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Eine Show nach ihren Regeln – weil sie niemandem etwas schuldet

Simone Biles organisiert ihre eigene Turnshow und riskiert die Konfrontation – die Männer hat sie schon verärgert.

David Wiederkehr
In ihrem Element ist Simone Biles, wenn sie Höchstschwierigkeiten zeigt. Bild: Laurence Griffiths (Getty Images)
In ihrem Element ist Simone Biles, wenn sie Höchstschwierigkeiten zeigt. Bild: Laurence Griffiths (Getty Images)

So sieht dann wohl ein Stinkefinger aus. Nicht wortwörtlich natürlich, dafür ist Simone Biles viel zu höflich. Lieber postet sie ästhetische Videos von sich, wie sie in den Ferien in ihrer zweiten Heimat Belize spektakulär mit Doppelschraube vom Sprungturm ins Wasser taucht.

Und doch erfolgt gleichzeitig die Ankündigung, die daheim, auf der Gegenseite, wie eine Provokation ankommen muss. Erst kürzlich gab die 22-jährige US-Amerikanerin bekannt, dass sie nach den Olympischen Spielen 2020 ihre eigene Tournee organisieren wird. Mit den besten Kunstturnerinnen des Landes, vielleicht der Welt. «Gold Over America» wird die Show heissen und in rund 35 Städten haltmachen, darunter Chicago, Los Angeles und New York. Am Start: ausschliesslich Turnerinnen.

Viel Geld im Spiel

Damit geht die 19-fache Weltmeisterin auf Konfrontationskurs mit dem Landesverband USA Gymnastics, der solche Tourneen seit Jahrzehnten im Anschluss an Olympische Spiele veranstaltet. Dabei ging es darum, die erfolgreichen US-Turnerinnen und -Turner zu präsentieren - und um viel Geld. Knapp 40 Shows fanden 2016 nach Rio statt, im ganzen Land, in den grössten Stadien, und fast alle waren ausverkauft.

Die Tournee war mehr als nur ein Zustupf für die Turner, die auch in den USA nicht fürstlich entlöhnt werden. 1200 Dollar beträgt in den USA der monatliche Basislohn. Das ist vergleichbar mit dem Fixum beim Schweizerischen Turnverband.

Doch mit dem Bonus wird Schluss sein, sobald Biles’ Tournee Wirklichkeit wird. Denn: Ihre Teamkolleginnen dürften von ihr eingeladen werden und sich der Leaderin anschliessen – USA Gymnastics hat dem nichts entgegenzusetzen. Schliesslich interessiert eine Tournee nur mit den US-Männern kaum jemanden: Im Gegensatz zu den Frauen gewinnen sie inzwischen kaum noch Medaillen.

Der frühere Spitzenturner Jonathan Horton klagte auf Twitter: «Es ist enttäuschend, dass das Männerteam ausgebootet wurde. Die Tournee war die einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen. Nur damit war es mir möglich, nach dem Turnen in ein geregeltes Leben zu starten.»

Doch was schuldet Biles dem US-Männerturnen? Und wieso sollte sie ausgerechnet USA Gymnastics ermöglichen, mit ihr Werbung zu machen und Geld zu verdienen, nachdem der Verband im Missbrauchsfall um den früheren Chefarzt Larry Nassar auf fahrlässige Art und Weise jede Verantwortung schuldig geblieben ist? Es bis heute bleibt. Jonathan Horton antwortet: «Biles schuldet beiden nichts.»

Ausgerechnet sie

«USA Gymnastics hat uns hängen lassen», hatte Biles vor der WM in Stuttgart unter Tränen wiederholt. Dabei war ausgerechnet sie, der Star und das Aushängeschild des mittlerweile konkursiten Verbandes, die einzige noch aktive Turnerin gewesen, die sich im Prozess gegen Nassar als Opfer bekannte.

Doch die negativen Schlagzeilen reissen nicht ab: Kürzlich wurde bekannt, dass USA Gymnastics schon 2015 wusste, dass sich Nassar auch an Biles vergangen hatte - und doch suchte keiner mit ihr das Gespräch. Übrigens auch keiner des nationalen Olympischen Komitees oder des ebenfalls informierten FBI.

Vordergründig gibt sich Biles versöhnlich: USA Gymnastics unterstütze sie bei «Gold Over America» - trotzdem ist und bleibt der Verband aussen vor. Und, sagt Biles: «Ich will, dass es ganz anders wird. Etwas, das die Leute nie zuvor gesehen haben.» Dass die Show ein Erfolg wird, steht praktisch ausser Zweifel.

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