Handball

16 Jahre, 3 Titel und 45 Ausländer

Die Playoffs, die heute Freitag mit dem Heimspiel gegen Kriens-Luzern fortgesetzt werden, sind zugleich die Abschiedstour von Oliver Scheuner, Pfadis letztem Meisterhandballer.

16 Jahre mit gleichem Biss dabei: Oliver Scheuner 2017 in der NLA gegen Suhr Aarau.

16 Jahre mit gleichem Biss dabei: Oliver Scheuner 2017 in der NLA gegen Suhr Aarau. Bild: Heinz Diener

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Seit langem ist Oliver Scheuner der einzige Spieler Pfadis, der beim letzten Meisterjahr 2004 an Bord war. Knapp 16 Jahre nach seiner Premiere wird der 32-jäh­rige Rechtsaussen, der in seinem Stammklub alle Juniorenstufen durchlief, nach dieser Saison nicht mehr für ihn in der NLA antreten.Mittlerweile hat der 32-fache Natio­nalspieler 427 Einsätze in der Nationalliga A hinter sich. Übersteht Pfadi den laufenden Playoff-Halbfinal, und bleibt Scheu­ner unverletzt, dann ­könnte er im Ranking mit Martin Rubin mindestens gleichziehen; der Trainer von Wacker Thun ­belegt mit 432 Spielen Platz 4.

«Es ist einiges passiert, eine schöne Zeit», betont er. Bei Pfadi erlebte er «so viele verschie­dene Spieler und Mannschaften». Er spielte mit 45 Ausländern zusammen … Zwischen 2001 und 2007 erlebte er sechs NLA-Trainer; dann begann endgültig die Ära Adrian Brüngger. Der Einzige, der in all den Jahren neben Scheu­ner immer dazugehörte, war Robert Kieslich, der Teambetreuer.

Der Einstieg

Unter Trainer Goran Perkovac ­bestritt Oliver Scheuner 2001/02 seine ersten fünf Einsätze für die erste Mannschaft. In Erinnerung blieb vor allem das Debüt im Europacup: Am 15. Dezember 2001 erzielte er, 16-jäh­rig, in der Eulachhalle im Cupsieger-Cup bei der 34:35-Niederlage gegen den spanischen Spitzenklub und späteren Europacupsieger Ciudad Real drei Tore. Vor diesem Match war er in der Nebenhalle mit den U21-Junioren gegen Muotathal angetreten.

«Eine ganz andere Zeit», blickt Scheuner zurück. «Die Teamhierarchie war stärker ausgeprägt. Als Junger hatte man nicht viel zu sagen. Das war irgendwie normal – auch eindrücklich und ein spannender Lernprozess.» Chi-Hyo Cho, Thomas Gautschi, Matthias Zum­stein oder Gabor Vass gehörten zur «alten Garde» und gaben den Takt vor. Und Perkovac sei eine «sehr autoritäre Person» gewe­sen. Vor dem kroatischen Olympiasieger von 1996 und besten Skorer der NLA-Geschichte habe Scheu­ner einen «Riesenrespekt» gehabt. Zu den Leistungsträgern gehörte auch der 22-jährige Links­aussen Manuel Liniger.

Die Hackordnung im Team ­habe sich seither verändert, sei weniger hierarchisch geworden. «Vielleicht lag es einfach auch an den speziellen Typen von damals», erklärt Scheuner. «Sicher hat es aber damit zu tun, dass nun viel mehr junge Spieler früher in der Nationalliga A sind und sich schneller etablieren.»

Der Meistertitel

Für 2003/04 erhielt Scheu­ner den ersten Vertrag bei Pfadi. Auf 27-NLA-Aufgebote kam er; zudem trat er mit dem U21-Nationalteam in der NLB an. Es sollte die seither letzte Winterthurer Meistersaison werden. «Cho und Won-Chul ­Paek waren die grossen Figuren», erinnert sich Scheu­ner. Die beiden Südkoreaner, Liniger, Gautschi, Kreislauf-Altmeister Iwan Ursic sowie Torhüter Jan Stankiewicz sorgten für den 2:0-Sieg im Playoff-Final gegen die Grass­hoppers. «Ich war regelmässig mit dabei, aber noch keine Stammkraft», beschreibt Scheu­ner seine Rolle.

Es folgte ein grösserer Umbau, von denen Scheu­ner noch ein paar weitere miterleben musste. 2004/05 war «eine strube Saison», bemerkt er. Er selbst trat gleich in drei Teams (mit Pfadi in der NLA sowie mit Yellow und dem Schweizer U21 in der NLB) auf. «Strub» war aber in erster ­Linie die Entwicklung der ersten Mannschaft. Dem Griechen ­Nikos Grammatikos wurde die Rolle des Spielertrainers aufgebürdet – praktisch ohne Vorlaufzeit, weil er zuerst die Olympischen Spiele in Athen bestritt. «Ein ganz angenehmer Typ.» Aber nicht die richtige Wahl. Und: «Mit einem Spielertrainer funktioniert es eigentlich nie», ist Scheuner überzeugt. «Es braucht eine klare Trennung zwischen Trainer und Spielern.»

Ferenc Buday, der Coach, sei «irgend­wie auch nicht richtig da» gewesen. Die seither letzte Champions-League-Kampagne endete mit sechs Niederlagen in sechs Spielen. Peter Bruppacher, einst Meister- und Nationaltrainer, sprang ein und löste das Duo Grammatikos/Buday im Februar 2005 ab. Die Saison ging mit dem sehr mässigen 5. Platz zu Ende.

Der Tiefpunkt

Noch ärger verlief das folgende Jahr. «Wieder ein Umbruch», bemerkt Scheuner. Und Fehltransfers. Gleich acht neue Ausländer stan­den im Kader. Goran Cvet­kovic, nun Teammanager Pfadis, wäre ein Gewinn gewesen, doch fiel er bald einmal mit einem Kreuz­bandriss aus. «Und dann waren da die zwei Isländer», lächelt Scheuner. «Zwei lustige Kerle, Feste feiern konnten sie schon …» Aber: Ingimundur Ingimundarsson (der 2008 mit Island Olympiasilber gewinnen sollte) fehlte meistens verletzt, und Goalie Olafur Gislason hielt praktisch keinen Ball, weshalb Gian Ryffel, zuvor stets Joker, die Sache praktisch allein stemmen musste.

Im März 2006 folgte der dritte Nottransfer der Saison, ein verwegener Aufbauer namens Dario Jagic. «Wenn man diese Spieler sieht und miterlebt, weiss man, weshalb sie vorher keinen Verein hatten …», meint Scheuner. Das Resultat des unsteten Treibens: Platz 8, die klar schlechteste Klassierung seit dem Wieder­aufstieg 1984. «Jede Saison hat die Mannschaft gewechselt», sagt Scheuner. «Man konnte nie ein Team aufbauen, das ist extrem schlecht für einen Verein.»

Ab Sommer 2006, nach einem abermaligen Neuanfang, «hat Alexander Mierzwa Feuer in die ­Bude gebracht». Der Bundesliga-Spieler habe «dem Team gutgetan, auch neben dem Feld. Er war verbissen und brachte Leidenschaft für den Handball mit.»

Sportlich lief es Pfadi etwas bes­ser, aber noch nicht gut genug. Auf Initiative von Spielern musste Trainer Peter Bruppacher im Februar 2007 weichen. «Das tat mir leid und war ein schwieriger Moment. Denn ich verstand mich immer gut mit ihm, und er hat mich gefördert», sagt Scheuner. U21-Trainer Adrian Brüngger über­nahm bis Saisonende.

Der Weltmeister

Der grösste Transfercoup seit Jae-Won Kang brachte Markus Baur als Spielertrainer nach Winter­thur. Die Arbeit mit dem deutschen Weltmeister-Captain von 2007 sei «ein cooles Erlebnis» gewesen, erklärt Scheuner. «Er hat ein extrem grosses Handballwissen und brachte andere Trainingsmethoden. Ich fand es sehr lehrreich. Er war ein ganz neuer Trainertyp, mehr der Kumpel. Wegen seines Palmarès wurde er sehr respektiert. Allerdings zeigte sich auch hier, dass die ­Lösung Spielertrainer suboptimal ist.» Baur verliess Pfadi nach einer halben Saison Richtung Lemgo in die Bundesliga.

«Und dann hat Adi übernommen», fährt Scheuner fort. Brüng­ger, zuvor Baurs Assistent, ist seit Januar 2008 Pfadis Cheftrainer. «Alles in allem hatte ich eine gute, spannende Zeit mit ihm», fasst Scheuner zusammen.

Der Aufschwung

Mit Jun-Hee Lee tauchte kurz ein vierter Südkoreaner auf. «Ein ganz lieber Mensch», sagt Scheuner. «Leider konnte er nur ein paar Wörter Deutsch, wie kreuzen, Sperre oder Physio ...» Und 2010 folgte mitten in der Saison ein nächster Blitztransfer. Domagoj Babic dürfte «menschlich und handballerisch» als einer der grössten Fehlgriffe in die ­Geschichte von Pfadis Auslän­der­markt eingehen. «Das Geld hätte man sich sparen können», meint Scheuner.

Babic war am Rande mit dabei, als Pfadi den grössten Triumph seit 2004 feierte: den Cupsieg 2010. «Endlich wieder ein Titel. Er hat Auftrieb gegeben, auch im Umfeld. Und Adi konnte seinen Status als Trainer untermauern. Das war ein wichtiger Schritt für die Zukunft. Anschliessend konnte sich Pfadi in der Spitze etablieren.»

Die Winterthurer schlossen nie mehr schlechter ab als auf Platz 3, 2014 und 2015 beendeten sie die NLA vor den Playoffs gar auf dem 1. Rang. Einziger Lohn aller­dings blieb der Cupsieg 2015. «Das war überfällig, in dieser ­Saison waren wir wirklich topp. Es hätte eigentlich fürs Double reichen sollen», betont Scheuner und bedauert: «Ein, zwei Titel mehr hätten es in dieser Zeit schon sein sollen. Manchmal ­hatten wir Pech. In entscheidenden Phasen aber waren wir leider oft nicht bereit.» Wacker Thun habe «mit weniger Mitteln mehr erreicht. Das wurmt schon.»

Der Abschied

«Jetzt bietet sich die letzte ­Chance» auf einen vierten Titel, sagt Scheuner zu den laufenden Playoffs, die seine Abschiedstour sind. Seine Zukunft im Handball bleibt weiter offen. Mag sein, dass er als Juniorentrainer bei Pfadi weitermacht, oder dass er in einem anderen Klub in anderer Form weiter spielt.

Denn grundsätzlich ist der 32-jährige Linkshänder noch zu gut, um die Karriere zu beenden. «Ich fühle mich ausgezeichnet.» Bei Pfadi ist er der solideste Schütze der letzten Wochen, kaum ein Fehlwurf unterlief ihm. «Den Körper spüre ich in meinem Alter schon etwas. Doch das mache ich mit Routine wett.» Vor allem aber spielt er locker auf: «Ich geniesse diese Spiele.» ()

Erstellt: 20.04.2017, 23:15 Uhr

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