Fussball

Gut ist nur die letzte Erinnerung

Der FCW spielt am Freitag im Cup zum 12. Mal gegen den FC St. Gallen. Der ist als Club aus der Super League wieder mal Favorit. Von den ersten elf Duellen hat er auch nur zwei verloren, das erste 1928 und das letzte im März 2012.

Die Winterthurer bejubeln 2012 den Cupsieg über St. Gallen, Alberto Regazzoni (vorn) hatte den letzten Penalty verschossen.

Die Winterthurer bejubeln 2012 den Cupsieg über St. Gallen, Alberto Regazzoni (vorn) hatte den letzten Penalty verschossen. Bild: Heinz Diener

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FCW – FCSG lieferte jahrzehntelang keine besonderen Cup-Geschichten. Mal standen die Winterthurer in der Hierarchie über den St. Gallern, mal wars umgekehrt, gleich blieb sich: Es siegte der FCSG, jedenfalls neunmal in Folge nach einem 0:4 im Oktober 1928. Besondere Duelle waren es nie, man begegnete sich spätestens in den Achtelfinals.

«Zälli» und Contini

Zugespitzt hat sich die Sache erst im neuen Jahrtausend – mit einem ersten Viertelfinal im April 2001. Damals kam mit dem FC St. Gallen Marcel Kollers der Meister auf die Schützenwiese. Leader der Super League war er auch schon wieder. Also war er klarer Favorit gegen den FCW, den seit ein paar Wochen der Zürcher Walter Grüter durch die Auf-/Abstiegsrunde führte. Im St. Galler Meisterteam standen mit Marc Zellweger und Giorgio Contini zwei Winterthurer. Sie sollten in einem Regenmatch vor nur 4880 Zuschauern an einem Mittwoch eine massgebliche Rolle spielen: «Zälli» schoss in der 27. Minute das 0:1, mit einem 25-m-Schuss in die vordere hohe Ecke von Erich Hürzelers Tor. Zur Pause wurde Zellweger durch Contini ersetzt, und der staubte nach zwei Minuten zum 0:2 ab. Später bereitete er Ionel Ganes 0:3 vor, Renato Brugnolis 1:3 war nur das Ehrentor.

Es war also ein normaler Favoritensieg. Die St. Galler verloren danach den Halbfinal gegen Servette 0:1 und in der Meisterschaft das titelentscheidende letzte Heimspiel gegen GC 0:4. Der FCW aber schrieb in jener Saison ein einmaliges Stück Schweizer Cupgeschichte: Er spielte zweimal gegen denselben Verein, denn gegen das «Eins» der St. Galler durfte er nur antreten, weil er im Herbst 2000 die U-21 in den 1/32-Final im Espenmoos 2:1 geschlagen hatte.

Keine Tageskasse war offen

Zwölf Jahre nach dem ersten kam der FC St. Gallen zu einem nächsten Viertelfinal auf die Schützenwiese. Wieder war er Favorit, obwohl es das Treffen zweier Challenge-League-Teams war. Die St Galler lagen auf ihrem Rückweg in die Super League mit Trainer Jeff Saibene weit voraus, 14 Punkte vor Bellinzona, gar 17 vor dem FCW. Aber der war in einer sehr starken Phase. Er hatte von 13 Pflichtspielen keines verloren und immerhin die Young Boys des Christian Gross aus der Konkurrenz geworfen.

Die Stimmung um die Schützenwiese war also einigermassen euphorisch, erstmals in der ganzen Clubgeschichte wurden keine Tageskassen mehr geöffnet. Die 8500 Plätze waren am Tag vor dem Spiel alle verkauft. Nach knapp 20 Minuten schien die Sache aber klar: Marco Mathys und der spätere FCW-Österreicher Manuel Sutter brachten den FCSG souverän 2:0 voran. Aber schon ein paar Minuten später setzte FCW-Linksfuss Luca Radice ein Signal, mit dem 1:2 nach starkem Dribbling und Doppelpass mit Kris Kuzmanovic. So stands zwar auch noch tief in der Endphase, aber der FCW war immer stärker geworden, die Begeisterung auf den Rängen war gross. Erst recht nach Patrick Bengondos Ausgleich zum 2:2 in der 83. Minute. Die Verlängerung überstanden die St. Galler, aber nicht das Elfmeterschiessen: Alle Winterthurer trafen souverän, wie schon gegen YB. Der fünfte St. Galler aber scheiterte, Alberto Regazzoni am rechten Pfosten.

All das spielte sich vor der St. Galler Fankurve ab. Der Grund: Vor der Bierkurve war im Lauf des Spiels die Hälfte des Zauns eingestürzt! Dass bei all der Hektik nicht ein Fan den Fuss aufs Feld setzte, war eines der bemerkenswerten Ereignisse dieses grossen FCW-Abends. Dem wäre noch mehr gefolgt, hätte Serienmeister Basel nicht ein paar Wochen später den Halbfinal 2:1 gewonnen – nicht zuletzt wegen eines Eingriffs des Schiedsrichters Bieri.

Boro Kuzmanovic feierte jenen Sieg als Trainer Winterthurs, morgen kommt er als Assistent des St. Galler Coachs Peter Zeidler. Andere sind heute Winterthurer mit St. Galler Vergangenheit, von Davide Callà bis zu Trainer Ralf Loose.

Ralf Looses Spatenstich

Callà spielte von Anfang 2005 bis Mitte 2008 für den FCSG. «Zwei Kreuzbandrisse» seien seine wesentliche Erinnerung daran, sagt er heute. Als 21-Jähriger ernannte ihn Loose zum Captain. Am Ende aber war er für manche in der Ostschweiz der Captain, der das sinkende Schiff verliess. Callà wechselte nämlich nach dem Abstieg 2008 zu GC. Den Absturz konnte er nicht verhindern – auch weil er von den letzten zwei Jahren anderthalb verletzt fehlte. Verletzt ist er auch jetzt wieder. Das Comeback nach seiner Wadenblessur aus dem Startspiel gegen Aarau naht, für morgen reichts aber noch nicht.

Ralf Loose erinnert sich an einen FCSG, der ihn im Frühjahr 2006, nach gut neun Monaten, entliess, «obwohl wir auf Platz 6 standen und offensiven, attraktiven Fussball zeigten, mit vielen guten Resultaten». Ein Ergebnis allerdings war historisch schlecht: das 1:2 im Oktober 2005 im Cup gegen den viertklassigen FC Küssnacht am Rigi. Ein paar Wochen vorher hatte Loose noch, wie er sich lachend erinnert, «den Spatenstich fürs neue Stadion gemacht». Präsident Dieter Fröhlich habe danebengestanden und gesagt: «Wenn das steht, haben wir Geld.» Was gekommen sei, fügt Loose gleich bei: «Zwei Abstiege.»

Anders als Callà können Roman Buess und Gjelbrim Taipi morgen für den FCW gegen ihren alten Verein spielen. Mittelfeldspieler Taipis Vergangenheit in St. Gallen ist kurz, ein halbes zweites Jahr 2017, mit nur vier Starts in der Liga und nur zwei Spielen über 90 Minuten, beide im Cup. Buess aber war zwei Jahre Stammkraft, vor allem unter Contini. Im Herbst 2018 wurde es für ihn, unter Zeidler, schwieriger, im vergangenen Winter ging er nach Lausanne – wieder zu Contini. Er habe, sagt Buess, «eine sehr lehrreiche Zeit in St. Gallen hinter sich, einen sehr guten Start, zwei gute Jahre – am Schluss aber kam es anders als gewünscht». Unter dem neuen Führungspersonal spielte Buess zwar noch einigermassen regelmässig, aber nicht mehr als Stammkraft. «Am Schluss hat es nicht mehr gepasst», bilanziert er heute, «aber das lag auch an mir. Ich kam mit dem Drum und Dran nicht mehr ganz zurecht.»

In Winterthur wohnt er inzwischen nahe der Schützi. Es passt ihm hier. Aber auch er denkt, noch bringe die Mannschaft nicht, was man sich nach der starken Vorbereitung erhofft habe. Der gewichtigste Grund: diverse Verletzungen – wie jene Callàs, «der für uns doch sehr wichtig ist, auf dem Platz und in der Kabine».

Erstellt: 11.09.2019, 22:42 Uhr

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