Handball

Nur der Ausreisser nach oben fehlte

Den ersten Meistertitel seit 2004 hat Pfadi ein weiteres Mal verpasst. Trotzdem war dieses Handballjahr ein Erfolg.

Einmal mehr wurde Pfadi (im Bild Kevin Jud) auf dem Weg zum Meistertitel von den Kadetten Schaffhausen gestoppt.

Einmal mehr wurde Pfadi (im Bild Kevin Jud) auf dem Weg zum Meistertitel von den Kadetten Schaffhausen gestoppt. Bild: Martin Deuring

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Der fünfte Playoff-Final, die fünfte Niederlage. Pfadis Bilanz in entscheidenden Spielen der Meisterschaft seit 2011, dem Beginn der Playoff-Neuzeit im Schweizer Handball, ist betrüblich. Zum vierten Mal scheiterten die Winterthurer jetzt an den Kadetten Schaffhausen, zum vierten Mal mit einem 0:3-Endstand in der Best-of-5-Serie. Letztes Jahr waren sie im Final Wacker Thun 1:3 unterlegen. 1 Sieg also steht 15 Niederlagen gegenüber – eine natürlich sehr dürftige Ausbeute. Im richtigen Moment, als es um den Meistertitel ging, waren die Gegner offensichtlich fünfmal besser. Dieser 1. Platz, dieser Pokal am Ende einer Saison fehlt weiterhin in der Sammlung der Ära von Adrian Brüngger, seit 2007 Pfadis Trainer.

Die andere Sicht der Dinge ist diese: Seit 2011 mischt Pfadi an der Spitze mit und qualifizierte sich stets für den Playoff-Halbfinal. Eine Konstanz, die sonst nur die Kadetten, in der Handballschweiz der Club mit den deutlich grössten Ressourcen, erreicht haben. Hinzu kommen die Cupsiege 2010, 2015 und 2018 sowie der Supercup 2019. Es sind Belege dafür, dass in Winterthur über all die Jahre gut gearbeitet wurde. Einzig der Ausreisser nach oben glückte in der Meisterschaft nie; den schafften weiterhin nur die Thuner, welche die Titelserie der Kadetten 2013 und 2018 (mit Pfadis Hilfe im Halbfinal) unterbrechen konnten.

Was die Winterthurer im Verlauf dieser Saison oft fertiggebracht hatten, blieb im Playoff-Final aus: Irgendwie, selbst bei wiederholt vielen Absenzen, hatten sie häufig einen Weg zum Sieg gefunden. Nicht jetzt, als es am wichtigsten war. In den 60 Minuten der ersten zwei Finalspiele standen sie dem Erfolg näher als der Rivale, um letztlich in den Verlängerungen zu verlieren. Mit mehr Réussite im Abschluss, vielleicht nur schon mit einer Prise mehr Wettkampfglück hätten sie die Finalserie mit einem 2:0-Vorsprung statt einem 0:2-Rückstand beginnen können.

Die Mannschaft wird sich auf nächste Saison wenig verändern, was grundsätzlich positiv ist. Filip Maros, der vielseitige Rückraumspieler, und Magnus Staub, der Torhüter Nummer 3, ziehen zu den Kadetten. Vom HC Kriens-Luzern kommt Aleksandar Radovanovic, zudem wird sich das Comeback von Pascal Vernier, der seit Dezember mit einem Kreuzbandriss ausgefallen ist, anbahnen. Damit stünden Pfadi endlich wieder zwei Linkshänder im Aufbau zur Verfügung.

Der personelle Mangel im spieltragenden Rückraum war auch im Playoff-Final ein Problem. Gegenüber letzter Saison hat Pfadi dort die meiste Substanz verloren, verschärft noch im Dezember durch Verniers Verletzung und den Bundesliga-Abgang von Roman Sidorowicz. Klare Gewinne waren Markus Dangers, der offensiv stärkste Kreisläufer der Liga, sowie Aufbauer Peter Schramm mit seiner Durchschlagskraft und Abwehrarbeit. Spielmacher Kevin Jud bewegte sich auf einem Niveau, das den Titel eines MVP der Saison verdient hätte. Linksaussen Marvin Lier steigerte sich zum NLA-Topskorer. Rechtsaussen Cédrie Tynowski, Pfadis 22-jähriger Captain und wie Lier im Nationalteam die Nummer 1 auf seiner Position, erreichte in Angriff und Abwehr immer mehr Einfluss. Matias Schulz ist, obschon er im Final klar im Schatten der Torhüter der Kadetten stand, einer der besten Keeper in der Schweiz. Die Abwehr, durch die längeren Verletzungspausen der Spezialisten Michal Svajlen und Stefan Freivogel geschwächt, steigerte sich, als es aufs Playoff zuging; das Spiel gestern ausgenommen.

Die Nachwuchsabteilung des Clubs hat ihren Platz in der Elite ebenfalls gefestigt. Pfadi belegte im U-13, U-15, U-17 und U-17 am Ende der Schweizer Meisterschaft die Ränge 1, zweimal 2 sowie 4. Das NLB-Team sicherte sich den Ligaerhalt. Der Unterbau ist vorhanden, den gilts zu bewahren und zu fördern. Nur schon mittelfristig lohnt es sich, jüngere Spieler in der Nationalliga A verstärkt zu forcieren, wie es Wacker Thun und der HSC Suhr Aarau ausgeprägter tun.

Aber nicht der Sport prägte die Saison. Denkwürdig wird sie vor allem durch die neue Axa-Arena, die zu Recht viel Publikum anzieht und in der einige unterhaltsame, mitunter dramatische Spiele zu erleben waren, sowie durch den finanziellen Kollaps, der im Januar drohte und bis Ende März abgewendet wurde. Über 600000 Franken kamen in dieser gross angelegten Sammelaktion zusammen, was die Vereinsführung zu Sorgfalt im Umgang mit dem Geld verpflichtet. Am Anspruch, ein Schweizer Spitzenteam zu stellen, soll sich nichts ändern; dies ist die richtige Strategie, sofern sich der Betrieb vernünftig finanzieren lässt.

Pfadi rückte in der Geldnot zusammen und raffte sich auf dem NLA-Feld auf. Die Mannschaft holte vielfach das Optimum aus sich heraus, schloss die Finalrunde überlegen auf Platz 2 ab, gewann den Playoff-Viertelfinal gegen Kriens-Luzern 3:0, schaltete mit dem 3:1 im Halbfinal zum ersten Mal seit 2003 Wacker Thun im Playoff aus und war jetzt im Final sehr viel näher dran, als das 0:3 aussagt. Das alles ist ein respektabler Ausweis und spricht für die Mannschaft und für die Leute, die sie führen.

Der Sieg am Supercup in der Axa-Arena, die schönste Handballhalle der Schweiz an sich, die finanzielle Rettung und der Playoff-Final: Insgesamt liegt eine sehr gute Saison hinter Pfadi. Mit dem Ausreisser nach oben wäre es eine perfekte gewesen, verglichen mit den früheren neun Meisterjahren gar die wertvollste.

Erstellt: 24.05.2019, 00:56 Uhr

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