Handball

Einer, der sich nicht versteckt

Einige sind schon länger hier, andere stiessen erst später dazu. Torhüter Matías Schulz ist der einzige Pfadi-Handballer, der im Sommer 2016 zu Beginn einer besonderen Phase zum Club stiess und weiterhin für ihn spielt – ab heute im Playoff-Final.


In den drei Saisons mit Torhüter Matías Schulz (hier gegen Kadettens Zarko Sesum) qualifizierte sich Pfadi dreimal für den Playoff-Final, gewann Cup und Supercup und beendete Playoff-Miseren gegen die Kadetten Schaffhausen und Wacker Thun.

In den drei Saisons mit Torhüter Matías Schulz (hier gegen Kadettens Zarko Sesum) qualifizierte sich Pfadi dreimal für den Playoff-Final, gewann Cup und Supercup und beendete Playoff-Miseren gegen die Kadetten Schaffhausen und Wacker Thun. Bild: Martin Deuring

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Selbst 15 Paraden von Matías Schulz konnten die Niederlage gegen Katar, den damaligen WM-Zweiten, nicht abwenden. Argentiniens Handballer verloren in Rio de Janeiro 18:22 und schieden, wie zu erwarten war, an den Olympischen Spielen 2016 in der Hauptrunde aus. Das passte wenigstens in die Reisepläne der Familie Schulz, denn sie hatte ihren Flug von Rio nach Zürich bereits auf den Tag nach den Viertelfinals gebucht.

Zehn Tage nach jenem Katar-Match stand Schulz auf einer Wiese im Deutweg und sah zu, wie der Bagger auffuhr. Der Spatenstich für die neue Indoorsport-Arena, die damals noch Win City hiess, wurde an jenem heissen Donnerstagabend im August zelebriert. Für Pfadi begann eine neue Ära, auch für Schulz.

Halle, Geld und Finals

Der Nationaltorhüter Argentiniens, der damals 2016 vom französischen Spitzenclub HBC Nantes kam, erlebte in seinen knapp drei Jahren in Winterthur die denkwürdigsten Momente in der Neuzeit des Vereins mit.

Erstens: Die Axa-Arena, die schönste Schweizer Halle ihrer Art, wurde gebaut und im August 2018 eingeweiht.

Zweitens: Als Schulz noch in Rio Olympia-Handball spielte, führten Pfadis Geldprobleme dazu, dass das Team eine lineare Lohnkürzung diktiert erhielt. Das genügte bekanntlich nicht: Von Januar bis Ende März 2019 musste sich der Club akut gegen den finanziellen Kollaps stemmen.

Drittens: Mit Pfadi gewann Schulz im Dezember 2017 den Cup und im August 2018 den Supercup, die beste Erfolgsquote seit dem Meisterjahr 2004.

Viertens: Schulz erlebte in jeder seiner bisher drei Saisons, dass sich Pfadi für den Playoff-Final qualifizierte. 2017 unterlag man den Kadetten Schaffhausen, 2018 Wacker Thun. Nun trifft man wieder auf die Kadetten. «Jetzt sind wir dran», ist der Goalie überzeugt. «Ich vertraue unserer Mannschaft. Unsere Leistung stimmte nahezu immer – egal, wer verletzt fehlte und wer auf dem Feld stand», erklärt Schulz. «Die Kadetten sind in der Schweiz immer die Favoriten, sie haben das grösste Budget und sind am breitesten besetzt. Sie haben vielleicht die besseren Spieler, aber wir haben das bessere Team. Unsere Stärke als Mannschaft ist unsere grösste Qualität.»

Wie Boxer vor dem Kampf

15 Paraden glückten Schulz, dem nach Statistik siebtbesten Torhüter jenes Olympiaturniers, im August 2016 gegen Katar. 15 Paraden allein in der zweiten Halbzeit lieferte er vor einer Woche im vierten und letzten Match des Playoff-Halbfinals in Thun ab. Auf Matías Schulz, der die ersten zwei Spiele der Viertelfinalserie gegen den HC Kriens-Luzern wegen Muskelbeschwerden im Oberschenkel verpasst hatte, war im richtigen Moment Verlass.

Wie bereit er war, hatte sich allein schon beim emotionalen Einmarsch der Thuner Gladiatoren in deren Lachenhalle gezeigt. Pfadi stand aufgereiht da und liess das Prozedere über sich ergehen. Am weitesten vorne befand sich Schulz, der jedem Thuner, der an Pfadi vorbei in die Halle rannte, tief und lange in die Augen blickte. «Es ist wie vor einem Kampf, wenn sich die Boxer anstarren. Der Erste, der wegschaut, hat verloren», sagt Schulz, erfahren aus vielen internationalen Einsätzen. «Man darf sich nicht verstecken und den Blicken nicht ausweichen. Solche Situationen sollen uns stärken, nicht schwächen.»

Guadeloupe und Peru

Mit dem Playoff-Final ist die Saison noch nicht zu Ende. Die Schweizer Internationalen spielen Mitte Juni gegen Kroatien und Serbien um ihren Platz an der EM 2020. Schulz, dessen Argentinien die WM 2018 auf dem 17. Platz abgeschlossen hatte, tritt in der zweiten Juni-Hälfte mit seinem Nationalteam an einem Vierländerturnier auf Guadeloupe an. Während den Sommerferien stehen die Panamerikanischen Spiele in Peru an. Der Sieger dort qualifiziert sich für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio. Grösster Konkurrent der Argentinier, der Titelverteidiger, ist wie immer Brasilien, aber auch mit Chile und inzwischen wieder Kuba wird zu rechnen sein. «In London und Rio waren wir schon. Wäre toll, wenn wir es auch nach Tokio schaffen würden», hofft Schulz auf die dritten Olympischen Spiele in Folge.

38 Jahre ist er im Sommer 2020 – für einen Torhüter noch kein Alter, um zurückzutreten, aber doch eines, um sich mit dem Ende der Laufbahn zu befassen. «Freude am Handball habe ich immer noch», sagt Schulz. «Das werde ich auch immer haben. Die Frage nur ist: Wie lange macht der Körper noch mit?»

Ins Training und Büro

Sein Vertrag mit Pfadi läuft eine weitere Saison. Länger als hier ist er seit seinem Wegzug aus Argentinien 2006 bei keinem anderen Club (in Deutschland, Spanien und Frankreich) geblieben. «Bis Weihnachten werde ich mit dem Verein sprechen. Dann schauen wir, wie es weitergeht.»

Einen wie ihn müsste man eigentlich in einer Mannschaft behalten wollen. Auf der anderen Seite scheint auch für ihn das aktuelle Package zu stimmen. Mit seiner Frau und den zwei Söhnen – der jüngere ist 4, der ältere feiert heute Donnerstag seinen 7. Geburtstag – lebt Schulz in Sulz, die Familie fühlt sich wohl dort. Parallel zum Handball stieg er in die Berufswelt ein: Im Win4 ist er in der Administration tätig, kümmert sich um Buchhaltung und Bewirtschaftung dieses neuen Sportkomplexes im Deutweg. Ihm behage das «ganze Sportumfeld mit den verschiedenen Unternehmen und Clubs», erklärt Schulz. Seinen Tagesablauf kann er ideal gestalten: Am Morgen und am Nachmittag Training in der Axa-Arena und dazwischen «rüber ins Büro» im Win4-Gebäude. «Ich muss nicht mal umparkieren», lächelt er. Und ergänzt: «Es spricht nichts dagegen, zu bleiben.»

Erstellt: 15.05.2019, 22:29 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles