Wie GC an seinem Zerfall arbeitet

Eigentlich müssten alle Chefs weg – aber solange sich Präsident Anliker nicht bewegt, passiert nichts

Hat Probleme: GC-Trainer Thorsten Fink.

Hat Probleme: GC-Trainer Thorsten Fink. Bild: Keystone

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Am Donnerstag lancierten tagesanzeiger.ch und 20min.ch eine Umfrage zu GC. Sie wollten herausfinden, wer denn in der Krise das grösste Problem sei, Präsident Anliker, CEO Huber, Sportchef Walther oder Trainer Fink. Über 4600 Personen machten innert kurzer Zeit mit, das sind fast so viele, wie letzten Sonntag das 0:1 von GC gegen Xamax im Letzigrund über sich ergehen liessen.

«Alle müssen weg!», forderten 47 Prozent. Halb so viele waren kleine Scherzkekse und riefen: «Hopp FCZ!» Im Zürcher Fussball geht nicht viel über das Leiden des Nachbarn. Das war vor drei Jahren so, als sich der FCZ auf den Weg in die Challenge League machte. Und jetzt ist es umgekehrt nicht anders, weil die Grasshoppers an ihrem Zerfall arbeiten.

Es ist ja nicht so, dass sie in diesem Jahrzehnt zum ersten Mal schlecht aussehen. 2010 gingen sie als Tabellenletzter in die Winterpause, und eine Saison später retteten sie sich als Achter ins Ziel. Die letzten Jahre unter Stephan Anliker als Präsidenten endeten mit den Plätzen 8 und 9. Da kann Platz 10 aktuell nicht erstaunen.

Heute spielt GC in Thun. Die Stärkeverhältnisse zwischen Stadt und Land haben sich eklatant verschoben: Die Berner haben doppelt so viele Punkte gewonnen und doppelt so viele Tore erzielt, und das bei einem Budget, das mit 10 Millionen Franken halb so gross ist wie jenes der Zürcher. Deren Trainer Thorsten Fink sagt: «Von uns erwartet jeder, dass wir verlieren.»

Fink: Wenn aus einem Sieger ein Verlierer wird

Seit dem 23. April 2018 ist Fink bei GC. Angekündigt hat er sich als einer, der von seiner Zeit als Spieler bei Bayern München und als Trainer beim FC Basel das Siegen gewohnt ist. Eigentlich wollte er gar nicht nach Zürich kommen, nachdem er bei Austria Wien freigestellt worden war. Nach Basel wollte er unbedingt wieder, aber weil daraus nichts wurde, nahm er halt das Angebot an, das gerade vorlag. Das war GC.

In Zürich ist er zum Verlierer geworden. 17 Niederlagen in total 26 Meisterschaftsspielen, dazu im September das blamable Aus im Cup gegen das drittklassige Nyon. Allein acht der letzten zehn Spiele gingen verloren. Normalerweise ist ein Trainer mit einer solch erschreckenden Bilanz nicht im Amt zu halten. Doch was ist schon normal bei einem GC, das über die Jahre so tief gesunken ist?

Und was ist die Lösung? Alle weg? Anliker, Huber, Walther und Fink?

Angesichts der Situation tönt das nach dem einzig vernünftigen Weg, um das in seinen Grundfesten erschütterte GC wieder neu aufbauen zu können. Die Lösung beginnt jedenfalls ganz oben, bei Anliker. Dafür aber müsste er bereit sein, sich zu bewegen und zumindest seinen Platz als Präsident zu räumen.

Anliker: Kein Geld, kein Erfolg, dafür die Tirade des Sponsors

Dieses GC war, selbst zu stolzen und noblen Zeiten, schon immer defizitär. Allein 2002/03 betrug das Loch 18,1 Millionen Franken, und das bei Ausgaben von 27,1 Millionen. Das war nicht weiter entscheidend, weil die Eigentümer, die früheren Wirtschaftsführer Rainer E. Gut und Fritz Gerber, dafür geradestanden. Vor allem fragte keiner weiter danach, weil die Saison mit dem 27. Meistertitel endete.

Auf dem alten Hardturm galt die Maxime: GC kann Schulden machen, aber es braucht Titel.

Seit 2003 hat GC keine Meisterschaft mehr gewonnen und nur noch einen Cup, 2013 mit André Dosé als Präsident. Ein halbes Jahr danach setzten die Owner als damalige Besitzer den früheren Swiss-Chef Dosé ab. Im Namen der Owner erklärte Anliker: «Als Leithammel erfüllte er die finanziellen Erwartungen nicht.»

Zwei Monate später, im Februar 2014, war er selbst Präsident. Nur ist es mit ihm nicht besser geworden, im Gegenteil. GC fehlt nicht nur das Geld, sondern vor allem der Erfolg.

Anliker, 62-jährig, ist ein Architekt aus Langenthal, der die Netzwerke von GC genutzt hat, um sich in Zürich ein rentables Standbein aufzubauen. Das Bemühen in seiner Arbeit ist ihm nicht abzusprechen, er hat über seine Firma Ducksch Anliker schon viele Millionen gegeben. «Er ist kein böser Mann», sagt an diesem Donnerstag Reinhard Fromm, der mit seinem Namen als Leibchensponsor auftritt. Bevor er im nächsten Atemzug zum vernichtenden Urteil ausholt: «Aber als Firmenführer ist er total überfordert. Er kann keine Firma managen.»

Was das mit Anliker macht, ist offen. Er redet auch am Samstag nicht. Steckt er das weg, weil ihm ein Schmerznerv fehlt? Sitzt er den Angriff aus, wie er schon so vieles ausgesessen hat? Im Herbst 2017 erklärte er im «Tages-Anzeiger», wieso er sich für GC engagiert: «Das hat viel mit Idealismus zu tun. Und auch mit der Überzeugung, dass man etwas für die Gesellschaft tun sollte. Bei GC kann ich das Geld direkt an einem für mich sinnvollen Ort einsetzen.»

Seit Ende Januar und dem Rückzug von Mitaktionär Heinz Spross teilt sich Anliker mit Peter Stüber 90 Prozent der GC-Aktien. 3, vielleicht 4 Millionen Franken muss er jetzt allein einschiessen, um den Betrieb zu finanzieren. Das macht er. Und weil er das macht und ihm der Club fast zur Hälfte gehört, kann ihn keiner rauswerfen. Anliker ist sein eigener Chef. Und solange er sich eben nicht damit begnügt, Aktionär zu sein, und es keinen neuen Präsidenten mit neuen Ideen sowie neuem leitenden Personal gibt, so lange besteht wenig Aussicht auf nachhaltige Besserung.

Der Verpackungsunternehmer Fromm, 78 inzwischen, attackiert auch Peter Stüber, 79, reich geworden im Autohandel. «Er interessiert sich nicht für Fussball», behauptet Fromm, «wenn man eine Firma hat, muss man doch ein Interesse an ihr haben.» Stüber ist diskret, ja, er ist keiner zum Händeschütteln im Stadion, weil er nie im Stadion ist. Aber er verfolgt die Spiele am Fernsehen. Und er zahlt, seit vielen Jahren schon. Ohne Stüber wäre es schon oft schwierig gewesen, ein Loch zu stopfen.

Huber: Ferien trotz Krise und miserabler Bilanz

Fromms Tirade gilt nicht nur Anliker und Stüber, vielmehr beginnt sie bei Manuel Huber. Dass der CEO mitten in der Krise Ferien in der Karibik macht, findet er «grauenhaft». Die Lage ist für ihn so desolat, dass er auch sagt: «Solange das Aktionariat und das Management so aufgestellt sind, bin ich nicht mehr dabei.» Fromm zieht sich im Sommer als Sponsor zurück.

Weitere 500 000 Franken pro Jahr entgehen GC so im Minimum. Man mag nun einwerfen, ob nun 8 oder 8,5 Millionen fehlen, macht auch keinen grossen Unterschied mehr. Ein schlechtes Zeichen ist Fromms Entscheid allemal.

Huber wurde von Anliker an dem Tag zum CEO befördert, als dieser Präsident wurde. Sein Leistungsausweis ist darum so gut wie der seines Chefs: miserabel.

Zwischendurch war Huber noch Sportchef dazu. Zumindest auf dem Papier mag er es sein, der den letzten wirklich grossen Transfer abschloss. Das war jener von Kim Källström im Sommer 2015. Lang war dafür unbestritten die Reihe seiner Fehltransfers, angefangen bei Lucas Andersen, der laut Anliker 400 000 Franken bekam.

Anliker verteidigt seinen 31-jährigen Ziehsohn Huber trotzdem durch alle Böden. «Sorry», hat er jüngst über ihn gesagt, «ich kann mir keinen Besseren vorstellen.» Huber, Grundlohn 220 000 Franken, erhält nach seinen ersten fünf Jahren einen Bonus von 250 000 Franken. Dabei hat er es bislang auch nicht fertiggebracht, die massiv überteuerte Struktur der finanziellen Wirklichkeit anzupassen. Als er für den Verwaltungsrat einmal ein Sparkonzept erstellen sollte, kam er auf einen Betrag von 67000 Franken. Fromm fällt darum auch zu ihm etwas ein: «Er redet viel und liefert wenig.»

Walther: Das Denken eines Spielervermittlers

Huber wurde im Frühjahr 2017 von Mathias Walther als Sportchef entlastet, Walther war schon 2003 im Amt gewesen. Er sollte mit wenig Transfergeld Neues aufbauen. Erst drei Monate war er zurück, als Anliker über seinen Kopf hinweg MuratYakin als Trainer für Carlos Bernegger holte. Anlikers Solo machte Walther zum Sportchef, denYakin nie als Chef, sondern als Erfüllungsgehilfen betrachtete.

Wüste Machtkämpfe in der obersten Führung folgten bald. GC versank im Chaos. Yakin musste nach knapp acht Monaten gehen, abgefunden mit fast 1 Million Franken. Walther bekam mit Thorsten Fink den Trainer, den er wollte. Besser ist deshalb nichts geworden. Walther hängt weiterhin der Ruf an, wie ein Spielervermittler zu denken. Jedenfalls ist die Mannschaft ohne Weitblick zusammengestellt.

28 Spieler sind unter Walther gekommen, ohne Runar Mar Sigurjonsson oder Nabil Bahoui mitzuzählen, die nach einer Leihe zurückgekehrt sind. Ach ja, Bahoui. Wie wurde er letzten Sommer freudig begrüsst, als er, zuvor von Yakin nach Stockholm vertrieben, wieder auf dem Campus war. Jetzt ist der Vertrag mit ihm aufgelöst. Dafür ist Caiuby aus Augsburg gekommen, und Fink sagt: «Caiuby für Bahoui, da haben wir einen guten Tausch gemacht.» Aber der Brasilianer ist nur eine Leihgabe bis Sommer wie Yoric Ravet, der monatlich 30000 Franken netto forderte, damit er aus Freiburg kam.

Reinhard Fromm sagt: «Wenn es in einer Firma oben nicht stimmt, wirkt sich das nach unten aus.» So ist das bei GC. Anliker hält an Huber fest, Huber an Walther und Walther an Fink, und Fink kann darum seinen Job behalten. Noch.

Erstellt: 24.02.2019, 09:12 Uhr

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