Handball

«Mr. Kang» wirbelt an drei Fronten

Jae-Won Kang, sowohl handballerisch als auch menschlich eine Ausnahme-Erscheinung in Winterthur und Zürich, war auf Blitzbesuch bei Olympia 2018.

Auf Stippvisite im Zentrum der Olympischen Spiele:  Jae Won Kang.

Auf Stippvisite im Zentrum der Olympischen Spiele: Jae Won Kang. Bild: Roland Jauch

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«Ich dachte, nach so viel Tagen in Südkorea möchtest Du wieder mal Spaghetti essen.» Sagt es, entert ein Taxi und gibt dem Fahrer eine Adresse an, die er soeben im Internet gefunden hat. Als das Ziel nach zehn Minuten noch nicht erreicht ist, wundert sich aber Jae-Won Kang doch. Wir sind schon ausserhalb von Gangneung, irgendwo im Niemandsland. Dann kommt das italienische Restaurant, wo es nicht nur Spaghetti gibt, in Sicht. «Ich war erst einmal in Gangneung, ich hatte keine Ahnung, wo dieses Haus liegt», sagt er und lacht. Kang in Reinkultur.Jae-Won Kang, der beste Handballer, der je in der Schweiz spielte, ist nur auf Stippvisite im Zentrum der Spiele. Nach einer Woche Trainingslager mit seiner Frauenmannschaft Bisco Busan wechselte der 54-Jährige mit dem Team nach Seoul, wo am Mittwoch ein Testspiel stattfand. Nachher ging es weiter nach Daejeon für weitere drei Tage Camp, und dann war wieder Busan angesagt. «Eigentlich hätte ich gerne Morten Schönfeldt in Gangneung getroffen. Aber der hat nie sein Telefon abgenommen, offenbar war er zu sehr damit beschäftigt, sich um den Kronprinzen zu sorgen.» Schönfeldt war bei Pfadi Weggefährte Kangs, heute hat er eine Anstellung beim norwegischen Olympiakomitee.

1988 mussten alte Häuser weg

«Ich bin überrascht, dass es jetzt so viele Zuschauer bei den Spielen gibt. Vor einem Monat hat das noch gar nicht gut ausgesehen.» Wintersport in Korea – das sei halt doch keine so grosse Sache, denkt er. Als er durch Gangneung fährt, staunt er: «1988 in Seoul sah vieles anders aus, da mussten die alten Häuser weichen.» Und das, was wir Ausländer überhaupt nicht beachten, fällt ihm sofort auf: «Heute dürfen nur Autos mit geraden Registernummern fahren, morgen wieder die mit den ungeraden.» So ist der Verkehr gerade noch erträglich.

Was gleich geblieben ist im Vergleich zu 1988, als Kang mit den Handballern Silber gewann: Die koreanischen Olympiasieger erhalten noch immer eine lebenslange Rente, rund 800 Schweizer Franken pro Monat beträgt sie. Short Track und Skeleton (Goldmedaillengewinner Yun Sung-Bin begann erst vor sechs Jahren mit der Sportart) sind Koreas Disziplinen.

Verträge mit drei Teams?

Kangs Söhne, zu der Zeit geboren, als der Welthandballer von 1989 bei GC (1990 bis 1992) und Pfadi (bis 2002) spielte und trainierte, sind längst erwachsene Männer. Mit Sport aber haben sie nichts am Hut. Der eine arbeitet in einer Biotech-Firma, der andere absolviert gerade den über zwei Jahre langen Militärdienst.

Kang hat eine vertragstechnisch wichtige Zeit hinter und vor sich. Er unterschrieb in Busan für weitere fünf Jahre – und bekommt dort neben dem Lohn auch Unterkunft und Essen bezahlt. Dazu fliegt er noch rund einmal pro Monat nach Japan, wo Daido Steel weiterhin seine Mannschaft ist. Er arbeitet dort quasi als übergeordneter Cheftrainer. Und diese Woche fällt der Entscheid, ob er Nationaltrainer von Koreas Frauen bleibt. «Aber ich will nicht vollamtlicher Nationalcoach sein.» Entweder sie nehmen ihn zu seinen Bedingungen, oder dann eben nicht.

Er denkt, dass die erste Variante zum Tragen kommt. «Denn wenn der Verband mich nicht wählt, dann werden auch viele Spielerinnen absagen.» «Mr. Kang» ist bei den Sportlerinnen sehr beliebt – weil er nicht einfach die Handball-Lehren der 70er Jahre predigt und auf eiserne Disziplin setzt. «Meine Zeit in Europa war für mich als Trainer extrem wichtig.» Mit Blick auf die Spiele 1988 hatten Kang und seine Teamkollegen «acht, neun, ja teilweise zehn Stunden pro Tag» trainiert. In den Trainingslagern 2018 arbeitet die Equipe zweimal pro Tag, die Freizeitgestaltung ist den Athletinnen überlassen.

Der wichtige Oktober

Firmen und Regionen sind begeistert vom Handball in Korea – vor allem vom Frauensport. «Die Männer sind nicht mehr so gut, es gibt kaum mehr Talente.» Die Frauen-Meisterschaft und der Cup allerdings sind nicht für alle Teams gleichbedeutend. «Wichtig ist der Oktober.» Dann stehen drei Spiele gegen die Gegnerinnen der Equipen an, die wie Busan auch von öffentlicher Hand unterstützt werden. «Da kommen alle Politiker. Wenn Du da gewinnst, dann haben Spieler und Trainer einen ganz anständigen Bonus.» 3000 Dollar pro Spielerin, ein bisschen mehr für den Coach. Busan hat im letzten Oktober gewonnen.

Und dann hat der Erfolgscoach noch diesen handballtaktischen Tip: «Wenn ich in einem Spiel mit vier Toren führe und die Gegner versuchen, mit sieben Angreifern den Rückstand zu verkleinern, dann verteidigen bei mir vor dem Tor nur fünf Spielerinnen – und eine stelle ich auf den Mittelkreis. Schiesst der Gegner ein Tor, kommt das für ihn zu schnelle Anspiel mit einem Wurf von der Mitte ins noch leere Goal. Schon liegen wir erneut mit vier Toren voraus. Und manchmal hält der eigene Goalie ja sogar noch einen Ball – dann gehen wir sogar noch deutlicher in Führung.» Eine zumindest überlegenswerte Variante.

Erstellt: 21.02.2018, 17:46 Uhr

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