Fussball

Eine Halbzeit des Grauens

Nach einem Heimsieg gegen Stade Lausanne-Ouchy wäre der FCW sechs Punkte hinter GC, neun hinter Lausanne Dritter gewesen. Aber er verlor nach desaströser zweiter Halbzeit 1:2 und ist nun nur noch Sechster, neun Längen hinter GC.

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Der FCW hat in diesem Fussballherbst manch Gutes geleistet, mit den Cupsiegen gegen St. Gallen und Thun als Höhepunkten. Mit einem Viertelfinal daheim gegen den drittklassigen FC Bavois als Lohn. Er hat sich auch den einen oder andern Aussetzer geleistet wie das Heim-0:3 gegen Wil oder die gleich zwei Niederlagen gegen Kriens. Doch was er im letzten Heimspiel des Jahres ablieferte, gegen den mit zuletzt nur einem Punkt und 4:19 Toren sieglosen Aufsteiger aus der Waadt – das sprengte die üblichen Dimensionen selbst für überraschungsreiche Versionen des Fussball. Das war eigentlich nur noch unerklärlich.

Bei Halbzeit führte der FCW 1:0, obwohl er keineswegs sonderlich gut gespielt hatte. Aber es war doch festzustellen, dass er selbst an einem mittelmässigen Tag stark genug sein musste, diesen Gegner zu besiegen. Das Tor schoss Luka Sliskovic mit einem Freistoss aus 22 Metern, über die Mauer hinweg präzis in die Torhüterecke. Vorangegangen war eine Aktion gegen Roman Buess, die man nicht als Foul sehen musste – jedenfalls viel weniger als zuvor eine des herausgelaufenen Torhüters João Barocca gegen Buess. Es war das dritte FCW-Tor gegen SLO in dieser Saison, stets hiess der Schütze Sliskovic.

Zwei Tore in vier Minuten

Man konnte sich als Winterthurer bei Halbzeit also trotz aller Vorbehalte auf dem Weg zum Heimsieg sehen, den gegen diesen Gegner eigentlich schaffen muss, wer mit der Spitze mithalten will. Aber was dann folgte, liess einen allmählich sprachlos werden: Der FCW verlor das Spiel immer mehr aus den Händen, ja er zerfiel allmählich in lauter Einzelteile. Er war nicht mal mehr fähig, Warnschüsse wie diesen wahrzunehmen: Zehn Minuten nach der Pause liess er sich nach einem – schlechten – Freistoss Davide Callàs in den gegnerischen Strafraum auskontern. Am Ende foulte der – immerhin finster entschlossen zurückgeeilte – Sliskovic den Gegner Yanis Lahiouel. Den Elfmeter drosch dann aber Juan Manuel Parapar weit, sehr weit übers Tor Richtung Eulachstrand. Es lief also gewiss nicht alles gegen den FCW. Aber der weigerte sich zu profitieren.

Eine Minute später spielte Goalie Raphael Spiegel den Ball – auskickend – dem Gegner Lahiuel in die Füsse. Den konnte Tobias Schättin im letzten Moment stoppen. Auch das reichte nicht, den FCW zu wecken. Also liess sich nach gut einer Stunde der Ausgleich nicht vermeiden, erzielt von Lahiuel mit einem Hocheckschuss. Nur vier Minuten später spielten die Waadtländer die Winterthurer in einem Stil aus, den ihnen noch in der ersten Halbzeit niemand zugetraut hatte. Parapar lieferte schliesslich die erstklassige Hereingabe, Karim Gazzetta verwertete sie. Auch das passte zum Anlass: Das Siegestor des Aufsteigers schoss sein Mann mit sehr viel Erfahrung auf der Schützenwiese.

2:19 Schüsse!

Denn es war das Siegestor. Der FCW war nicht annähernd zu einer Reaktion fähig. Zu zerfallen war sein Spiel, zu schwach die Tagesform. Natürlich war penibel, wie sich die Waadtländer in der Endphase aufführten, wie sie sich fallen liessen, wie so alle halbe Minute einer mit Krämpfen (?) liegen blieb. Es sei der Vollständigkeit halber auch erwähnt, dass der Schiedsrichter eine schwache Vorstellung gab. Doch an einem änderte all dies nichts – und wurde von den Winterthurern hinterher auch nicht angezweifelt: Der Sieg der Lausanner war nichts als verdient. So viel gelaufen wie ihr Captain Andy Laugeois im zentralen Mittelfeld ist kein Winterthurer, so hart gekämpft hat auch keiner.

Dazu wäre noch die eine oder andere Zahl beizufügen: Sage und schreibe 19mal schoss einer von SLO Richtung gegnerisches Tor, nur zweimal einer des FCW! Dass beide Schüsse der Winterthurer das Tor trafen, aber nur sechs der Waadtländer sei auch gesagt. Und doch legt die Schussstatistik offen, wie beidseits gearbeitet wurde. Aus Winterthurer Sicht ist danach zu sagen: Es galt an diesem Tag nichts mehr von alledem, worauf man sich in diesem Herbst allmählich verlassen zu können glaubte. So ging die Entwicklung von einer positiven Serie von acht Pflichtspielen ohne Niederlage zu einer negativen mit fünf ohne Sieg. Es entfernte sich in drei Runden der Tabellenzweite GC von einer auf neun Längen vom FCW!

Selbst Loose nicht in Form

Die Winterthurer versagte gegen SLO individuell wie kollektiv, es wirkte selbst der Trainer nicht in üblicher Tagesform. Zu den individuellen Leistungen: Mario Bühler, Luka Sliskovic und Granit Lekaj spielten ordentlich, wenigstens bis in die Endphase. Andere aber blieben besonders klar unter den Anforderungen. Das galt für Nuno Da Silva, aber selbst für Callà, Ousmane Doumbia und Buess – also drei wichtige Stützen. Die Aufstellung war zu erwarten gewesen: Tobias Schättin war anstelle des gesperrten Sead Hajrovic Innen- statt Linksverteidiger, Enrique Wild ersetzte ihn auf der linken Flanke. Schättin spielte ordentlich, Wild vergab seine Chance, vor allem mit sinkender Tendenz.

An der Startaufstellung war wenig zu mäkeln, auch wenn sie Loose kaum wiederholen dürfte im Wissen um Wilds Vorstellung. Aber es dünkte einen auch, als sei der Trainer nicht so flexibel wie üblich. Man hätte sich früher Wechsel vorgestellt, jenen von Nuno Da Silva schoss bei Halbzeit; und schneller welche nach dem Rückstand. Was dann passierte, wirkte auch nicht sehr hilfreich. So wurde in der Verteidigung aus dem Quartett Isik/Bühler/Schättin/Wild gegen Schluss eines mit Doumbia (!)/Bühler/Lekaj/Schättin, dazu mit Julian Roth als Sechser. Da war eher von Chaos als Ordnung zu reden.

Loose sagte hinterher, man könne über die Wechsel reden. Auch er muss die Dinge noch genauer ergründen. Was er aber vermisste: Dass seine Mannschaft nach dem Tor «nicht nachsetzte. Ein Boxer macht das doch, wenn er den Gegner hart getroffen hat.» Er vermisste auch «einen Ruck nach der Warnung durch den verschossenen Elfmeter und auch nach dem ersten Gegentor.» Ihm fehlte «die Spritzigkeit», aber teilweise auch «die Laufbereitschaft». Er sah auch «nichts davon», worauf er seine Mannschaft «bei Halbzeit eingeschworen hatte: aufs zweite Tor auszugehen.» Er wird Dinge wie diese sicher mit der Mannschaft diskutieren. Oliver Kaiser, sein Leiter Sport, will trotz der grossen Enttäuschung nicht noch eine Runde vor Vorrundenschluss in Aktionismus verfallen. Aber genauer hinhören und hinsehen wird er in den Tagen bis zum Match in Wil natürlich schon.

Callà: «Über die Bücher»

Und die Spieler? Ihm sei, sagte Bühler kopfschüttelnd, «unerklärlich», was sich da zugetragen habe. «Nichts mehr klappte von dem, was vorher geklappt hatte. Dabei hatten wir so eine Chance – und jetzt sind wir Sechster.» Captain Callà liess wissen: «Wir müssen über die Bücher.» Wird heute diskutiert, dürfte er sich also eingehend einbringen. Dann sagte er noch: «Das einzige, was klar ist: Wir haben verdient verloren.»

So muss es sehen, wer gegen diesen Gegner mit einer Halbzeit des Grauens den Sprung auf Platz 3 verpasst, wer eine ganze Vorrunde zu kompromittieren droht. Dazu passt: Buess und Lekaj fehlen in Wil, nach vier Verwarnungen gesperrt. Allein deshalb muss Loose umstellen.

FCW - Stade Lausanne-Ouchy 1:2 (1:0)

Schützenwiese. – 2700 Zuschauer. – SR Schärli. – Tore: 21. Sliskovic 1:0. 63. Lahihouel 1:1. 67. Gazzetta 1:2.

FCW: Spiegel; Isik (80. Radice), Bühler, Schättin, Wild (75. Roth); Doumbia, Lekaj; Callà, Sliskovic, Nuno Da Silva (80. Bdarney); Buess. – SLO: Barocca; Dalvand, Hajrulahu, Mfuyi, Tavares; Laugeois, Gaillard; Gazzetta, Parapar (71. Amdouni), Perrier (63. Delley); Lahiouel (83. Oussou).

Bemerkungen: FCW ohne Hajrovic, Mahamid (gesperrt), Liechti (verletzt) und Saliji (nicht im Aufgebot). – SLO ohne Danner (gesperrt), Manière, Matri, Mutombo, Ndongo und Elouet (verletzt). – 57. Parapar schiesst Foulpenalty weit übers Tor. – Verwarnungen: 55. Tavares (Foul). 56. Sliskovic (Penaltyfoul). 68. Lekaj (Foul; fürs nächste Spiel gesperrt). 77. Callà (Unsportlichkeit) und Lahiouel (Unsportlichkeit). 91. Buess (Reklamieren; fürs nächste Spiel gesperrt). Nach Spielschluss Rote Karte für FCW-Torhütertrainer Paolo Cesari (Unsportlichkeit?).

Erstellt: 08.12.2019, 22:20 Uhr

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