Playoff-Final

Vom Meistermacher zum Chef

Pfadi und Wacker Thun kämpfen dieser Tage um den Meistertitel. Einer, der schon für beide Klubs spielte, ist Chi-Hyo Cho – ehemaliger Weltklasse-Handballer aus Südkorea.

Chi-Hyo Cho zurück in der Schweizer Heimat.

Chi-Hyo Cho zurück in der Schweizer Heimat. Bild: pd

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Arbeitsklima scheint zu passen. Chi-Hyo Cho lacht viel und laut, als er von alten und neuen Zeiten erzählt. Keinen um ihn herum im Job störts. Denn der grossartige Handballer aus Südkorea, der einen neuen Beruf gefunden hat, ist alleine. «Ich bin der Chef – und der Lagerarbeiter. Ich muss alles selbst erledigen», erklärt er. «Schön ruhig» sei es. Manchmal kommen Kunden vorbei, manchmal beliefert er Restaurants, aber die meisten Geschäfte wickeln sich online ab.

Seit drei Monaten führt der 47-Jährige ein eigenes Geschäft in Otelfingen. Auf Mininemart.com lassen sich koreanische Lebensmittel kaufen, die er aus seineralten Heimat importiert hat. «Es läuft allmählich an, Schritt für Schritt», sagt er zu den Fortschritten seines Business. Ein Jahr lang habe er zuvor «nichts gemacht», erklärt er. «Das ging so nicht weiter, ich musste wieder etwas tun.»

Die enttäuschenden Frauen

In jenem Jahr auch hielt er sich von Handballhallen fern, um seinen letzten Job im Sport zu verdauen. «Diese Frauen haben mich sehr enttäuscht», betont er. «Wir haben doch so viel trainiert und dann ist es auf dem Feld so schlecht gelaufen.» Von 2013 bis nach den Olympischen Spielen 2016 in Rio amtete Cho als Assistenztrainer der Südkoreanerinnen. Diese waren mit dem Projekt Gold in Rio gestartet, aber dann verpassten sie sogar die Viertelfinals. Ende 2016 kehrte Cho nach Winterthur zurück, «heim», wie er mal sagte, zu seiner Frau und den drei Töchtern.

Besuch von «Wacki»

Mit Jae-Won Kang, seinem einstigen Mentor bei Pfadi, habe er momentan keinen Kontakt. Kang hatte 2012 in London Südkoreas Olympia-Handballerinnen auf Platz 4 gecoacht und nach dem missglückten Rio-Abstecher das Nationalteam nochmals ein paar Monate geführt. «Jetzt kommt schon wieder ein Neuer», sagt Cho zu den Trainerwechseln in Südkoreas Frauenteam.

Einen Weggefährten aus alten Tagen trifft Cho hingegen immer wieder: Suik-Hyung Lee, einst überragender Torhüter von Wacker Thun, «Suki» genannt, was man in Thun liebevoll in «Wacki» umtaufte. «Er ist schon zweimal bei mir im Geschäft vorbeigekommen», sagt Cho. «Wacki» wohnt noch immer in Thun. «Er hütet Kinder und seine Frau arbeitet. Es ist nicht so schlecht für ihn, wenn sie so viel Geld verdient, dass er zu Hause bleiben kann», scherzt Cho.

Weg von Winterthur

Seit einem Jahr wohnt die Familie Cho in Dielsdorf und nicht mehr in Winterthur. Seine Frau arbeitet schon seit längerem in Dietikon, die beiden älteren Töchter besuchen in Zürich die Universität, die jüngste geht in die Sekundarschule.

1994 liess sich Cho in Winterthur nieder. Seine Familie blieb hier, auch wenn er vor acht Jahren sowie von 2013 bis 2016 die meiste Zeit im Frauen-Handball in Südkorea beschäftigt war.

«Von null auf hundert»

2009, nach Vertragsende beim Bundesligisten Balingen-Weilstetten, schloss Cho seine Profikarriere ab. Aber nicht als Handballer. Drei Comebacks gab er in Winterthur: 2012 für Pfadi sowie 2012 und 2018 für die Seen Tigers.

Für Aufsehen sorgte vor allem das erste: Im Mai 2012 stand der Playoff-Halbfinal gegen Wacker Thun an. Pfadis Linkshänder Julian Krieg und Marco Kurth waren verletzt. Und so half Cho, damals 41-jährig, aus. Wacker reagierte zunächst ungläubig auf die Ankündigung. Aber dann stand er tatsächlich im Pfadi-Dress in der Eulachhalle und trug zum Startsieg bemerkenswerte vier Tore bei. In Spiel Nummer 2 in Thun war es noch eines. Dann gab er verletzt Forfait. Pfadi verlor die Serie letztlich 1:3. «Das war von null auf hundert», erinnert sich Cho an jenen Einsatz.

Gleiches sagt er über den Match vor 13 Tagen: Im Hinspiel um den Aufstieg in die Nationalliga B trat er, mittlerweile 47-jährig, in Emmen für die Seen Tigers an. Die Lizenz war kurzfristig gelöst worden. Gebracht hat es nichts, das Spiel ging 25:33 verloren. «Ich habe es wenigstens versucht», lächelt Cho. «Das Knie schmerzt . . . Aber die Täuschungen und die Pässe funktionieren noch.»

Weil aus dem erhofften Aufstieg nichts wurde, wird Chi-Hyo Cho diesen Sommer ein Erstligateam übernehmen. Christoph Meili, in dessen Funktion als Tigers-Präsident, habe ihm vor längerem mal telefoniert und gefragt, was er so mache und wo er sei. «In der Schweiz», antwortete Cho. Das war der Anfang seines neuen Trainerjobs.

«Wann war das letzte Mal?»

Cho ist neben Matthias Zumstein vielleicht der einzige Handballer, der sowohl für Pfadi als auch für Wacker gespielt hat. Er hat immer wieder betont, wie gut es ihm und seiner Familie im Berner Oberland – «diese schönen Berge, der See und die Stadt» – gefallen habe. Weil Wacker damals finanzielle Probleme hatte, zog er mitten in der Saison zu Balingen-Weilstetten.

Gerne erinnert sich Cho an die grosse Epoche mit Pfadi, an seine Titelserien von 1996 bis 1998 und 2002 bis 2004. Zuerst an der Seite von Kang, dann mit Won-Chul Paek sorgte er für jenen südkoreanischen Wirbel, der Spektakel und Erfolge garantierte. «Es war eine sehr gute Zeit mit vielenZuschauern», blickt er zurück.

Das aktuelle Pfadi-Team hat er an Trainings schon gesehen. «Sie spielen schnell, mit viel Bewegung», lobt er. Das gefällt einem wie ihm, der einen ähnlichen Stil pflegte. Er hofft, dass die Pfader den Titel holen. «Jetzt müssen sie endlich wieder Meister werden.» Und ergänzt: «Wann genau war das letzte Mal?» 2004, in seinem letzten Jahr mit Pfadi. «Was?!», entfährt es ihm. «Wirklich schon so lange her? . . .»

Noch hat er keinen Match des Playoff-Finals seiner ehemaligen Klubs gesehen. «Wann ist denn das nächste Spiel in Winterthur?», fragt er. Am Montag – wie anno 2003 in der Deutweg-Eishalle. «Eigentlich könnte ich ja gehen. Stimmt. Wenn ich sonst nichts vorhabe.» (Der Landbote)

Erstellt: 17.05.2018, 22:50 Uhr

Chi-Hyo Cho

Acht Titel in zehn Jahren

Seine Laufbahn ist beachtlich – zumal für einen Handballer, der in der Schweiz antrat: Chi-Hyo Cho gewann in der NLA acht Meistertitel, trat an drei Olympischen Spielen und vier Weltmeisterschaften an. 1992 an Olympia in Barcelona belegte der flinke, wurfstarke Linkshänder mit Südkorea Platz 6. Hinter dem legendären Talant Duischebajew war er zweitbester Skorer, und er wurde als rechter Aufbauer ins All-Star-Team gewählt. Auch privat brachte ihm Barcelona 1992 Glück: Im Trainingslager der beiden Nationalteams lernte er seine Frau Hye-Sook Min kennen, eine Kreisläuferin, die anschliessend mit Südkorea Gold gewann.

In Winterthur gewöhnte sich Cho zuerst bei Yellow an, ab 1995 spielte er für Pfadi, den damals dominierenden Schweizer Klubs. Sechs Meistertitel von 1996 bis 2004 waren seine Ausbeute. Bei den Kadetten reihte er zwei weitere an. 2006 stiess er zu Wacker Thun, zog aber nach einem halben Jahr zum Bundesligisten Balingen-Weilstetten weiter, bei dem er 2009 seine Karriere beendete. Im Sommer 2012 verstärkte er den Erstligisten Seen Tigers, im Herbst wurde er auch gleich dessen Trainer. ­Ende Saison zog er von dannen, um mit Südkoreas Frauen 2016 eine Olympiamedaille zu holen – woraus aber nichts wurde.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitagmorgen Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!