Handball

Freude am falschen Flügel

Fabrizio Pecoraro ist momentan Pfadis erste Wahl am rechten Flügel. Dass er als Rechtshänder dort eigentlich am falschen Ort steht, kümmert ihn nicht.

Fabrizio Pecoraro ersetzt am rechten Flügel den verletzten Cédrie Tynowski und überzeugte zuletzt mit seinen Wurfquoten.

Fabrizio Pecoraro ersetzt am rechten Flügel den verletzten Cédrie Tynowski und überzeugte zuletzt mit seinen Wurfquoten. Bild: Martin Deuring

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es liegt in der Natur der Sache: Je enger der Winkel, desto schwieriger der Torschuss. Das wissen Handballer ebenso wie Eishockeyaner und Fussballer. Hebt nun ein Rechtshänder vom rechten Flügel aus zum Wurf aufs Handballtor ab, dann verringert sich der erfolgversprechende Bereich zusätzlich.

Mit solchen Situationen beschäftigt sich Fabrizio Pecoraro Spiel für Spiel, erst recht seit Cédrie Tynowski, der Linkshänder und Captain, wegen einer Schulterverletzung ausfällt. Der 23-jährige Rechtshänder bewältigt die Aufgabe bestens: In den letzten drei Partien landeten alle elf Versuche von rechts aussen im Tor – sehr sehenswert, zumal ungewohnt. Vor einer Woche beim Heimsieg über Wacker Thun wurde Pecoraro deswegen zu Pfadis Spieler des Abends geehrt. «Ich kann mich nicht beklagen, es läuft so gut wie noch nie», freut sich der Wülflinger. «Es macht Freude, wenn man Spielzeit bekommt und die Quoten stimmen.»

Nicht viel überlegen

Schon zu Juniorenzeiten tauchte er immer wieder am falschen Flügel auf. «Vielleicht ist es deshalb einfacher für mich als für andere», sagt Pecoraro. Sobald er zum Wurf ansetzt, geschehe «alles intuitiv», erklärt er. «Ich springe rein, nehme mir nichts vor, überlege nicht viel und spekuliere auch nicht auf Bewegungen des Torhüters.» Ihm gefällt die Rolle: «Von rechts zu schiessen, fällt mir inzwischen fast leichter als von links.»

Natürlich bleibt sein Wirkungsbereich eingeschränkt, da er «gewisse Winkel zum Wurf nicht nehmen» und auch weniger direkten Druck auf die Abwehr ausüben kann. Und er ist sich auch bewusst: «Dass ich Rechtsaussen spiele, ist eine Alternative und nicht die Hauptlösung. Es geschieht nur, weil Cédrie leider verletzt ist.»

«Wir gönnen einander alles»

Pecoraro springt für Tynowski ein und der gleichaltrige Joël Bräm ersetzt am linken Flügel Marvin Lier, den Pfadi dem deutschen Meister Flensburg-Handewitt ausgeliehen hat. Auch Bräm hatte zuletzt Wurfquoten, die an Perfektion grenzen. Die beiden folgen in Winterthur auf zwei Handballer, die auf ihren Positionen die Nummern 1 der Nationalmannschaft sind.

An sich sind Bräm, der 2017 vom HSC Suhr Aarau kam, und Pecoraro Rivalen auf der (linken) Aussenposition. Doch das führt auf eine falsche Fährte: «Wir pushen uns im Training und im Spiel extrem, wir studieren zusammen und wir sprechen bei einem Kaffee über Gott und die Welt», erklärt Pecoraro, der Psychologiestudent. «Wir gönnen uns gegenseitig alles, was wir erreichen. Ohne ihn wäre ich nie so weit, wie ich jetzt bin. Seit er bei Pfadi ist, haben wir Riesenfortschritte gemacht.»

«Wir waren überzeugt, dass wir unsere Leistungen bringen können», meint Pecoraro. «Aber dass uns gleich solche Quoten gelingen, hätten auch wir nicht gedacht. Wir haben bewiesen, dass wir es können. Das gibt ein gutes Gefühl.»

Trainer Adrian Brüngger freut sich über die Entwicklung des Duos: «Das ist eine richtig tolle Geschichte, wenn man sieht, was sie jetzt abliefern und wo sie vor zwei, drei Jahren waren. Seit Wochen sind sie auf einem beachtlichen Niveau. Ich mag es ihnen voll gönnen: Sie sind lernwillig und geben in jedem Training Vollgas.»

«Eine Herzenssache»

Vier Jahre besuchte Fabrizio Pecoraro die Handball-Academy in Schaffhausen, dort schloss er – nach Beginn in der Kantonsschule im Lee – das Gymnasium ab. Ein Wechsel zu den Kadetten kam «nie infrage», erklärt er. «Ich bin Pfadi-Junior.» Am Freitagabend trainierte er in Winterthur, am Wochenende wohnte er zu Hause in Wülflingen.

In der vergangenen Saison, als die Spielanteile kleiner waren und er das Gefühl hatte, dass «ich nicht vorwärtskomme», tauchte mal der Gedanke auf, seinen Stammclub zu verlassen. «Mittlerweile bin ich der Meinung, dass ich da weiter spiele.» Er lobt die «Infrastruktur, die Trainingsintensität und die Professionalität». Und: «Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, für einen anderen Verein anzutreten. Das ist eine Herzenssache.»

Bei den Junioren trat Pecoraro als Flügel an, mal links, mal rechts. Zur Hauptsache aber besass er als «ausgebildeter Rückraumspieler» die Rolle des Spielmachers. Die hat er auch, wenn er für die Pfadi Espoirs in der NLB aushilft. «Als ich in die NLA kam, konnte ich vom Flügel aus eigentlich gar nichts», blickt er zurück. «Ich hatte eine miese Technik und kein Gefühl beim Abschluss. Es dauerte extrem lange, bis ich mich umgewöhnt hatte. Ich habe diese Zeit aber auch gebraucht, um mich zu integrieren und die Qualität zu erhalten.»

Bereits vor knapp vier Jahren stand er im Aufgebot, als Pfadi gegen Bjerringbro-Silkeborg, den aktuellen Gegner im EHF-Cup, im Europacup antrat. «Damals hätte ich mir nie zugetraut, so mitspielen zu können.» Inzwischen bedauert er, dass er am Sonntag im Hinspiel gegen die Dänen nur zu einem Torwurf kam. «Ich hätte», lächelt er, «im Europacup gerne mehr gezeigt, dass es auch vom rechten Flügel aus geht.»

Erstellt: 19.11.2019, 21:16 Uhr

Infobox

Der Cup-Halbfinal steht auf dem Spiel

Zwischen den zwei EHF-Cupspielen gegen Bjerringbro-Silkeborg wartet eine nicht minder wichtige Aufgbe auf Pfadi: Heute Mittwoch empfangen die Winterthurer den HSC Suhr Aarau zum Cup-Viertelfinal. «Sicher kein einfaches Spiel», meint Trainer Adrian Brüngger. Diese Saison war man sich in der Axa-Arena schon einmal gegenüber gestanden. Die Winterthurer siegten Mitte September dank einer defensiv sehr soliden Leistung 25:17. Zuvor hatten sie von vier Treffen nur eines gewonnen. Aus dem 33:36 verlorenen Europacupspiel vom Sonntag hätten die Spieler «keine gröberen Blessuren» davon gezogen, sagt Brüngger. Allenfalls ist das Comeback von Yannick Ott möglich, der vor einer Woche gegen Thun einen Oberschenkelprellung eingefangen hatte. «Wenn wir den Rhythmus und die Intensität vom Europacup heranbringen, sind wir eher im Vorteil», sagt Brüngger.

Die Aargauer, in der NLA auf Platz 6, haben ihren Rückraum im Oktober mit zwei Portugiesen aus der Bundesliga verstärkt: Linkshänder João Ferraz von Wetzlar und Rechtshänder Diogo Abreu Oliveira von Balingen. Der HSC schlägt, wie von ihm mittlerweile offenbar üblich, kämpferische Töne an. In einem offenen Brief auf der Club-Homepage appelliert Geschäftsführer Lukas Wernli an die Mannschaft, heute für den 19. Dezember ein allfälliges Heimspiel im Cup-Halbfinal möglich zu machen. Im Cup ist der HSC im November 2012 zum letzten Mal zu Hause angetreten.

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Paid Post

Die Erfolgsgeschichte hinter den bunten Recycling-Säcken

Recycling-Abos gehören in Trendzeiten der Nachhaltigkeit und sozialen Bewusstseins für viele Schweizerinnen und Schweizer zum Alltag. Wer steckt dahinter?