz ist Lopez zurück, um Katz zu ersetzen. Es fragt sich nach der enttäuschenden Leistung von Schulz aber, ob nicht Schättin wieder auf die linke Aussenseite geht und Isik seine erste Chance von Beginn weg erhält. Im Mittelfeld zeigten eigentlich alle gute Leistungen, die zentralen eher defensiv, die Flügel eher offensiv, vor allem natürlich Duah. Er zeigte an diesem Tag eine kleine Leistungsexplosion, erstmals zeigte er, was er drauf hat – Schnelligkeit, aber auch Schiessfertigkeit. Nur die Kopfballstärke, die er eigentlich auch hat, war nicht zu sehen. Jetzt brauchts einfach noch eine Bestätigung.

Und erleichtert war natürlich auch Silvio, der erstmals nach seinem Platzverweis wieder ein Tor schoss und erneut sehr mannschaftsdienlich spielte. Der Gegner aus Aarau muss froh sein um den einen Punkt. Es wurde zu Recht nichts aus dem dritten Sieg in Folge, den die Aargauer gewiss nach der Steigerung der letzten Wochen budgetiert hatten. Aber sie können nicht sagen, gestern wäre mehr als dieses Unentschieden gerechtfertigt gewesen. Und es war auch nicht so, dass die Neuen brilliert hätten – nicht Frontino und schon gar nicht Gilles Yapi, der Routinier im zentralen Mittelfeld.

Und was man aus Winterthurer Sicht ja auch noch sagen kann: Man fuhr nicht heim als das, was man auf der Hinreise gewesen war – als Tabellenletzter.

Erstellt: 23.10.2017, 23:47 Uhr

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