Winterthur

«Wir sind definitiv stärker als in Tirana»

Sein erstes Spiel an einer Endrunde führt Albanien mit seinen vielen «Schweizern» morgen in Lens ausgerechnet gegen die Schweiz. Einer von ihnen ist Amir Abrashi, der 2012 am olympischen Turnier in London noch für die Schweiz kämpfte.

Amir Abrashi (rechts) hat sich auf Anhieb durchgesetzt: Erst bei den Grasshoppers, dann beim SC Freiburg.

Amir Abrashi (rechts) hat sich auf Anhieb durchgesetzt: Erst bei den Grasshoppers, dann beim SC Freiburg. Bild: Keystone

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Amir Abrashi hat eine gute Saison hinter sich. Mit dem SC Freiburg stieg er in die Bundesliga auf, das Fachmagazin «Kicker» wählte ihn in die «Elf des Jahres». Jetzt kann er diese Spielzeit abschliessen mit Albaniens erster Nationalmannschaft an einer Endrunde. Abrashi, Jahrgang 1990, und Zimmerkollege Ermir Lenjani, ein knappes Jahr älter, sind zwei der klassischen Exponenten dieses albanischen Teams – beide haben sie ihre Wurzeln in Kosovo, beide auch den Schweizer Pass. Und sie haben – beim FC Winterthur und GC – eine gemeinsame Vergangenheit als Fussballer.

Und so wurde Abrashi, der kleine Aggressivleader im Mittelfeld, vom Thurgauer Buben zuerst zum Schweizer Olympiafussballer und dann zum albanischen Nationalspieler.

Unverfälschtes Thurgauerdialekt

Die Herkunft. Die Abrashis kommen aus Djakovica in Kosovo, Amir kam in Bischofszell auf die Welt. Nach drei Schwestern ist er das Nesthäkchen. Als er, das Fussballtalent, mit 16 Jahren vom Team Thurgau zum FC Winterthur wechselte, zog die Familie mit. In der Steig in Töss wohnten die Abrashis – wie die Lenjanis aus Pristina. Pascal Humbel, damals U16-Trainer des FCW, neuerdings Technischer Leiter des Zürcher Kantonalverbandes, sagt: «Wir brauchten nur ein Training, um zu sehen, dass Amir gut ist für uns.»

«Die Eltern sind aus Kosovo, ich bin in der Schweiz auf­gewachsen», sagt Abrashi – und er sagt es noch immer im unverfälschtesten Thurgauerdialekt. «Ab und zu ist es schwierig, zu erklären, was mehr Einfluss hatte. Daheim rede ich immer noch Albanisch, aber natürlich habe ich der Schweiz viel zu verdanken.» In Djakovica war er «zuletzt in den Winterferien zwei Tage lang bei Verwandten, nach der EM gehe ich eine Woche mit der Familie dorthin».

Der erste Titel. Als Winterthurer U16-Spieler gewann Klein Amir seinen ersten Titel – als Mittelfeldpartner eines Jünglings, der anders als er aus einer Schweizer Fussballerfamilie stammt: Luca Zuffi, dessen Vater schon Nationalspieler war, ist am selben Tag geboren wie Abrashi. Die beiden führten die FCW-Junioren – mit dem heutigen Challenge-League-Captain Patrik Schuler – zum Cupsieg. Den Final gewannen sie gegen den FCZ mit Jungstar Marco Schönbächler und Trainer Urs Meier 3:1; beide schossen ein Tor. «Er gewinnt jeden Zweikampf», sollte Zuffi später über seinen Kollegen sagen, mit dem er den Weg in die erste Mannschaft ging.

Als sie Ende März 2010 zusammen 20 wurden, waren sie Stammspieler in der Challenge League – in einer Mannschaft mit Lenjani, dem Linksfuss. Boro Kuzmanovic war damals ihr Trainer und befand beide für «gut genug für die Super League». Sich zu irren, war da auch kaum möglich. Abrashi unterschrieb ein paar Monate später bei GC (wie auch Lenjani). Zuffis Transfer nach Thun zog sich noch zwei Jahre hin, ihn warfen Verletzungen zurück.

Der zweite Titel. Fighter Abrashi aber setzte sich bei den Grasshoppers auf Anhieb durch. 27 Spiele machte er schon in der ersten Saison; in der dritten gewann er seinen zweiten Titel, den Cupfinal im Elfmeterschiessen gegen den FC Basel. Nach fünf Jahren als Stammkraft bei GC wars aber vorbei, gegen Ende empfand er die Atmosphäre im Verein nicht mehr als leistungsfördernd. Lenjanis Gastspiel in Zürich war schon nach einem halben Jahr vorbei. Er kehrte ­zurück nach Winterthur und ­reüssierte dann im zweiten Anlauf, über St. Gallen gings in die Ligue 1, nach Rennes, zuletzt nach Nantes.

Der Aufstieg mit Freiburg. Abrashi hat sich dann auch beim SC Freiburg gleich durchgebissen. «Ich bin schon stolz auf den Aufstieg. In Freiburg hatte ich so viel Druck wie noch nie. Immerhin spielte dort mit Julian Schuster der Captain auf meiner Position. Ich musste mich also in der Vorbereitung beweisen; wir sind dann mit mir in die Saison gestartet – und ich machte 33 Spiele, nur einmal war ich gesperrt, aber nie verletzt, die Rote Karte bekam ich nie. Noch selten habe ich in einer Saison 33-mal gespielt. Ich habe Konstanz in meine Leistungen reingebracht, so wie noch nie.»

«Publikum hat mich gern»

Er wohnt zwar in Kaiseraugst, aber zeigt er sich in der Stadt Freiburg, «dann kennen sie mich. Das ist anders als in Zürich, Freiburg ist eine Fussballstadt. Und das Publikum hat mich gern.» Das glaubt man, wenn einer so ist, wie er selbst von sich sagt: «Laufen ist meine Stärke, und laufen kann man auch, wenn es einem nicht so gut läuft.» Allerdings, fügt er bei, «hätte ich noch mehr Tore schiessen können». Drei waren es immerhin.

Die Nationalmannschaft. Abrashi, der ja lange Zeit nur einen Schweizer Pass hatte, war Nachwuchs-Nationalspieler von der U18 bis zur U21, bis hin zum Olympiastarter in London – mit den heutigen Schweizer EM-Spielern Yann Sommer, Ricardo Rodriguez, Fabian Frei und Admir Mehmedi. Natürlich fragt sich dann so einer, ob er auch eine Zukunft in der A-Nati hat. «Ottmar Hitzfeld hat mir gesagt, ich solle doch bis nach der WM in Brasilien mit meinem Entscheid warten», sagt Abrashi, «aber dann kamen die Albaner, und die Sache überzeugte mich. Dort konnte ich spielen, und wir haben hungrige Leute.» Und: «Im Fussball kann man entscheiden – und solange das so ist ...»

Er auf jeden Fall entschied sich, wie eben auch mancher seiner heutigen albanischen Kollegen, für jenes Team, in dem die Chance grösser war, auch zu spielen. Im August 2013 debütierte Abrashi für Albanien, beim 1:2 gegen die Schweiz wenig später in Tirana stand er auf dem Feld, Lenjani sass noch auf der Bank. Er debütierte erst ein paar Wochen später. 18 Länderspiele sind es bis jetzt, da es wieder gegen die Schweiz geht. «Wir sind seit drei Jahren einigermassen die gleiche Mannschaft», sagt Abrashi. «Jetzt sind wir wirklich eine Einheit, der Teamgeist ist gross. Wir sind definitiv stärker als damals in Tirana. Aber natürlich hat die Schweiz unheimliche Qualität. Dennoch denke ich: Das Spiel kann auf beide Seiten kippen.»

Gegenwart und Zukunft. «Jetzt will ich zuerst mal in der 1. Bundesliga Fuss fassen, ich will weiter Schritt für Schritt machen. Ich habe ja auch noch für zwei Jahre einen Vertrag in Freiburg. Und habe ich frei, fahre ich nach Winterthur – einmal in der Woche bin ich sicher bei meinen Eltern. Die wohnen jetzt nicht mehr in der Steig, ich habe ihnen eine Wohnung in Pfungen gekauft. Und Ermirs Familie ist praktisch wieder Nachbar – siehaben jetzt ein Haus in Pfungen.»

Die Resultate des FCW verfolgt er sehr genau. Jetzt, da man sagen kann: von Bischofszell über Winterthur und GC in die Bundesliga und an die EM – das ist keine schlechte Karriere für einen «Schweizer», der gleichsam mit seiner «andern Hälfte» jetzt auch albanischer EM-Teilnehmer ist. Auch nicht für Lenjani, der nach einem Jahr als Leihgabe bei Nantes zu Rennes zurückkehren wird. Nur einer fehlt bei diesem Treffen alter Kameraden morgen in Lens: Luca Zuffi. «Dass er nicht dabei ist, verstehe ich nicht», sagt Abrashi, «er ist doch einer der besten Spieler der Super Lea­gue.» Es wäre zehn Jahre nach dem U16-Cupfinal eine besondere Sache gewesen.

(Landbote)

Erstellt: 10.06.2016, 10:54 Uhr

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