Playoff-Final

Sidorowicz beendet das Thuner Schauspiel

Pfadi legt im Playoff-Final vor: In Thun gewinnen die Winterthurer das erste Spiel der Best-of-5-Serie 23:22 nach Verlängerung. Der Siegtreffer fiel drei Sekunden vor Schluss.

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Hinten in der Ferne Eiger, Mönch und Jungfrau, davor der See mit Booten bei schönem Segelwetter und vorne am Rand des Wassers Plattformen und Gerüste. Der Aufbau für die Thunerseespiele hat längst begonnen. Ab 11. Juli wird hier ein Musical aufgeführt.

Wenige hundert Meter landeinwärts geht an diesem frühen Samstagabend ein ganz anderes Schauspiel ab – ein spannendes, mitreissendes, eines, dessen Ausgang bis zuletzt (und gar noch darüber hinaus) ungewiss blieb.

Die Lachenhalle, die am schönsten gelegenene Handballarena der Schweiz, ist mit offiziell 1870 Zuschauern gefüllt, genauer gesagt überfüllt. 2000 beträgt die Kapazität. Ein Rätsel, wo für 130 noch Platz gewesen wäre. Denn es gab auch Besucher, die keine Sicht aufs Feld hatten. Es war heiss in der Halle. Und hitzig das Spiel, das sich Wacker und Pfadi in diesem ersten Treffen des Playoff-Finals 2018 liefern.

Die Thuner, die in Zusammenspiel von Team und Publikum Emotionen präsentieren wie nirgends wo sonst in der Handballschweiz, starteten besser, erhöhten den Lärmpegel in der Halle. Nur ein Tor aus neun Anläufen brachte Pfadi zu Beginn fertig, drei Konter wurden dabei vertan. Dass sich der Schaden in Grenzen hielt, lag an der Abwehr und Torhüter Mathias Schulz. 4:1 führte Wacker nach neun Minuten. Dann drehte Pfadis Offensive auf, mit vier Toren in Serie stand es plötzlich 5:4 für die Gäste.

Ein zweites Mal setzten sich sich die Thuner leicht ab. Ungemach drohte Pfadi, als Kevin Jud beim Stand von 10:7 zweimal nacheinander mit Penaltys an Flavio Wick scheiterte. Aber Wackers 12:9 in der 41. Minute war dann die letzte maximale Differenz. Anschliessend pendelte sich das Resultat bei Unentschieden oder plus Eins ein, mal für Wacker, mal für Pfadi.

Instinkt und Reüssite

13 Sekunden vor Ende nahm Pfadi das letzte Timeout; Zeitspiel war von den Schiedsrichtern angezeigt. Mitten im finalen Angriff stürmte Marvin Lieder als siebter Feldspieler auf den Platz, erhielt den Ball, warf, aber scheiterte an Thuns Goalie Marc Winkler. Es blieb beim 18:18. Verlängerung.

Die ersten fünf Minuten schloss Pfadi mit einer 20:19-Führung ab. Nach der kurzen Pause wendete Wacker das Blatt zum 21:20 und 22:21. Doch die letzten Momente gehörten wieder Pfadis Roman Sidorowicz. Der Rückraumschütze, dessen Schlenzer zwei Sekunden vor Ende des vierten Halbfinalspiels in Schaffhausen Pfadi den Sieg eingebracht hatte, war in der regulären Spielzeit in Thun für Pfadis (Führungs-)Treffer Nummern 17 und 18 besorgt gewesen. In der Verlängerung nun erzielte er gleichsam die letzten beiden Tore seiner Mannschaft. In der 69. Minute glich Sidorowicz zum 22:22 aus. Schulz parierte erneut einen Wurf von Lenny Rubin. Dann musste Pfadi seinen Angriff unter Zeitspiel abgeben. Den Konterpass von Lukas von Deschwanden fing Stefan Freivogel ab. Pfadi nahm zum allerletzten Mal Anlauf. Neun Sekunden blieben. Mit sieben Feldspielern wurde es versucht. Und wie in Schaffhausen versenkte Sidorowicz den Ball zum Siegtreffer im Netz, diesmal drei Sekunden vor Schluss zum 23:22.

Seine Reüssite in engen Situation ist beeindruckend. «So etwas ist nicht planbar», lächelte Sidorowicz nachher. Sein Instinkt machte es aus und brachte die Halle zum Schweigen – ausgenommen natürlich jene Zuschauer, die aus dem fernen Winterthur angereist waren.

Das Schauspiel war zu Ende, die Entscheidung aber noch nicht ganz gefallen. Denn Wacker hatte einen Spielfeldprotest eingelegt, in der Meinung, Pfadi habe in den Schlusssekunden einen Mann zu viel auf dem Feld gehabt. Nach Rücksprache mit den Offiziellen wurde der Protest eine Stunde nach Abpfiff zurückgezogen.

Defensiven dominierten

Damit gewann Pfadi zum vierten Mal in Serie ein Playoffspiel und legte in der Best-of-5-Finalserie 1:0 vor. «Es hätte auch auf die andere Seite kippen können», meinte Thuns Marco Winkler zu Recht. Die zwei Finalisten bewegten sich auf Augenhöhe mit gleichen Stärken und Schwächen. Die Defensiven (mit guten Torhütern) beherrschten die Offensiven, die sich zudem zu viele Fehler leisteten. Im Aufbau blieb bei Wacker der künftige Bundesligist Lenny Rubin unter seinen Möglichkeiten, bei Pfadi hatten Jonas Langerhuus und Filip Maros auch schon solidere Abende.

Stark dagegen waren die matchentscheidenden Qualitäten von Sidorowicz sowie der Auftritt von Spielmacher Yannick Ott, der beim 12:9-Rückstand für Jud aufs Feld kam, das Spiel stabilisierte und kapitale Treffer beisteuerte. Ebenfalls ausgezeichnet waren Torhüter Schulz und die aufopferende Abwehrarbeit der Spezialisten Michal Svajlen und Freivogel, die ebenso wie ihre Nebenleute für ein Maximum an Gegenwehr und ein Minimum an Gegentoren sorgten. Gleiches lässt sich von Thuns Verteidigung sagen.

Nahe wie seit 2004 nicht mehr

Entschieden ist noch nichts, die Fortsetzung folgt morgen Dienstag ab 19.30 Uhr in der Deutweg-Eishalle. Beim Meistertriumph von 2013 hatte Wacker die Finalserie gegen die Kadetten Schaffhausen nach einem 0:2 noch zum 3:2-Sieg gewendet. Auch da war das erste Spiel in Thun verloren gegangen. Eines aber ist seit diesem aufreibenden Samstagabend am Thunersee klar: Noch nie seit 2004 stand Pfadi einem Meistertitel näher. Damals hatten zwei Siege gereicht. Wie jetzt. (Der Landbote)

Erstellt: 13.05.2018, 16:29 Uhr

Stimmen zum Spiel

«Wir haben uns gegenseitig neutralisiert»

«Eigentlich bin ich nicht zufrieden, wie wir gespielt haben», stellte Pfadi-Trainer Adrian Brüngger nach dem Startsieg in Thun fest. «Im Angriff haben wir noch viel Potenzial. Wir müssen besser und fokussierter spielen, wenn wir auch den nächsten Match gewinnen wollen.» Von der 45. bis 60. Minute , als Roman Sidorowicz und Yannick Ott aufdrehten, erzielte Pfadi gleich viele Tore (neun) wie zuvor. In der ersten Hälfte waren es technische Fehler, die Pfadi stagnieren liessen, dann viele freie Würfe. «Lange hatten wir eine furchtbare Quote», bemerkte Brüngger. Dafür konnte er sich über die Steigerung, die Defensive und natürlich über den Sieg freuen. Taktisch hat alles gepasst, inklusive der Angriffe mit sieben Feldspielern am Ende der 60 und 70 Minuten.

Intensität, faire Kampfkraft, die Defensiven und Torhüter prägten das Treffen. «Beide Mannschaften haben gekämpft und beide machten sehr viele Fehler», sagte Brüngger. «Wir haben uns gegenseitig neutralisiert. Die Trainer haben ihren Job offenbar gemacht: Beide wussten, wie der Gegner spielt.»

Mit dem Angriff sei auch er «nicht zufrieden», bemerkte Wacker-Trainer Martin Rubin und sprach von einer «unterdurchschnittlichen» Leistung seines Aufbaus. «Wer ein Spiel so oft aus den Händen gibt wie wir, hat den Sieg nicht verdient», sprach Thuns Keeper Marc Winkler die Drei-Tore-Führungen und den Vorsprung gegen Ende der Verlängerung an. «Wir verlieren das Spiel in 20 kleinen Situationen, in denen wir – inklusive ich – schwächelten.»

Sidorowicz betonte, dass sein Team «auch nach Fehlern immer wieder ins Spiel zurück gefunden» habe. Die Thuner Zuschauer, die emotionalsten der ganzen Liga, spielten keine entscheidende Rolle. «Wir haben uns durchs Publikum nicht beirren lassen», sagte der Schütze von Pfadis Siegtreffer. «Wir kennen das ja. Wir haben aus der letzten Playoffserie gegen Wacker gelernt, dass wir das nicht ernst nehmen dürfen.» Am Dienstag in Spiel 2 der Best-of-5-Serie dürfte es auch in der Deutweg-Eishalle laut werden.

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