Playoff-Final

Das Comeback des Jahres

Der Rückkehrer des Jahres im NLA-Handball ist Joël Tynowski. Pfadis Rechtsaussen, erst 23-jährig, hatte zuvor fast fünf Saisons in der höchsten Liga verletzt verpasst.

Wichtige Tore erzielte Joël Tynowski im Playoff-Halbfinal gegen die Kadetten Schaffhausen.

Wichtige Tore erzielte Joël Tynowski im Playoff-Halbfinal gegen die Kadetten Schaffhausen. Bild: Martin Deuring

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Seine Einsätze im Playoff sind dosiert. Im laufenden Final gegen Wacker Thun kam der Rechtsaussen bisher nicht zum Abschluss. In zwei Partien der Halbfinalserie gegen die Kadetten Schaffhausen leistete er mit je zwei Treffern während heikler ­Situationen, in denen das Spiel aus Pfadis Händen zu gleiten drohte, jedoch wichtige Beiträge zu den Siegen.

Auf den wegweisenden Charakter dieser Torerfolge angesprochen, reagiert der 23-Jährige erstaunt und lächelt leicht ver­legen. Und sagt: «Es war mir gar nicht bewusst, dass es danach so gut für uns gelaufen ist. Auf dem Feld konzen­triere ich mich nur auf meine Einsätze – oft bekomme ich nicht einmal mit, wie es gerade steht.» Aber er räumt ein, durchaus ein wenig Stolz zu verspüren: «Nach der langen Zeit mit den vielen Verletzungen ist es für mich etwas sehr Spezielles, im Playoff Tore­ zu werfen.» Das sagt einer, der zwischen Mai 2012 und Februar 2017 wegen diverser ­Verletzungen kein NLA-Spiel bestreiten konnte.

Dass auch im laufenden Playoff seine Einsätze dosiert sind, hat zwei Gründe. Erstens: Nach der zweiten Operation an der linken Wurfschulter im Sommer 2017 befindet er sich weiterhin im Wiederaufbau. Zweitens: Die Schmerzen an der rechten Hüfte, die ihm seit 2012 zu schaffen ­machen, sind wieder stärker geworden.

Technisch starker Teamplayer

Pfadis Trainer lächelt, als er von Tynowskis Worten zu dessen Anteil im Playoff-Halbfinal erfährt. «Ja, auch das zeichnet ihn aus: die Bescheidenheit», sagt Adrian Brüngger, «er ist keiner, der sich in den Vordergrund stellt, das Team kommt für ihn immer zuerst.» Der Coach schätzt auch Tynowskis Qualitäten auf dem Feld. «Er ist technisch sehr gut, mit der Hand, dem Arm, im Erkennen von Situationen vor dem gegnerischen Tor», führt Brüngger aus, «und er hat wirklich das Talent, in Wettkampfsituationen enorm fokussiert und in entscheidenden Momenten völlig cool zu sein.»

Gerade nach Tynowskis langer Serie mit vielen Verletzungen sei dies eine aussergewöhnliche Kombination. «Er hat viele Spiele verpasst in all den Jahren und konnte darum ja gar nicht so viele Erfahrungen auf diesem Niveau sammeln», bemerkt Brüngger. «Trotzdem trifft er im Stil eines Routiniers.»

Joël Tynowski selbst sieht darin­ keinen Widerspruch. «Vor drei, vier Jahren hätte ich nie daran­ gedacht, jemals einen Playoff-Match zu spielen», verrät er. «Darum geniesse ich jetzt jeden einzelnen Einsatz umso mehr und gebe einfach alles, wenn ich aufs Feld komme.» Die Art und Weise, wie er aus nächster Nähe die gegnerischen Goalies auszutricksen vermag, bringt Handballkenner ins Schwärmen. Doch der 23-Jährige erklärt, darauf angesprochen, nur: «Als Flügel bekomme ich die Pässe­ in der Nähe des Tors zugespielt, sodass ich immer warten und schauen kann, was der Goalie macht, der sich ja zuerst bewegen muss. Das sieht natürlich technisch fili­graner aus als bei einem Rückraumschützen, der den Ball scharf aufs Tor werfen muss – aber ich habe jahrelang genau das immer trainiert, es gehört zu meiner Position.»

Guter Heilungsverlauf

Weniger selbstverständlich scheint jedoch, dass seine linke Schulter derartige Kunststücke überhaupt zulässt. Nachdem sie im Juli 2016 im Trainingslager mit Pfadis NLA-Team erstmals aus dem Gelenk gesprungen war, liess Joël Tynowski sie operieren. Ein halbes Jahr Wiederaufbau folgte. Doch im April 2017 wurden die Halterungen und ein Teil des Knochens her­ausgerissen, als er mit dem NLB-Team SG Yellow/Pfadi einen Gegner zu blocken versuchte.

Drei Monate später war eine zweite Operation nötig. In ihr wurde ein Teil des Knochens um zwei Zentimeter nach unten versetzt. Dies mit dem Resultat, dass das Schultergelenk nun stabiler ist als im natürlichen Zustand – aber auch weniger beweglich. «Bei mir ist es sehr gut heraus­gekommen», betont Tynowski. «Meine Schulter ist wieder sehr ­beweglich und zum ersten Mal seit langem wieder so stabil, dass ich keine Angst haben muss.»

Warten aufs Tynowski-Duo

So bestreitet er denn auch ohne Angst, aber mit Respekt vor dem Gegner die Finalserie gegen Wacker. «Die Thuner haben eine sehr solide Saison gespielt, sind nicht unverdient Erste geworden», führt Tynowski aus. «Wir sind in der Rolle des Jägers.» Und er ist ein Teil davon.

Auf seinen jüngeren Bruder ­Cédrie trifft das noch nicht zu. Der Nationalspieler, ebenfalls ein Rechtsaussen, fällt wegen seiner Verletzung an der Wurfschulter, die er sich Ende Dezember am Yellow-Cup zugezogen hatte, weiterhin aus. Er wird erst in der nächsten Saison zum Einsatz kommen. Vielleicht gibts dann das Duo Tynowski/Tynowski endlich für längere Zeit gemeinsam in der NLA zu sehen. (Der Landbote)

Erstellt: 17.05.2018, 09:38 Uhr

Infobox

Lange Leidenszeit eines grossen Talentes

Am 30. November 2011 gegen Gossau debütierte Joël Tynowski, damals 17-jährig, für Pfadi in der Nationalliga A und erzielte auf Anhieb drei Tore. Auf 21 Spiele in der höchsten Schweizer Liga brachte er es bis Saisonende. Im Sommer 2012 bestritt der technisch starke, sehr talentierte Linkshänder, der in verschiedenen Altersstufen Schweizer Auswahlen angehörte, die Europameisterschaften der U-18 und der U-21.

Danach wurden die Schmerzen in der Hüfte, die ihn aufgrund einer angeborenen Fehlstellung schon lange geplagt hatten, zu stark. Zwei Operationen der rechten Hüfte, dazwischen eine der linken, waren nötig. Doch die Schmerzen blieben, sodass er 2014 vorübergehend ganz mit Sport aussetzen musste. Schritt für Schritt ging es dank Physiotherapie und Krafttraining bergauf. Über ein Zweitliga-Zwischenspiel in seinem Stammclub Kloten tastete sich der Bülacher 2015/2016 wieder an den Leistungssport ­heran. Eine erfolgreiche Rückrunde mit der SG Yellow/Pfadi in der NLB folgte – ehe ihn zwei weitere Operationen, diesmal an der linken Schulter, wieder zurückwarfen.

Allen Rückschlägen zum Trotz dachte Joël Tynowski, der 2016 einen Vertrag über viereinhalb Jahre mit Pfadi unterschrieb, nie ans Aufgeben. Der Grund: «In dem Jahr, in dem ich fast keinen Sport treiben konnte, habe ich gemerkt, dass mir ­etwas fehlt und wie gerne ich Handball spiele.»pew/ust

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