FCW

Wenigstens eine halbe Erlösung

Der FCW bringt sich in Chiasso durch einen Eigenfehler Granit Lekajs früh in Rückstand. Luka Sliskovics 1:1 fällt erst in der 89. Minute, aber es fällt.

Der FCW stolperte, aber er fiel nicht: Captain Davide Callà (links) im Duell mit Stefano Guidotti.

Der FCW stolperte, aber er fiel nicht: Captain Davide Callà (links) im Duell mit Stefano Guidotti. Bild: Freshfocus

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In der 89. Minute fiel das Tor dann doch noch, das den FCW vor einer Niederlage in Chiasso bewahrte, vor einem zweiten «Nuller» in diesem Frühjahr gegen einen Abstiegskandidaten nach jenem vor ein paar Wochen in Kriens. Es war ein Treffer, der bejubelt wurde wie einer von sehr gehobener Bedeutung. Wie wichtig er in der Tat war, wird die Zukunft weisen, wenn man immer genauer weiss, wie nahe dieser FCW der absoluten Spitze in dieser Liga ist.

Klar war, er war ein gutes Signal. Für die Mentalität, aber auch fürs spielerische Vermögen der Mannschaft, die unter höchstem Zeitdruck zu einer klaren, sauberen Aktion fähig war: Taulant Seferi spielte vor dem Strafraum einen von der Tessiner Abwehr zu kurz abgewehrten Ball mit Übersicht und präzis zu Davide Callà am rechten Flügel; der passte direkt in die Mitte und dort schob ihn Luka Sliskovic aus fünf Metern über die Linie. Da durfte Trainer Ralf Loose mit gutem Recht sagen: «Man sieht, dass wir ein wirkliches Team haben. Der Zusammenhalt ist da.» Für den «guten Teamgeist» spreche auch, «dass wir den Erfolg bis zur letzten Sekunde suchen». Und dass mit Sliskovic einer treffe, der zuletzt nicht erste Wahl war, aber bereit, als er eingewechselt wurde.

Das «ekligste» Szenario

Die Erleichterung war also gross, und selbstredend war der Punkt mehr als verdient. Aber er ist, aus der Sicht eines Tabellendritten mit der Punktzahl des Tabellenzweiten, halt nur das absolute Minimum. Bei betont realistischem Blick auf die Dinge muss man auch sagen: Der FCW hat, einen Tag nach dem sehr mässigen Auftritt Lausannes in Wil, die Chance verpasst, mit zwei Längen Vorsprung auf die Waadtländer ins Spitzenspiel vom kommenden Sonntag auf der Schützenwiese zu gehen. «Wir hätten Lausanne noch nervöser machen können», sagt Loose dazu. Und es ist ja auch so: Sieben Punkte aus den vier Spielen gegen die Tabellenletzten zu Beginn dieser Rückrunde sind nicht schlecht, aber sie sind nicht die Ausbeute eines unbestrittenen Spitzenteams.

Man kann die Dinge auch so gewichten: Der FCW hat doch noch einen halbwegs befriedigenden Abgang gefunden, aber er hat sich halt auch in eine Lage manövriert, die nicht hätte sein dürfen – wenigstens nicht für eine Mannschaft, die aufsteigen will. Man stellte sich vor dem Spiel ja einige Szenarien vor – bis hin zu einem souveränen Sieg des FCW nach einer frühen Führung oder auch einen nach einem frühen Rückstand wie im vergangenen Dezember beim 3:1. Aber es gab auch das dieses Szenario, das unangenehme, gar «eklige»: Dass man einer von der ersten Minute an auf hartes, aber auch gutes Verteidigen und sehr bald auch auf Zeitspiel eingestellten Mannschaft wie diesen FC Chiasso «in die Karten spielt» (Loose), weil man ihm mit einem groben individuellen Patzer zum 1:0 verhilft. Das war, jeder wusste es, vor allem zu vermeiden.

Ein Geburtstagsgeschenk

Aber genau das begab sich in der 12. Minute: Beim Versuch, fein aus der Abwehr heraus zu spielen, lieferte Granit Lekaj von der Strafraumecke einen Querpass in sehr ungefähre Richtung der Teamkollegen Raphael Spiegel und Sead Hajrovic. Den Ball erlief sich dann aber Chiassos neuer Argentinier Rodrigo Pollero. Dessen ersten Schuss konnte Spiegel noch abwehren, doch den danach frei im Fünfer liegenden Ball erlief sich Pollero als Erster. «Ich hab ihn nicht gesehen», sagte Lekaj später. Die Szene verdarb ihm den 29. Geburtstag. Oder in Looses Worten: «Statt ein Geschenk für den Geburtstag zu erhalten, hat er eines verteilt.»

Es gab dann schon die Möglichkeiten, diesen Fehltritt vor der 89. Minute zu korrigieren – und dies dann mit erhöhter Aussicht, noch zu gewinnen. So demonstrierte der FCW in der 23. Minute einen Angriff über zwei Drittel des Spielfelds, der brillant war: Von der Balleroberung Lekajs noch tief in der eigenen Hälfte lief die Kugel direkt über Eris Abedini, Roberto Alves und Taulant Seferi zu Callà. Der konnte allein aufs Tor zulaufen. Seine Ausgangslage war noch besser als jüngst auf dem Weg zum 1:0 gegen Vaduz, denn die weitere Torecke war viel offener als damals. Doch diesmal schob Callà den Ball aus fünf Metern ganz knapp am hinteren Pfosten vorbei. In der zweiten Halbzeit hatte dann Seferi die beiden klarsten Chancen.

An der Seitenlinie übrigens blieb Loose ruhig. Aufgestellt hatte er am Ende einer englischen Woche mit nur sehr kurzer Pause zwischen den Matches gegen Rapperswil und in Chiasso wie erwartet, mit einer leichten Rotation nämlich. Die sollte auch zeigen, dass es nicht nur elf Stammspieler gibt. Also spielte Enrique Wild und nicht Tobias Schättin als linker Aussenläufer – «und er machte seine Sache gegen Padula gut», anerkannte Loose. Padula ist einer der besseren Spieler Chiassos. Nach vorne allerdings lieferte Wild wenig. Im Mittelfeld trat Eris Abedini als zweiter «Sechser» neben Remo Arnold an. Das lag nahe, weil Ousmane Doumbia nach seinem Malariaanfall in der Vorbereitung noch immer nicht in der körperlichen Verfassung für regelmässig gute 90-Minuten-Vorstellungen ist.

Vor Wochen der Wahrheit

Diese Massnahmen des Trainers waren richtig und werden auch nicht durch die Feststellung gemindert, dass prinzipiell eine Doppelsechs mit Doumbia besser ist als eine ohne ihn, vor allem gegen defensive Gegner wie Chiasso. Arnold und Abedini sind sich in ihrer Spielweise eben auch sehr ähnlich. Doumbia, Schättin und Sliskovic kamen dann nach einer guten Stunde. Sie lieferten durchaus Impulse. Es war also nicht der Punktgewinn von elf, sondern am Ende von 15 Spielern. Aber es war auch der Punktverlust einer Mannschaft, die nach vier Frühjahrsspielen feststellen muss: «Wir haben zweimal Abwehrschwächen gezeigt – und nicht gewonnen. Wir haben zweimal keine gezeigt – und klar gewonnen.» So formulierte es Loose. Es ist, realistisch gesehen, genau der Unterschied zwischen einer guten und einer sehr guten Mannschaft.

Wo genau in dieser Liga der FCW einzustufen ist, ob er lange er seine Gemeinde mit einem Aufstiegskampf verwöhnen kann – das ist also noch immer sehr schwer abzuschätzen. Servette hat am Samstag in Kriens überzeugend reagiert, Lausanne trotz für seine Ansprüche mässiger Gesamtleistung 2019 eben doch einen Punkt mehr geholt als der FCW. Noch besser steht Aarau da, dessen Siegeszug allerdings gestern in Vaduz gestoppt wurde.

So gesehen folgen für die Winterthurer nun, wie es Leiter Sport Oliver Kaiser sagt, «die Wochen der Wahrheit». Nach den vier Letzten sind nun bis Ende März die vier aus der oberen Tabellenhälfte die Gegner, Lausanne, Wil, Aarau und Servette. «Danach wissen wir, wo wir stehen», denkt Kaiser. Danach weiss man wohl, wie wichtig es werden könnte, die Arbeiten für die Lizenz voranzutreiben.

Erstellt: 24.02.2019, 19:32 Uhr

Challenge League

FC Chiasso – FC Winterthur 1:1 (1:0)

Riva IV. – 500 Zuschauer. – SR Fähndrich. – Tore: 12. Pollero 1:0. 89. Sliskovic 1:1. – Chiasso: Mossi; Perico, Martignoni, Alessandrini; Nikola Milosavljevic; Padula, Bahloul, Guidotti, Brivio (71. Belometti); Malinowski (59. Josipovic), Pollero (69. Milinceanu). – FCW: Spiegel; Isik, Hajrovic, Lekaj, Wild (64. Schättin); Arnold, Abedini (64. Doumbia); Callà, Roberto Alves (78. Gazzetta), Radice (64. Sliskovic); Seferi. – Bemerkungen: Chiasso ohne Giorno, Lurati, Manicone (verletzt), Batista (U20-Nationalmannschaft Uruguays), Nsiala und Nsumbu (ein weiteres Mal nicht im Aufgebot). – FCW ohne Roth, Saliji, Lepik (verletzt), Cavar, Mulaj und Sutter (nicht im Aufgebot). – Verwarnungen: 35. Roberto Alves (Foul). 69. Josipovic (Unsportlichkeit). 82. Doumbia (Foul). 86. Seferi (Reklamieren). – Umfeld einer Profiliga nicht würdig: Terrain unterirdisch, keine Matchuhr, keine Anzeigen von Wechseln und Nachspielzeit!

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