Handball

Genügend Stoff für die Erinnerung

Nach zwei Niederlagen in der Verlängerung muss Pfadi heute in Schaffhausen siegen, um im Playoff-Final weiterhin im Rennen zu bleiben. Wenn es nicht gelingt, sind die Kadetten zum elften Mal Meister.

Immer wieder im Mittelpunkt von Pfadis Abwehrgeschehen: Stefan Freivogel, hier gegen Schaffhausens Luka Maros, seinen guten Kollegen und Gegner.

Immer wieder im Mittelpunkt von Pfadis Abwehrgeschehen: Stefan Freivogel, hier gegen Schaffhausens Luka Maros, seinen guten Kollegen und Gegner. Bild: Martin Deuring

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Schon jetzt besitzt dieser Final genügend Stoff, um in Erinnerung zu bleiben. Die dramatischen ersten zwei Spiele als Ganzes, die kochende Axa-Arena vom letzten Sonntag sowie die vier Szenen, die sich jeweils innert zweier Sekunden vor der Pause beziehungsweise vor Matchende ereigneten: in Spiel 2 das Fliegertor von Cédrie Tynowski und der verpasste Matchball von Kevin Jud vom Siebenmeterstrich aus. In Spiel 1 beim Stand von 25:25 das potenzielle Penaltyfoul an Michal Svajlen und beim 12:12 das Geschoss von Luka Maros an den Kopf von Stefan Freivogel.

«Blöd gelaufen»

Freivogel, der Winterthurer Abwehrspezialist, blickt auf diese Aktion zurück und sagt: «Blöd gelaufen.» Sekunden vor der Pause des Startspiels in Schaffhausen hatte Filip Maros Pfadis 12:12 erzielt. Luka Maros, sein Bruder in Diensten der Kadetten, forcierte das schnelle Anspiel, holte wenig hinter der Mittellinie zum Verzweiflungswurf aus und traf Freivogel, der direkt, bewegungslos und eigentlich unübersehbar vor ihm stand, mit vollster Wucht am Auge und knockte ihn regelrecht aus.

«Er hat im Affekt geworfen und mich nicht beachtet», verteidigt Freivogel seinen alten Kumpan aus gemeinsamen Zeiten bei Pfadi und GC Amicitia Zürich. «Als es passierte, war er ja noch mehr geschockt als ich», fährt Freivogel fort. «Es tat ihm sehr leid.» Luka Maros entschuldigte sich und kümmerte sich um Freivogel, bis dieser endlich wieder aufstand und vom Platz gehen konnte.

Für den Pfader war das Spiel vorbei. Noch in der gleichen Nacht liess er sich in der Notfallstation des Kantonsspitals Winterthur untersuchen. Tags darauf, am Freitag, folgte der Check beim Augenarzt. Die Ergebnisse liessen auf keine ernsthaften Schäden schliessen. «Zuerst konnte ich nichts sehen, dann wie durch Milchglas. Am Freitag ging es bereits besser», berichtet Freivogel. Nach wie vor habe er Mühe, den Blick von der Weite in die Nähe umzuschalten. «Aber auch das sollte sich wieder beruhigen. Ich hatte Glück im Unglück.»

Der Zwischenfall hielt Freivogel nicht davon ab, am Sonntag in der Axa-Arena zum zweiten Spiel anzutreten. Erneut bearbeitete er seine Gegenspieler so, wie es für ihn üblich ist: bissig und mit gesunder Härte. Er ist einer der Gründe, weshalb Pfadis Defensive im Playoff besser auftritt als in vielen Partien zuvor.

Zum dritten Mal die Schulter

Vom 11. November an hatte Freivogel vier Monate der Saison verpasst. Im Heimspiel gegen den BSV Bern kugelte er sich die Schulter aus. Eine Verletzung, die er da bereits zum dritten Mal erlitt: zweimal links, einmal rechts. 2015 erwischte es ihn im Cup-Halbfinal gegen die Kadetten, am Tag darauf im Final gegen den BSV Bern, den Pfadi gewann, stand er bereits wieder auf den Brettern.

«Jetzt reicht es eigentlich», meint der 29-Jährige zu den drei schweren Schulterverletzungen. Die Karriere deswegen zu beenden, sei «keine Option» gewesen. Diesmal unterzog er sich einem grösseren operativen Eingriff, der eine längere Erholungszeit benötigte. Dafür sollte das Gelenk nun stabiler sein.

Die Rückkehr seit dem Comeback Mitte März sei ihm «relativ gut gelungen. Mit der Schulter ist alles gut», sagt Stefan Freivogel. Für den Playoff-Final habe er sich «viel vorgenommen», und noch immer sei gegen die Kadetten Schaffhausen, trotz 0:2-Rückstand, «alles möglich», meint er. «Wir brauchen das eine Spiel, das wir gegen sie gewinnen. Von den bisher 140 Minuten waren wir gefühlte 120 Minuten in Führung. Es muss etwas drinliegen. Ich weigere mich, zu glauben, dass wir sie nicht schlagen können.»

Am Montag, dem Tag nach dem zweiten Finalspiel und der 30:32-Heimniederlage in der ausverkauften Axa-Arena, sei Pfadis Team im Training «schon etwas down» gewesen, räumt der Vizecaptain ein. «Logisch, nach solch einem Spiel. Aber im Playoff muss man schnell vergessen können. Wir haben die Sachen besprochen, die wir anders und besser machen können.»

Tags darauf sei «die Stimmung gleich besser» gewesen. «Die Energie war wieder zu spüren», betont der Niederhasler, der inzwischen in Winterthur wohnt und im Marketing und Projektmanagement für Hansruedi Wipfs Hypnosefirma arbeitet. Mitte Juni wird Freivogel heiraten. Einen Schweizer-Meister-Titel 2019 hats bereits in der Familie: Seine Laura Oberli ist Teammanagerin des LC Brühl St. Gallen, der gestern im Playoff-Final gegen Zug triumphierte.

Nachtessen als Nachspiel

Ein Nachspiel hatte das Knock-out vom Donnerstag übrigens doch noch. Lukas Maros, den Freivogel als «einen meiner besten Kollegen» bezeichnet, bot an, ihn zum Nachtessen einzuladen. Die Gelegenheit bot sich bereits diesen Montag, als sich ein paar Pfadi-Spieler aus Anlass des 28. Geburtstages von Filip Maros vom 18. Mai trafen. Luka Maros habe ihm «dreimal geschrieben, ob er da wirklich kommen solle», lächelt Freivogel. «Ich sagte ihm: Ja klar, wir machen dir nichts.» Man kennt sich – und schenkt sich auf dem Feld trotzdem nichts.

Erstellt: 22.05.2019, 23:47 Uhr

Playoff-Final

«Wir sind viel zu nahe dran»

Zwei Treffen, zwei ähnliche Spielverläufe, zwei Verlängerungen, zwei Niederlagen und ein 0:2-Rückstand. Der fünfte Playoff-Final seit 2011 war für Pfadi bisher keine Erfolgsgeschichte, aber dennoch kein Grund, die weisse Fahne zu schwenken. «Niemals, niemals» werde man sich vorzeitig geschlagen geben, gibt sich Trainer Adrian Brüngger kämpferisch. «Wir sind viel zu nahe dran. Näher noch als vor einem Jahr.»

2018 verloren die Winterthurer die ersten zwei Spiele des Playoff-Halbfinals gegen die Kadetten je 28:29. Auch da lagen sie also 0:2 zurück – ehe sie die Best-of-5-Serie wendeten, mit einem 3:2-Sieg abschlossen und die Kadetten zum ersten Mal seit 2004 im Playoff ausschalteten. Zwei Heimspiele gegen die Kadetten konnte Pfadi 2018 auf dem Weg zur Wende austragen. Ein Jahr später braucht es jetzt zwei Siege in Schaffhausen (neben einem zu Hause), um zum ersten Mal seit 15 Jahren doch noch Meister zu werden. Das ist den Winterthurern weiterhin zuzutrauen. Es muss ihnen allerdings noch mehr gelingen, als ihnen bisher in dieser Finalserie schon gelungen ist. «Wir haben nicht viel falsch gemacht. Unser Gameplan ist fast perfekt aufgegangen», blickt Brüngger auf die zwei Spiele zurück. Der entscheidende Unterschied ereignete sich zweimal in den Schlussphasen: Die Winterthurer scheiterten zu oft in freien Würfen beziehungsweise Schaffhausens Torhüter steigerten sich zur Höchstform. In Zahlen hiess das in Spiel 2 am Sonntag in der Axa-Arena: In den letzten 24 Minuten trafen die Winterthurer nur noch fünfmal ins Tor, die Schaffhauser zwölfmal. Pfadis Abschlussquote in kapitalen Momenten war zweimal der fehlende Link zum Sieg, ansonsten hätten die Auftritte gepasst.

Seit ihrer Premiere 2005 haben die Kadetten 10 von 14 möglichen Meistertiteln erobert. Viermal liessen sie dabei auf eine 2:0-Führung in einer Best-of-5-Serie einen 3:0-Schlussstand folgen, dreimal gegen Pfadi. Auf der anderen Seite der Statistik aber steht dies: Erst zweimal verloren die Schaffhauser seit 2005 eine Playoffserie: 2018 im Halbfinal gegen Pfadi und 2013 im Final gegen Wacker Thun. In beiden Fällen hatten sie 2:0 geführt.

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