Er war das fliegende Fleischbällchen

Einst prügelte er sich auf der Strasse, trotzdem wurde Ljubomir Vranjes Spitzensportler. An der Handball-EM trifft er heute als Nationaltrainer Sloweniens auf die Schweiz.

«Der Handballsport hat mich gerettet»: Ljubomir Vranjes.

«Der Handballsport hat mich gerettet»: Ljubomir Vranjes. Bild: Reuters

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Wer mit Handballern spricht, der hat seinen Blick in der Regel nach oben zu richten. Die meisten Herren sind über 1,90 m lang, sehr viele sogar über 2 Meter.

Und dann gibt es da noch Ljubomir Vranjes. Scheinbar geschaffen für welchen Sport auch immer, aber nicht für Handball. 1,66 m lang – oder passender beschrieben: kurz – ist er. Doch er wurde einmal Weltmeister, dreimal Europameister. Als Handballer. Und das nicht auf irgendeiner Position. Vranjes lenkte von 1996 bis 2007 das Spiel der Schweden.

Er war breit, kräftig und vor allem schnell auf den Beinen – wenn er absprang, stieg er zwar nicht extrem hoch, aber hatte eine spezielle Art, sich so lange wie möglich in der Luft zu halten. Es schien, als ob er fliegen würde. «Den flygande köttbullen» nannten sie ihn in Schweden denn auch, das fliegende Fleischbällchen.

«Das war alles sehr emotional»

Sie haben ihn ins Herz geschlossen, speziell in Göteborg, wo der Mann mit serbischem Hintergrund aufgewachsen ist. Am Sonntag erhielt keiner der schwedischen Spieler bei der Vorstellung vor dem Match gegen Slowenien mehr Applaus als Vranjes, der seit Mitte Dezember 2019 Nationaltrainer der Slowenen ist. Dass er dann beim Abspielen der Nationalhymnen die schwedische mitsang, erschien vielen komisch, «doch für mich nur logisch, ich bin ja Schwede», sagt er.

Dass er am Tag nach dem 21:19 seines Teams über die Schweden ein bisschen müde nach oben schaut, ist verständlich. «Das war alles sehr emotional für mich.»

Erst Anfang Dezember hatten erste Gespräche mit dem slowenischen Verband stattgefunden. Vranjes, Trainer beim IFK Kristianstad, hatte eigentlich gedacht, dass er die EM nur als Zuschauer verfolgen würde. Doch dann erhielt er einen Vertrag bis 2024, am 27. Dezember trainierte er erstmals das Nationalteam.

«Wir haben sie in die Falle gelockt, sie sind hineingetappt.»Ljubomir Vranjes

Zwei Spiele in der Vorbereitung und zwei an der EM absolvierte er, vier Siege sind es geworden. Dass die Slowenen den Schweden nur 19 Tore zugestanden haben, will er nicht als Meisterleistung gewertet haben. «Nichts Besonderes» sei das gewesen, sagt der 46-Jährige, der ein hervorragender Taktiker ist, dazu. «Wir haben sie in die Falle gelockt, sie sind hineingetappt.» Sie hätten den Schweden das Tempo aus dem Spiel genommen.

Er liess sich provozieren

Als junger Bursche hat sich Vranjes weniger Gedanken über Taktik gemacht, wenn es um Gegner ging. Da wurde zugelangt. Im ­Göteborger Vorort Kortedala, wo er aufwuchs, bekämpften sich Strassenbanden. Beschimpfungen und Schlägereien gehörten zum Alltag, Vranjes war Teil davon. Oft wurde er wegen seiner geringen Körpergrösse geneckt und provoziert. «Ich war nicht bereit, das einfach so über mich ergehen zu lassen.» Er antwortete aggressiv, und da gehörten die Fäuste als Konversationsmittel natürlich dazu.

Die Wende kam, als Vranjes 18 Jahre alt war. Es griff ihn einer nicht verbal, sondern mit einem Schlagring an. Er schlug zurück, sein Gegner stürzte unter ein Tram. Vranjes machte sich davon, erfuhr später, dass dem Geschlagenen nichts weiter passiert war – und wandte sich von alledem ab.

Depressionen während Spielerkarriere

«Der Handballsport hat mich gerettet», sagt er heute, das steht auch in seiner Biografie «Das Einzige was ich will, ist gewinnen». Fortan investiert er all seine Energie ins Training bei Redbergslids Göteborg. Er wurde fünfmal schwedischer Meister, worauf sich die Türen ins Ausland öffneten, in Spanien, Deutschland, wo er später auch bei der SG Flensburg-Handewitt Trainer war. Dass ihn während seiner Spielerkarriere manchmal Depressionen plagten, hat er in seinem Buch auch verraten. Heute sind diese kein Thema mehr. Vranjes ist zwar müde, aber fröhlich und zuvorkommend.

«Wir werden auch den Match gegen die Schweiz 100 Prozent seriös angehen, wir können jetzt nicht nachlassen», sagt er. Und richtet seinen Blick nach oben – zum Journalisten.

Erstellt: 14.01.2020, 14:25 Uhr

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