Challenge League

Ein Spiel vielleicht gar fürs Geschichtsbuch

Für den Tag geht es heute zwischen den Grasshoppers und dem FCW um Platz 2 in der Challenge League. Geschichtlich ist der Anlass so einzubetten: Es ist das erste Ligaspiel der Klubs seit 34 Jahren. Und bei GC gewonnen hat der FCW seit über 50 Jahren nicht mehr.

Es war zwar im Cup und auf der Schützenwiese, doch sollte der FCW heute bei den Grasshoppers gewinnen, wären Spieler und Fans wohl wieder genau so aus dem Häuschen wie hier 2005.

Es war zwar im Cup und auf der Schützenwiese, doch sollte der FCW heute bei den Grasshoppers gewinnen, wären Spieler und Fans wohl wieder genau so aus dem Häuschen wie hier 2005. Bild: Keystone

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GC, der nominelle Riese in der Challenge League, ist mit drei Siegen und zuletzt der Niederlage gegen den FC Schaffhausen ordentlich zur Saison gestartet. Das gilt im Prinzip auch für den FCW mit seinen acht Punkten, allerdings dem Fehltritt eines 0:6 gegen Lausanne dazwischen. Der Blick nach oben ist also für Zürcher wie Winterthurer offen. Allein, was genau von ihnen zu halten ist, weiss man noch nicht. Das Spiel heute wird zweifellos ernsthafte Anhaltspunkte liefern: Den Winterthurern, ob sie nach der massiven Niederlage gegen den einen Aufstiegsfavoriten mit dem andern mithalten können. Den Zürchern, ob sie tatsächlich der Aufstiegskandidat sind, als den sie die drei ersten Siege zumindest nach Resultaten auszuweisen begannen.

Als noch Dimmeler traf

In einer Beziehung ist das Spiel heute aber über den Tag hinaus eine besondere Sache, mehr noch als die Matches des FCW mit dem FC Zürich während dessen Ehrenrunde durch die Challenge League vor drei Jahren. Denn es ist doch aussergewöhnlich, dass sich die beiden Klubs erstmals seit dem letzten Gastspiel des FCW in der Elite um Punkte treffen. Das war am 11. Mai 1985, als der FCW im Hardturm 1:3 verlor. Ein paar Wochen später beendete GC eine – für seine damaligen Verhältnisse – mittelmässige Saison auf Platz 6 und verschwand der FCW aus der höchsten Liga. Bis heute.

Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass der FCW selbst in seinen besten Nationalliga-A-Jahren von 1968 bis 1977gegen keinen andern Verein eine schlechtere Bilanz hatte als gegen GC. Vor allem in Zürich, ob auf dem Hardturm oder auf dem Letzigrund, waren die Winterthurer sehr erfolgsarm. Auch als sie von 1970 bis 1975 unter Willi Sommer zur weiteren Spitze der Nationalliga A gehörten. Daheim hat der FCW von elf Spielen vom Aufstieg mit Timo Konietzka 1968 bis zum letzten Abstieg von elf Spielen nur drei gewonnen. In Zürich gab es in all der Zeit nur einen Sieg, aber acht Niederlagen mit 4:27 Toren. Der letzte Auswärtssieg gegen GC geht auf den 2. März 1969 zurück. Es war das Startspiel zur Rückrunde vor 5000 Zuschauern im Letzigrund, wohin die Grasshoppers schon damals auswichen – nach einem Tribünenbrand im Hardturm. Der FCW gewann in seinem Abstiegskampf zwei wichtige Punkte. Fünf Minuten vor Schluss forderte Ernst Rutschmann den GC-Goalie Enrico Borrini; der liess den Ball abklatschen, Herbert Dimmeler staubte ab. Danach lagen GC, St. Gallen, der FCW und Biel mit je zwölf Punkten (bei der Zweipunkteregel) gleichauf, eine Länge vor Sion auf dem oberen Abstiegsplatz. Am Ende war GC mit 23 Punkten nur Neunter, der FCW mit 22 Elfter und gerettet; Sion stieg mit 20 Zählern mit Luzern ab.

«Bengos» grösste Stunde

An Pflichtspielen zwischen GC und dem FCW gab seit 1985 nur noch vier im Cup, allesamt auf der Schützenwiese der unterklassigen Winterthurer. Dreimal verloren sie, einmal siegten sie. Es war der legendäre Match im Herbst 2005, als die Zuneigung der FCW-Fans zu Patrick Bengondo begründet wurde. Dreimal traf «Bengo» auf dem Weg zu diesem 4:2-Sieg, das letzte Tor trug sein damals kongenialer Partner Pascal Renfer bei. Die Torfolge sagt alles aus über die Dramatik jenes Tages: 11. Bengondo 1:0; 24. Bengondo 2:0; 37. Rogerio 2:1; 41. Rogerio 2:2; 56. Bengondo 3:2; 61. Renfer 4:2. Ein halbes Jahr später war der FCW Halbfinalist und verlor gegen den FC Sion 0:1. Der geschlagene GC-Trainer jenes Herbsts war übrigens Hanspeter Latour. Zwei Jahre – und ein Bundesliga-Gastspiel in Köln – später revanchierte er sich mit einem 3:2-Sieg.

Ein erster Auswärtssieg gegen GC seit mehr als 50 Jahre wäre heute zweifellos einen Eintrag ins Geschichtsbuch wert. Nicht dazu beitragen können Sead Hajrovic, der Abwehrchef und Captain Nummer 2, und Davide Callà, der Chef und Captain Nummer 1. Hajrovic trainiert zwar mit, ist aber noch immer nicht matchfit. Im Falle Callàs darf man immerhin damit rechnen, dass er für den grossen Cupmatch gegen den FC St. Gallen wieder bereit ist. Trainer Ralf Loose dürfte also bei der Elf bleiben, die in Vaduz mit einem 1:0 aufs Debakel gegen Lausanne reagierte und dann im Cup YF Juventus sicher schlug. Im Rückblick rühmt Loose seine Mannschaft für die «grosse Willensleistung in Vaduz» und für die «spielerische Leistung gegen YF Juventus, die klar besser war als in Vaduz.»

Loose will die Dinge also positiv sehen, was die Zahlen ja auch hergeben. Er erwartet «ein starkes GC», das nach dem Ausrutscher gegen Schaffhausen wieder mit mehr Bereitschaft auftrete. Er will natürlich auch nicht immer von den Abwesenden reden, mögen sie noch so prominent sein. Nominell wäre ein Punkt gegen den Rekordmeister schon ein gutes Ergebnis. Zwischen Sieg und Niederlage aber täte sich die Lücke auf zwischen einem Tabellenzweiten und einem Mittelfeldteam, das dann schon fünf Längen hinter GC und womöglich schon sechs hinter Lausanne läge. Auch wenn es noch früh in der Saison ist, sind das schon Signale.

Was sie beim FCW in diesen Tagen sonst noch machen: Verfolgen, was – bis zum Cupmatch Mitte September gegen den FC St. Gallen – mit dem durch die Faustball-WM massiv malträtierten Rasen wird. Und von der Liga kam der Bussbescheid, es seien wegen des «Sexismus-Banners» im Schlussspiel der vergangenen Saison gegen Schaffhausen 3000 Franken Busse zu zahlen.

Erstellt: 22.08.2019, 21:39 Uhr

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