Fussball

Zwei Punkte zu wenig, ganz klar

In letzter Sekunde hätte der FCW dieses Derby vor 4000 Zuschauern gegen Schaffhausen noch verlieren können. Über die gesamte Spielzeit gesehen war das 1:1 ein für ihn zu karger Lohn.

Im sechsten Anlauf gelang Jordan Gele endlich der erste Saisontreffer für den FC Winterthur.

Im sechsten Anlauf gelang Jordan Gele endlich der erste Saisontreffer für den FC Winterthur. Bild: Madeleine Schoder

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Es war ein Derby, das Hinweise auf Fortschritte, aber auch noch immer vorhandene Defizite des FCW lieferte. Es ist zu berichten vom Positiven, dass er erstmals seit zwei Jahren – nach sieben Niederlagen in Folge – gegen den Nachbarn nicht verloren hat. Negativ war, dass er ein Spiel dieses Zuschnitts nicht gewonnen hat. Dass er also auch im zehnten Derby seit seinem 1:0 im Februar 2016 sieglos geblieben ist. Also war der Gesamteindruck des Winterthurer Sportchefs Oliver Kaiser korrekt: «Das waren zwei Punkte zu wenig – ganz klar.» Ebenso klar war auch ihm: «Daran waren wir selbst schuld.»

Die Fortschritte, die der FCW eine gute Woche nach dem blutarmen Auftritt beim 0:2 in Genf zeigte und die einen weiterhin an eine deutlich bessere Saison als die beiden vergangenen glauben lassen, waren zu erkennen. Nicht so deutlich wie gegen Aarau (3:1) und Rapperswil-Jona (4:0), aber immerhin. In der vergangenen Saison, dem Jahr ohne Punkt gegen Schaffhausen, hätten die Winterthurer ein Spiel wie dieses verloren. Diesmal waren sie zu einer Kollektivleistung fähig, die ihre Zuschauer durchaus zufriedenstellte und die zweifelsfrei einen Heimsieg gerechtfertigt hätte.

Aber es ist noch immer dieses Defizit nicht zu übersehen: Der FCW holt weniger aus einem Match heraus als dem Aufwand entsprochen hätte. Der Hauptgrund dafür: Er schiesst zu wenige Tore; er hat zu wenige Fussballer, die im gegnerischen Strafraum kühl bleiben – nicht den französischen Stürmer Jordan Gele, nicht die zurückhängende Spitze Luka Sliskovic, auch nicht die beiden Routiniers vom Flügel, Luca Radice und Davide Callà.

Ein Tor von Gele – endlich

Gele, der Kämpfer im Sturmzentrum, hat im sechsten Anlauf zwar endlich getroffen – aber es brauchte schon sehr viel, bis der Ball in dieser 43. Minute endlich über der Linie war. Denis Markaj flankte über den hinteren Torpfosten hinaus, über den schlecht agierenden Schaffhauser Goalie Franck Grasseler; Radice köpfelte den Ball vors (leere) Tor, Gele lenkte ihn mit dem linken Knie aus fünf Metern an den Pfosten und dann im zweiten Anlauf, mit dem rechten Fuss, doch ins Tor. Die Schaffhauser reklamierten danach ausführlich, dem FCW-Angriff sei ein Foul an ihrem Skorer Miguel Castroman vorausgegangen. Aber es wirkte doch sehr stark, als habe sich Castroman gut 20 Meter vor dem Winterthurer Tor für einen Freistoss – seine Spezialität notabene – einfach so hingelegt.

Man kann noch sagen, auch Sliskovic habe sein Tor geschossen. Er war in der 18. Minute da, einen Ball «abzustauben», den Grasseler nach starkem Lauf und gutem Schuss Ousmane Doumbias hatte abklatschen lassen. Alleine, Sliskovic wurde von Schiedsrichterassistent Pascal Hirzel im Abseits gesehen. Es war ein Entscheid, wie ihn am Vorabend der Winterthurer Top-Linienrichter Bekim Zogaj im Genfer Spitzenspiel gefällt hatte: Zogaj hatte Servettes Koro Koné knapp im Abseits gesehen und den Genfern das 1:1 versagt. In beiden Fällen ist zu werten: Der Entscheid gegen den Stürmer war wohl falsch.

Bis zu Sliskovics «Tor» war Schaffhausen die bessere Mannschaft gewesen. «Es war gut, wie wir anfangs den Ball laufen liessen», stellte später auch FCS-Geschäftsführer Axel Thomas fest. Und FCW-Trainer Ralf Loose dünkte, «dass die Schaffhauser selbstbewusster begannen – und wir vielleicht noch zu sehr an die schlechte Serie dachten».

Anfangs war vom Schaffhauser Mittelfeld noch zu sehen, was man «Kunstrasenkultur» nennen kann. Damit wars aber nach Sliskovics Szene vorbei. Wenig später legte Callà für Gele eine erste «sichere» Chance auf. Doch der war noch nicht für ein Tor bereit. So fiel nach knapp einer halben Stunde das 0:1. Es wurde in der Winterthurer Defensive schlecht gearbeitet – bis zu Callà, der am Ende der Aktion gegen Rechtsverteidiger Andre Gonçalves so ungestüm eingriff, dass ein Elfmeter gepfiffen werden musste. Castroman verwertete ihn zu seinem sechsten Saisontor.

Spiegel und die Schrecksekunde

Bis zur Pause hatte der FCW immerhin dieses Defizit weggearbeitet. Es folgte eine zweite Halbzeit, in der er nicht nur eklatant mehr Ballbesitz hatte, sondern die schon fast totale Kontrolle übers Spiel. Er hatte zwar nicht sehr viele klare Chancen, aber doch genug, um wenigstens 2:1 zu gewinnen – was für drei Punkte auch gereicht hätte. So schoss Radice aus günstigster Position direkt, aber knapp am weiteren Pfosten vorbei; und Callà liess mit einem zu unpräzisen und zu wenig scharfem Flachschuss aus wenigen Metern Grasseler die Chance zur Fussabwehr.

Als die Nachspielzeit anbrach, mussten die Schaffhauser mit dem Unentschieden längst zufrieden sein. Ihr Geschäftsführer Thoma schüttelte hinterher nur den Kopf: «Wir haben in der zweiten Halbzeit überhaupt nicht mehr gespielt. Wir sind mit dem 1:1 gut bedient, ich habe eigentlich nicht mehr daran geglaubt, dass das Spiel so ausgeht.»

Aber es ging so aus, für die Schaffhauser beinahe noch besser. Denn der Willen, die Entscheidung doch noch zu erzwingen, veranlasste FCW-Goalie Raphael Spiegel zu zwei Auskicks, die seinen Kollegen nochmals eine (letzte) Chance ermöglichen sollten. Aber sie missrieten Spiegel in unkluger Hast und wären ums Haar ins Auge gegangen.

Nach dem ersten Kick Spiegels griff Radice zu einem Foul, das mit einer Verwarnung bestraft wurde. Also beendete er sein 300. Pflichtspiel für den FCW nicht als Torschütze, sondern mit der vierten Verwarnung, die ihm nun – nach bereits sechs Runden notabene – eine erste Sperre einbrockt. Nach Spiegels noch gefährlicheren zweiten Ball konnten die Schaffhauser kontern. Goncalves kam zum Schuss – zwar aus leicht spitzem Winkel, aber günstiger Position. Zu Spiegels Glück prallte der Ball an den Aussenpfosten…

Nach einem 1:2 hätte der FCW dagestanden wie oft in der vergangenen Saison. Und Oliver Kaiser hätte mit dem «selber schuld» nicht nur ein Unentschieden, sondern gar eine Niederlage erklären müssen. Thoma hätte über das Geschenk eines Sieges gestaunt, und Loose sagte: «Wir haben uns anfangs auch zu wenig bewegt. Später hatten wir das Spiel doch klar unter Kontrolle. Aber eben, wir müssen einfach mehr Tore machen.» Da dachte er auch an Callà und Radice.

Ein starkes Zentrum

«Es haben doch einige gut gespielt», sagte der Trainer noch. Das gilt für die drei Verteidiger Denis Markaj, Gabriel Isik und Sead Hajrovic. Ihr Kollege auf der linken Flanke, Wild, erholte sich wenigstens, nachdem er gefährlich schlecht gestartet war. Doumbia und Granit Lekaj bildeten eine starke Doppelsechs. Lekaj, erstmals seit dem Startspiel in Wil wieder in der Elf, bot anstelle Remo Arnolds in unüblicher Position eine sachlich-solide, nahezu fehlerfreie Vorstellung, Doumbia war bester Mann auf dem Platz. Vom Quartett vor den beiden ist einfach zu sagen: Einsatz und Einstellung gut, spielerisch für einen Sieg ebenfalls gut genug, aber am und im Strafraum nicht kühl genug. So kühl wie Leute mit der Erfahrung Radices und Callàs doch eher sein könnten als andere.

Die Leistung war auch deshalb eher ein Fortschritt, weil der FCW erstmals nach einem Rückstand punktete. Das Resultat war einer, weil sich die Winterthurer gegen den FCS endlich mal wieder von null Punkte auf einen gesteigert hatten. Bestätigt wurde: Der FCW 2018/19 ist schon stabiler und damit besser als jener der beiden vergangenen Jahre. Aber Sicherheit, dem Abstiegskampf fernzubleiben, ist das (noch) nicht. Eine Mannschaft, die diese Sicherheit verleiht, hätte gegen Kriens und Schaffhausen nicht 1:1 gespielt, sondern gewonnen.

Und was sonst noch zur Liga zu sagen ist: Patrick Rahmen bleibt Trainer des FC Aarau, auch nach dem 1:2 in Rapperswil-Jona, der sechsten Niederlage im sechsten Spiel. (Der Landbote)

Erstellt: 02.09.2018, 20:41 Uhr

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