Winterthur/Rio

«Vielleicht komme ich wieder heim nach Winterthur»

Olympische Spiele prägten das Leben von Chi-Hyo Cho. In Rio ist der ehemalige Pfadi-Handballer zurück als Assistenztrainer von Südkoreas Frauen.

Was er nach Olympia 2016 im Handball macht? «Ich habe keinen Plan», sagt der 45-jährige Chi-Hyo Cho.

Was er nach Olympia 2016 im Handball macht? «Ich habe keinen Plan», sagt der 45-jährige Chi-Hyo Cho. Bild: Urs Stanger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eine Olympiade umfasst vier Jahre. Chi-Hyo Chos olympische Karriere hat 1992 begonnen und dauert 2016 an. Damals in Barcelona musste sich der flinke, wurfstarke Linkshänder mit den Südkoreanern mit Platz 6 begnügen. Vier Jahre davor in Seoul hatten sie die Handballwelt noch mit Olympiasilber aufgewühlt.

Aber Barcelona war für Cho der Ort, an dem er sein Können eindrücklich präsentieren konnte. Hinter dem legendären Kirgisen Talant Duischebajew (der in Rio als Nationaltrainer Polens amtet) belegte er in der Skorerwertung Platz 2 und wurde auf seiner Position, dem rechten Rückraum, ins Allstar-Team gewählt.

Nicht nur sportlich, sondern auch privat brachten ihm Olympische Spiele viel: Vor Barcelona 1992, in einem Trainingslager der beiden Nationalteams, lernte er seine zukünftige Frau Hye-Sook kennen, eine Kreisläuferin, die anschliessend mit den Südkoreanerinnen die Goldmedaille gewann.

Das Comeback gegen Thun

Cho übersiedelte nach Winterthur, gewöhnte sich zuerst bei Yellow an und spielte dann für Pfadi, den damals dominierenden Schweizer Klubs. Zwischen 1996 und 2004 eroberte er mit den Winterthurern sechs Meistertitel. Nach dem Wechsel zu den Kadetten Schaffhausen reihte er zwei weitere an. 2006 stiess er zu Wacker Thun. Obwohl er auch später immer wieder betonte, wie gut es ihm und seiner Familie im Berner Oberland gefallen habe, zog er mitten in der Saison, im Februar, weiter zum Bundesligisten Balingen-Weilstetten. 2008 in Peking trat er zum dritten Mal nach 1992 und 2004 an Olympischen Spielen an.

«Ein sehr sensibler Spieler, der viel Vertrauen brauchte», beschreibt Peter Bruppacher, der ehemalige Pfadi- und Nationaltrainer, die Qualitäten Chos. «Und er hatte natürlich enorme Möglichkeiten. Zudem war er äusserst vielseitig und ein hervorragender Abwehrspieler. Da könnten sich die Südkoreanerinnen eine Scheibe abschneiden», ergänzt Bruppacher mit einem Seitenhieb auf den zweiten Olympia-Auftritt gestern.

2009 war für den Handballer Cho eigentlich Schluss. Wäre er nicht gerade in Winterthur gewesen, wo seine Frau und die drei Töchter noch heute leben, als im Mai 2012 der Playoff-Halbfinal gegen Wacker Thun anstand. Pfadis Linkshänder Julian Krieg und Marco Kurth waren verletzt. Im Alter von 41 Jahren gab Cho in der höchsten Landesliga deshalb sein Comeback, auf das man in Thun zunächst ungläubig reagierte. Bei Pfadis Startsieg in der Eulachhalle trug er bemerkenswerte vier Tore bei, in Spiel Nummer 2 war es noch eines. Dann gab er verletzt forfait, Pfadi verlor die Serie letztlich 1:3.

Vor diesem Blitzcomeback gegen Thun war er Assistenztrainer des südkoreanischen Nationalteams und Trainer einer Firmenmannschaft in der Nähe von Seoul gewesen. Eigentlich hätte er im Sommer 2010 als spielender Assistenztrainer zu Pfadi zurückkehren sollen, sagte dann aber kurzfristig ab, um in Südkorea zu arbeiten.

«Wir wollten etwas holen»

Im Sommer 2012 verstärkte er den Erstligisten Seen Tigers, im Herbst wurde er auch gleich deren Trainer. Ende Saison zog er von dannen, um mit Südkoreas Handballerinnen an den Spielen 2016 eine Medaille zu gewinnen. «Eigentlich wäre ich ja sehr gerne in der Schweiz geblieben», blickte er zurück. «Aber wir wollten in Rio mit dem Nationalteam etwas holen.»

Er wurde Assistenztrainer von Young Chul Lim, dem Mann, der Südkoreas Männer und damit auch Cho 1992 in Barcelona gecoacht hatte. Mit Lim gewannen die Südkoreanerinnen in Athen und Peking Silber beziehungsweise Bronze. Dann übernahm Jae-Won Kang das Zepter. Der ehemalige Meistermacher von Pfadi, der beste Handballer, der je in der Schweiz aufgetreten ist und als Spieler der Mentor von Cho war, verpasste in London mit Platz 4 die Medaillen knapp.

Für Lim sei nun das (hohe) Ziel in Rio klar gewesen: «Gold», erklärt Cho, «das hat er noch nicht.» Danach sieht es, nach zwei Niederlagen in den ersten beiden Spielen, allerdings nicht aus. «Schlecht», sagte Cho nur, als er gestern nach dem 28:31 gegen Schweden die Future Arena verliess.

Seit über drei Jahren ist Cho im Projekt involviert. Wahrscheinlich kehrt er nach Rio für eine Woche nach Südkorea zurück. Dann reist er weiter Richtung Winterthur. Was er nach Olympia 2016 im Handball macht? «Ich habe keinen Plan», sagt der 45-Jährige. «Vielleicht komme ich wieder heim in die Schweiz, nach Winterthur zu meiner Familie.» Längerfristig natürlich. Nicht nur für «vier oder fünf Wochen», die er zuletzt jährlich auf Besuch war. Die Seen Tigers, so bemerkt deren Präsident Christoph Meili, würden ihn jedenfalls gerne wieder aufnehmen. Wahrscheinlich nicht nur sie. (landbote.ch)

Erstellt: 09.08.2016, 13:47 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Landboten digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!