Der abrupte und leise Abgang

Im Playoff-Halbfinal beendete Pfadi nicht nur die Saison der Kadetten Schaffhausen, sondern auch die NLA-Karrieren der beiden Winterthurer Manuel Liniger und Simon Kindle.

Sein letztes NLA-Spiel bestritt Manuel Liniger, Linksaussen der Kadetten, in Winterthur.

Sein letztes NLA-Spiel bestritt Manuel Liniger, Linksaussen der Kadetten, in Winterthur. Bild: Deuring Photography

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Mit hängenden Köpfen standen sie da, geschlagen, einsam und entthront, nebenan Pfadis Handballer, die ihren grössten Playoff-Erfolg seit 14 Jahren bejubelten. Letzten Sonntag in der Deutweg-Eishalle endete eine Erfolgsgeschichte der Kadetten Schaffhausen: Zum ersten Mal seit 2004 findet ein Playoff-Final ohne sie statt. Zehn Meistertitel in 13 Jahren haben sie gewonnen. 2018 kommt kein elfter dazu.Manuel Liniger erzählt von der «Leere, die beim Schlusspfiff da war. Alles vorbei. Diese Situation war neu für uns.» Der Bus führte die Mannschaft zurück nach Schaffhausen. «Später sind wir zusammengesessen und haben diskutiert, einander geholfen, das zu verarbeiten», beschreibt Liniger. «Es war eine schwierige Si­tuation. Ist es auch jetzt noch.» Denn die verbleibenden Tage im Mai sehen für die Kadetten so aus: «Wir trainieren, und zwei andere Mannschaften spielen um den Titel. Das ist sehr speziell.»

Die neue Schiene

Ende Monat läuft Linigers Zeit als Profihandballer aus. Der 36-jährige Linksaussen, der in der Nationalliga A in 369 Spielen 1912 Tore erzielte und so auf Platz 5 der ewigen Skorerliste liegt, verlässt den Sport und arbeitet ab Juli für eine Schaffhauser Immobilienfirma. Dazwischen liegen Ferien in Italien.

Der Abschied vom Handball, der sein Leben in den letzten zwei Jahrzehnten geprägt hat, geschah am Sonntag abrupt und leise, ist aber noch nicht zu Ende. «Das ist ein Prozess. Es wird Wochen oder Monate gehen, bis ich alles abgeschlossen habe.»

Dass er nicht mehr für die Kadetten spielt, war schon länger klar gewesen. Eigentlich seit August 2017. Da wurde ihm erklärt, dass man «andere Pläne ver­folgen» würde. Der 22-jährige ­Österreicher Sebastian Frimmel steht inzwischen als Nachfolger fest. Ein anderes Land, ein anderer Grossclub oder ein Berufseinstieg waren Linigers Gedanken zur Zukunft.

Im Handball habe sich nichts ergeben, «das für mich Sinn gemacht hätte», sagt der Winterthurer, der mit seiner Familie in Beringen wohnt. Da kam das Jobangebot, und er, der Sportbusiness-Management studiert hatte, setzte auf diese Schiene. Liniger entschloss sich deshalb, dass die Saison 2017/2018 seine letzte als Spitzensportler sein würde.

«Ich fühle mich privilegiert»

Der einzige Winterthurer Handballer, der je in der Bundesliga aufgetreten ist, blickt auf eine aussergewöhnliche Karriere zurück. «Ich wüsste nicht, was ich anders hätte machen sollen.» 1999 das NLA-Debüt mit Pfadi, von 2002 bis 2004 drei Meister­titel mit den Winterthurern, vier weitere mit den Kadetten, dazwischen je zwei Bundesliga-Saisons mit Wilhelmshaven, Lemgo und Balingen-Weilstetten; dazu 214 Länderspiele, mit 902 Toren zweitbester Schweizer Skorer hinter Marc Baumgartner und zwei EM-Turniere.

«Ich fühle mich privilegiert und sehe das alles nicht als selbstverständlich an», bilanziert er. «In der Schweiz gehörte ich immer zu einer Mannschaft, die um den Titel spielt. Dann die Jahre in der Bundesliga. Und ich konnte in einer erfolgreichen Zeit im Nationalteam antreten. Das weiss ich sehr zu schätzen. Das haben viele Spieler nicht erlebt, die in den letzten Jahren aktiv waren. Ich wünsche den jungen Nationalspielern, die jetzt viel investieren, dass sie auch einmal ein grosses Turnier miterleben dürfen.»

«Pfadi viel zu verdanken»

Für Liniger und Kindle schloss sich am Sonntag der Kreis: Beide scheiterten an ihrem Stammclub. «Ich habe Pfadi sehr viel zu verdanken», betont Liniger. «In diesem Club habe ich begonnen, habe ich Handball gelernt, bin ich Profi geworden, von Pfadi aus habe ich den Sprung ins Ausland geschafft.» 2005 verliess er Winterthur Richtung Wilhelmshaven. Zu einer Rückkehr sollte es nie mehr kommen. Das sei «immer wieder mal ein Thema gewesen», bemerkt Liniger. Aber es habe «halt nicht immer für beide gepasst». Er schliesst nicht aus, später wieder mal bei Pfadi mitzumachen. «Von meiner Seite her ist das offen.»

Was er künftig im Handball unternimmt, lässt er derzeit offen. «Erstmals lege ich meine ganze Energie in meinen Neustart im Beruf», erklärt Liniger. «Dann wird sich zeigen, was zeitlich noch möglich ist. Vielleicht vermisse ich den Handball bald extrem, vielleicht aber brauche ich ihn auch nicht mehr. Man wird sehen.»

Mannschaften, in denen sich ehemalige NLA-Grössen bewegen, gäbe es allein in Winterthur zwei: die Seen Tigers, für die Bruder Raphael Liniger antritt und die um den Aufstieg in die NLB spielen, oder Yellow 2, den Aufsteiger in die 1. Liga. Das morgige Aufstiegsrückspiel der Tigers in der Mattenbachhalle, in das sie mit einer 25:33-Hypothek gegen Emmen steigen, lässt Manuel Liniger aus. «Zeit hätte ich jetzt ja . . . Aber bin froh, wenn ich ein paar Tage lang keine Halle sehen muss», begründet er. «Die Saison war lang und der Abschluss wenig erfreulich.» Seinen jüngeren Bruder (der ein NLA-Spiel weniger als er bestritt . . .) könne er «auch aus der Distanz unterstützen. Er spielt nicht besser oder schlechter, wenn ich als Zuschauer dort bin.»

Das Debüt in Thun

Morgen Samstag steigt auch ein anderes Spiel: In der Thuner Lachenhalle die erste Partie der Best-of-5-Finalserie zwischen Wacker, dem Sieger der NLA-Qualifikation, und Pfadi, dem Cupsieger und Bezwinger des ­Titelverteidigers. Ausgerechnet in Thun hatte Manuel Liniger vor 19 Jahren in der NLA debütiert. «Ein paar Minuten» habe er da für Pfadi gespielt, Urs Mühlethaler war der Trainer. Später etablierte sich Liniger als bester Linksaussen der Schweiz.

Er erinnert sich an 2003, als sich Pfadi und Wacker zum bisher einzigen Mal in einem Playoff-Final gegenüberstanden. «Es ging schon damals beidseits hart zu und her.» Auch 2003 trat Wacker mit Heimvorteil an. «Im ersten Spiel in Thun hatten wir fast keine Chance. Dann gewannen wir das Heimspiel in der Eishalle», beschreibt Liniger. So kams am 22. Mai in Spiel 3 in Thun zur Entscheidung. «Die beiden Koreaner spielten überragend.» Cho Chi-hyo erzielte 13 Tore, Paek Won-chul 9. Manuel und Raphael Liniger steuerten zum 34:29-Sieg je einen Treffer bei.

Für die Neuauflage 2018 sieht Manuel Liniger «keinen Favoriten. Der Final wird wieder eine enge Geschichte.» (Der Landbote)

Erstellt: 10.05.2018, 20:58 Uhr

Simon Kindles neues Handballerleben

Der Torhüter mit der stattlichen Wurfkraft

Langsam habe er sich einigermassen erholt, sagt Simon Kindle drei Tage nach dem Aus im Playoff-Halbfinal. «Sie konnten den Knoten lösen, sie haben es sich verdient», lobt der 25-jährige Torhüter der Kadetten die Winterthurer, die Handballer aus seiner Heimatstadt. «Ihr Abwehrsystem machte uns zu schaffen. Sie haben allmählich gespürt, dass wir nicht mehr zu hundert Prozent da sind.»
Kindle spricht vom Druck, den sich seine Mannschaft selbst auferlegt, und vom Aufwind, den Pfadi verspürt habe; davon, dass «die ganze Saison für uns schon schwierig» war; von den vielen Details, die nicht passten; von den verletzten Spielern und auch davon, dass Gabor Csaszar, der Schlüsselspieler schlechthin, angeschlagen war, er wurde diese Woche am Knie operiert. Anders als in den Jahren zuvor «konnten wir den Schalter fürs Playoff nicht mehr legen», wie Manuel Liniger erklärt. Auch er hebt Pfadis Verdienste hervor: «Wir sind sportlich geschlagen worden.» Am Dienstag im zweiten Playoff- Final gegen Wacker in der Deutweg-Eishalle sitzt Kindle möglicherweise im Publikum. «Das wird sicher interessant.»

Simon Kindles Laufbahn hatte in besonderem Mass Höhen und Tiefen: grosses Torhütertalent bei Pfadi, Nationalspieler, dann 2014 Operationen an beiden Hüften, um eine angeborene Fehlstellung zu korrigieren, 2015 Wiedereinsteig in der NLA bei Gossau, im Januar 2017 Aufstieg zu den Kadetten, Meister, Champions-League-Spieler, Rückkehrer ins Nationalteam. Diesen Januar aber gab Kindle bekannt, den Spitzensport am Ende der Saison wegen der Belastung der Hüften und einer beruflichen Neuorientierung bleiben zu lassen. Er wird eine Vollzeitstelle in der Winterthurer Firma annehmen, für die er seit Februar arbeitet.

«Das Pensum so herabsetzen, dass es im gesundheitlichen Rahmen bleibt», nimmt sich Kindle für künftige sportliche Aktivitäten vor. Oder anders gesagt: Er sucht sich im Handball «eine Herausforderung im Hobbybereich». Es lägen bereits «recht viele Angebote vor», sagt Kindle. «Die Handballdichte in der Region ist gross . . .» Passende Teams in der Stadt wären die Seen Tigers, bei denen er 2015 sein Comeback nach den Hüftoperationen gegeben hat und deren Aufstiegsspiel er morgen Samstag besuchen wird, sowie Yellow 2. Aber: Aus dem Goalie wird ein Feldspieler. «Das reizt mich am meisten», erklärt er. «Als Torhüter schaut man immer zu, wie es die anderen so machen. Jetzt möchte ich es auch mal versuchen.» Eine stattliche Wurfkraft besitzt er, wie zuletzt das Einschiessen bei Kadetten-Spielen gezeigt hat, auf jeden Fall. Und eine Körperlänge von 2,02 m würde sich für einen Rückraumschützen auch nicht so schlecht machen ... ust

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