Fussball

Musterknabe auf Abwegen

Der FC Thun, am Mittwoch Cup-Gegner des FCW auf der Schützi, steht in der Super League so schlecht wie nie seit seinem Aufstieg im Jahr 2010.

Die Thuner Stürmer – hier Simone Rapp – hatten bisher wenig zu jubeln.

Die Thuner Stürmer – hier Simone Rapp – hatten bisher wenig zu jubeln. Bild: Freshfocus

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Man hatte sich daran gewöhnt, seit der FC Thun im Frühjahr 2010 mit Trainer Murat Yakin in die Super League zurückgekehrt war: Er spielte sich Jahr für Jahr unscheinbar durch die Super League, wurde Vierter, Fünfter oder Sechster; Platz 7 vor zwei Jahren war schon ein Ausrutscher. Viermal reichte es in den Europacup, im vergangenen Frühjahr waren die Thuner auch noch Cupfinalist.

Sie wurden – mit bescheidenen Mitteln bemerkenswert erfolgreich – zum Musterknaben der Liga. Es gelang ihnen in aller Regel, Spieler, die sie weiter entwickelt und danach mit Gewinn weiterverkauft hatten, zu ersetzen, als wärs das einfachste der Welt. Die Challenge League war meist die Quelle, einer wie Christian Fassnacht ein Musterbeispiel: Nach anderthalb Jahren beim FCW wechselte er 2016 nach Thun, ein Jahr später gings schon weiter zu den Young Boys. Mittlerweile ist er zweifacher Schweizer Meister und Nationalspieler.

Kein Grund für Unruhe

In Thun aber ist jetzt, so wird immer deutlicher, Sand im Getriebe, sehr viel Sand. Oder anders gesagt: Der Musterknabe ist auf Abwege geraten. Natürlich war er schon das eine oder andere mal für eine Woche Tabellenletzter, zuletzt im Frühjahr 2018; aber ohne oder mit vielleicht einem Punkt Rückstand. Und ein paar Runden später waren die Dinge geregelt. Aber eine Negativserie wie nun, acht Spiele mit nur einem Punkt, Platz 10 mit schon vier Längen Rückstand – das ist, selbst für Thuner Verhältnisse, höchst bedenklich. Das heisst noch längst nicht, dass sie im Oberland die Ruhe verlören und, beispielsweise, an einen Trainerwechsel dächten.

Niemand rechnet damit, dass Präsident Markus Lüthi und der langjährige Sportchef Andreas Gerber sich eine Trennung von Trainer Marc Schneider erwägen könnten. Und wenn sie sich entsprechend ausdrücken, nimmt man ihnen das auch ab – wie sonst vielleicht beim SC Freiburg. Also sagt auch Nuno Da Silva, die Thuner Leihgabe des FCW: «Ich bin sicher, dass sie mit Schneider selbst in die Challenge League gingen.» Klar ist die Analyse, warum die Thuner ans Tabellenende stürzten, obwohl sie doch spielerisch mehrheitlich gute Leistungen brachten und auch in der Europa-League-Qualifikation einen der Moskauer Grossen, Spartak, forderten: Es ist ihnen diesmal (zumindest noch) nicht gelungen die Abgänge auch nur halbwegs adäquat zu ersetzen. Nuno Da Silva formuliert es so: «Es fehlen ihnen die Tore von Spielmann und Sorgic.» Und die Qualität Sorgics auch als Arbeiter.

Die Zahlen eines Duos

Die Zahlen machen es deutlich: Dejan Sorgic, jetzt in Auxerre, schoss in der vergangenen Meisterschaft 15 Tore; dann noch eines im ersten Spiel der neuen, ehe er nach Frankreich ging. Und Marvin Spielmann machte im Jahr vor dem Wechsel «à la Fassnacht» nach Bern zwölf Meisterschaftstore. 27 von 57 Treffern waren 2018/19 das Werk der beiden. Im Vergleich dazu sagen die Zahlen der im Sommer gekommenen neuen Angreifer viel aus: Miguel Castroman – 11 Spiele, 0 Tore, Saleh Chihadeh – 7/1, Ridge Munsy – 5/0, Simone Rapp – 12/3.

Castroman aus Schaffhausen und Chihadeh aus Kriens haben Super-League-Tauglichkeit noch nicht nachgewiesen. Rapp wirkte zeitweise wie ein Chancentod, dabei hatte er ehedem in seinen ersten zweieinhalb Jahren in Thun in 81 Ligaspielen 25mal getroffen. Typisch für den FC Thun dieses Herbsts ist, wie er vor einem Monat beim FCZ 0:2 verlor: Er begann besser, geriet zuerst in Unterzahl und dann in Rückstand und war am Ende doch wieder besser. Aber Rapp vergab drei «sichere» Torchancen, und es half nichts, dass Schneider «überhaupt nicht beunruhigt war, denn die Leistung war gut.» Aber, fragte man sich schon da, und fragte man sich seither immer wieder: Kann eine Leistung wirklich gut sein, wenn die Tore meist fehlen? Die Antwort: sie kann es nicht.

Das Warten auf Hediger

Teil 2 der Analyse des Thuner Abrutschens ist zweifellos dem unbestrittenen Leader Denis Hediger zu widmen. Der kuriert noch einen Kreuzbandriss aus, den er Mitte Februar erlitt. Noch ist nicht sicher, wann er zurückkehrt. Nuno Da Silva weiss aus eigener Erfahrung, «wie er auf dem Feld dirigiert und wie in der Kabine, immer und immer wieder.» Mit Hediger holte Thun in der vergangenen Saison in 20 Runden 32 Punkte, ohne ihn seit Februar in 28 noch 20. Auf seine Rückkehr werden die Thuner in erster Linie setzen, um von ihrem Abweg wegzukommen. Heute könnte sie ein Sieg im Cup in Winterthur auf schönere Gedanken bringen.

Für Nuno Da Silva (25), den gebürtigen Portugiesen, der in Zürich geboren wurde, ein paar Jahre in Portugal aufwuchs und danach in Bern sozialisiert und vorwiegend bei den Young Boys ausgebildet wurde, wären schöne Gedanken natürlich mit einem Sieg gegen Thun verbunden. Noch in jedem Spiel des FCW kam der schnelle Flügelmann zum Einsatz, allerdings nur einmal über 90 Minuten. Seine bisher wertvollsten Beiträge: das 2:0 zum grossen Cupsieg gegen St. Gallen, zuletzt das 1:0 gegen Vaduz, das den Wert von drei Meisterschaftspunkten hatte. Es passt Nuno offensichtlich in Winterthur. Es sei hier schon auch wie in Thun, sagt er, «der Verein ist familiär, die Stimmung im Team ausgezeichnet.» Gut für einen wie ihn, «der Wärme braucht». Sein Leihvertrag gilt bis im Sommer, dann beginnt der bis 2021 datierte Kontrakt mit Thun wieder zu laufen. Bis dahin wird man wissen, ob er – sportlich – eher ein Winterthurer oder Thuner ist. Und wo die beiden Vereine auch spielen.

Erstellt: 29.10.2019, 20:28 Uhr

Schweizer Cup, Achtelfinal

FCW - FC Thun. Schützenwiese, Mittwoch, 19.30 Uhr.

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