In Gedanken ist sie immer beim Gewicht

Salome Lang springt seit diesem Jahr auf Rekordhöhen. Die 22-jährige Baslerin focht dafür einen Riesenkampf mit sich aus, und Dauerthema ist das Essen.

Als «sehr kräftige» Hochspringerin sieht sich Salome Lang (22) – doch zu viele Muskeln können ein Nachteil sein. Foto: Helge Prang (Picture Alliance)

Als «sehr kräftige» Hochspringerin sieht sich Salome Lang (22) – doch zu viele Muskeln können ein Nachteil sein. Foto: Helge Prang (Picture Alliance)

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Die erste Antwort ist kürzestmöglich: immer. Und weil sie so bündig ist, wiederholt sie Salome Lang gleich noch einmal: immer.

Die 22-jährige Baslerin hat «immer» daran geglaubt, dass sie einst Höhen von 1,90 m überspringen kann. Wenigstens seit vier Jahren, fügt sie dann doch noch an und lacht. Damals wurde sie mit 1,87 m nationale Meisterin, «mitten in allem drin, im Gymi, in der Selbstfindungsphase». Deshalb sei es für sie klar gewesen, dass es noch höher gehen könne, wenn sie einmal mehr Zeit für ihre Leidenschaft habe. Salome Lang ist seit Jahren die beste Hochspringerin der Schweiz, und seit Ende Januar ist sie auch Rekordhalterin: Mit 1,93 m tilgte sie an einem international gut besetzten Meeting in Karlsruhe die 28 Jahre alte Hallen-Bestleistung von Corinne Müller (1,92), gewann am vergangenen Wochenende zwei weitere Wettkämpfe in Deutschland und dankte nachher ihrem Trainer auf Facebook auf rührende Weise. In neun Jahren hat sie sich unter der Anleitung von Alain Wisslé um einen halben Meter gesteigert.

Die gnadenlose Schwerkraft

Wenn Lang über ihre Leistungen spricht, tut sie es sehr selbstbewusst und offen. Nicht ganz unerwartet seien ihr diese gelungen, überraschend seien eher die Konstanz und das hohe Niveau, auf dem sie sich habe stabilisieren können, sagt sie. Gleich mehrmals sind ihr in den vergangenen Wochen Sprünge über 1,90 m geglückt, die Zufriedenheit ist ihr anzusehen. «Ich bin erleichtert, dass ich die Trainings umsetzen kann», sagt sie. Nur gradlinig ist ihr Aufstieg allerdings nicht verlaufen und ihre Erleichterung auch vor diesem Hintergrund zu sehen. Als sich im Herbst 2017 ein schnell diagnostizierter Hexenschuss als Bandscheibenvorfall herausstellte, wurde aus einer mehrwöchigen eine mehrmonatige Pause. Lang verpasste 2018 alle Wettkämpfe und konzentrierte sich in dieser Zeit auf ihr Betriebswirtschaftsstudium in St. Gallen. «Seit ich wieder gesund bin, steht aber klar der Sport im Vordergrund, das Studium plane ich um die Trainings herum», sagt sie.

«Ich bin erleichtert, dass ich die Trainings umsetzen kann»Salome Lang

Lang, 1,80 m gross und 65 kg schwer, ist eine polysportive Athletin, die es auch einmal mit den Hürdensprinterinnen aufnimmt. Die Beweglichkeit, die es über den Hürden braucht, kommt ihr auch beim Springen zugute. Und sie sagt von sich, sie sei «sehr kräftig, was im Hochsprung Vorteil und Nachteil ist». In ihrem Fall bedeutet das, dass sie darauf achten muss, dass sie im Krafttraining nicht zu viele Muskeln ansetze und damit an Gewicht zulege.

Lang springt dieses Jahr hoch, sehr hoch. (Bild: Keystone)

Überhaupt: das Gewicht. Bei den Leichtathleten ist es ein Dauerthema, insbesondere natürlich bei den Mittel- und Langstreckenläufern sowie – den Hochspringern. Sie sind dem physikalischen Gesetz der Schwerkraft gnadenlos unterworfen und dauernd auf der Suche nach dem idealen Kraft-­Masse-Verhältnis. Lang sagt: «Das Gewicht ist omnipräsent, bei Trainingszusammenzügen beispielsweise merkt man am Tisch schnell, wer Diät hält.» Zwei Kilo mehr oder weniger seien dann halt schon sichtbar, «in unseren engen Dresses sind wir sehr ausgestellt».

«Dieser Riesenkampf im Kopf kostete mich so viel mentale Energie»

Sie hat in jüngeren Jahren diesbezüglich schwierige Phasen durchgemacht, in denen sie «streng auf das Gewicht achten musste». Das hat zu Problemen geführt, «weil es das dominante Thema war. Ich konzentrierte mich mehr darauf als auf den Hochsprung», sagt Lang. Das wirkliche Problem war aber weder das Essen noch das Gewicht – es war die fehlende Energie. «Dieser Riesenkampf im Kopf kostete mich so viel mentale Energie, die mir dann im Sport fehlte», erinnert sie sich. Aufgefallen ist das zuerst ihrem Freund, der sie dann darauf aufmerksam machte und zu einem Ernährungsberater riet.

Immer häufiger dürfte sie mit ihren Leistungen an grösseren Meetings oder selbst in der Diamond League antreten.

«Ich habe mich nicht gegen diese Beratung gewehrt, ich sah darin sogar ein Potenzial», sagt Lang, deren positive Grundhaltung schnell auffällt. Ihr Trainer hat sie in dieser Zeit immer unterstützt, «im Detail hat er aber nicht mitbekommen, was ich zu Hause mache».

Mithilfe eines Ernährungsberaters und eines Mentaltrainers hat Lang den Dauerstress abbauen können, das Problem in den Griff gekriegt und ein natürliches Verhältnis zu ihrem Körper bekommen. Natürlich achte sie noch immer auf die Kilos, mittlerweile zählt aber auch ein Schokoladenhersteller zu ihren Sponsoren. Sie lacht und formuliert den Sinneswandel so: «Von einem kleinen Stück nehme ich ja nicht gleich zwei Kilo zu.»

Dass ihr im Wettkampf aber noch andere Faktoren als das Gewicht weiterhelfen, hat Lang erstmals im letzten Sommer bei Athletissima in Lausanne und jetzt wieder in Karlsruhe erlebt. Immer häufiger dürfte sie mit ihren Leistungen an grösseren Meetings oder selbst in der Diamond League antreten, «und ich merke, wenn ich da einigermassen mithalten kann, pusht mich das enorm», sagt sie.

Mental sehr belastbar

Eine neue Erfahrung an solchen Veranstaltungen ist allerdings auch, dass sie meist als Erste ausscheidet, «bei den nationalen Wettkämpfen war ich in den vergangenen Jahren ja fast immer die Letzte, die noch am Springen war». Störend wirkt diese Umstellung aber nicht. Lang beschreibt sich heute als «sehr belastbar, körperlich und mental».

«Von einem kleinen Stück nehme ich ja nicht gleich zwei Kilo zu»Salome Lang

Mit ihr gewachsen ist ihr Trainer, der hauptberuflich Lehrer ist und im Nebenamt Chefcoach des nordwestschweizerischen Leistungszentrums in Basel. Auch nach neun Jahren Arbeit mit Wisslé glaubt Lang, dass er sie noch weiter bringen kann. «Er ist sehr offen, hört sich die Meinung anderer an und pickt sich zusammen, was zum Erfolg führen könnte», sagt sie.

Und fügt an, dass sie nun auch in einem Alter sei, in dem sie mitreden könne. Und auch mitzahlen. Einen kleinen Teil seines Lohns tragen sie und ihr Club Old Boys Basel. Auf dass er ihr grosses Potenzial weiter zum Fliegen bringt.

Erstellt: 15.02.2020, 07:04 Uhr

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