Segeln

Der Wind lockt

Der Winterthurer Christian Scherrer, America's-Cup-Sieger von 2003, ist an Land viel beschäftigt und segelt auf See mitunter auf dem «Schiff, aus dem die Träume sind».

Immer noch viel unterwegs: Christian Scherrer im Hafen von Palma de Mallorca.

Immer noch viel unterwegs: Christian Scherrer im Hafen von Palma de Mallorca. Bild: PD

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Eine Stunde dauert die Fahrt von Cagliaris Flughafen nach Villasimius, einem dieser vielen schönen Ecken Sardiniens. Weder die Strände noch die Kulinarik locken Christian Scherrer hierher. Sondern der Wind. Als Manager der GC32-Racing-Tour trifft er sich mit lokalen Behörden und Sponsoren, führt Sitzungen und bereitet die Rennen dieser Katamarane aus Carbon vor, die auf Foils mit mehr als 70 Stundenkilometern übers Wasser fliegen. 2019 sind Regatten vor Lagos in Portugal, vor Palma de Mallorca, auf dem Gardasee und, eben, vor Villasimius angesetzt.

Seit 2016 organisiert Scherrer die GC32-Regattaserie. «Meine Hauptaufgabe», sagt er. Zudem ist er als Mitbegründer der Bluboats GmbH unterwegs. Und drittens «als Christian Scherrer», als Segler, Berater und Fachmann.

Am Montag flog Scherrer nach Cagliari, gestern Mittwoch landet er wieder in der Schweiz. Die Woche davor verbrachte er in Spanien. Bei San Pedro del Pinata, in der Nähe von Murcia, begutachtete er ein Binnengewässer, «das potenziell für einen Anlass infrage kommt». Zudem besuchte er das englische America’s-Cup-Team, das auf den GC32 für den Cup trainiert. Und gewissermassen im Vorbeiweg schaute er in Alicante im Hauptsitz des «Volvo Ocean Race» vorbei. Diese legendäre Regatta rund um die Welt, bei der er vor 26 Jahren seine Karriere startete, wird neu strukturiert. «Ich war dort, um herauszufinden, was die Neuigkeiten sind und welche Optionen bestehen, um ein Team an den Start zu bringen.» Die letzten Tage im März hielt er sich als Coach am Gardasee auf, wo Bluboats ein Regattatraining für die Blu26 durchführte, für diese schnellen, acht Meter langen Sportboote, die Scherrer mitentwickelt hat.

«Ich bin immer etwas unterwegs», lächelt der 49-Jährige. Am vergangenen Wochenende wäre der Blu26-Cup in Lugano angestanden, ursprünglich wollte er mitsegeln. «Denn dazu komme ich in letzter Zeit zu wenig», sagt er. «Dann aber haben wir ein Familien-Wochenende eingeschaltet.» Er kümmerte sich um die bald zweijährige Tochter «und um all die Sachen, die sonst meine Frau für uns macht. Es war lässig und hat gut getan.»

Die grossen Boote

Auf dem Untersee vor dem Haus der Grosseltern in Steckborn hatte der Winterthurer, der im Breitequartier aufgewachsen ist, seine ersten Wenden versucht. Mit 21 entschied er, «den Segelsport zu meinem Beruf zu machen». Das «Whitbread Round the World Race» an Bord der «Merit Cup» gab ihm die Möglichkeit dazu. Gleichzeitig liess er sich in England zum Segelmacher ausbilden. Es zog ihn auf grosse Boote und an grosse Events, wie namhafte Offshore-Regatten oder den America’s Cup, an dem er viermal teilnahm und den er 2003 als Teammitglied des Schweizer Syndikats Alinghi gewann. Mittlerweile ist er in der Schweiz schon lange einer der Grossen dieses Sports. Eigentlich fehlt ihm nur eine Erfahrung als Segler, jene als Olympionike.

Der olympische Weg

Nur einmal am Rande waren Olympische Spiele für ihn ein Thema: Zusammen mit Flavio Marazzi zog er einen Start im Starboot in Betracht. «Doch es hat sich am Ende nicht ergeben», bemerkt Scherrer. Den Weg zurück von Yachten auf olympische Boote wollte er nicht mehr gehen, wobei er einräumt: «Sportlich ist beides gleichwertig. Es braucht viel Zeit, Trainings und Entbehrungen – ob man nun an Olympischen Spielen oder am America’s Cup starten will.»

«In olympischen Bootsklassen war es vor allem damals schwierig, Geld zu verdienen», sagt Scherrer, der einst ausgezogen war, um Profisegler zu werden. «Inzwischen sind die Voraussetzungen besser als noch vor zehn, zwanzig Jahren.» Der Schweizer Verband habe die Strukturen zur Unterstützung der Segler verbessert und bemühe sich weiterhin darum, dies zu tun.

Vor einem Jahr trat er dem Verwaltungsrat des Swiss-Sailing-Teams, der Elite-Organisation des nationalen Segelsports, bei. In beratender Funktion will er «mithelfen, dass die Schweiz olympisch gut unterwegs ist. Ausserdem kann ich so die Jungen motivieren und dem Segelsport etwas zurückgeben». Er sieht sich als einen, der «etwas ausserhalb steht und Inputs und Ideen gibt». Für die Spiele 2020 in Tokio ist er zuversichtlich: «Wir sind recht gut aufgestellt, so gut wie schon lange nicht mehr. Ich bin gespannt darauf, was kommt.»

Scherrers olympische Welt beschränkte sich bisher aufs Studio Leutschenbach. Von dort aus kommentierte er fürs Schweizer Fernsehen die Segelwettbewerbe 2008, 2012 und 2016. Im nächsten Jahr steht Tokio an. «Ich bin bis jetzt noch nicht angefragt worden», sagt er zu diesem Nebenjob. «Aber ich habe auch noch nichts anderes gehört und würde mich wieder freuen, die Rennen zu kommentieren.» Er wird wohl nicht nach Japan reisen, sondern sich wieder in Zürich hinters Mikrofon setzen. 2024 könnte er seine späte olympische Premiere erleben, dann wird vor Marseille gesegelt.

Das traumhafte Schiff

Bis 2010 bestand der berufliche Teil seines Lebens weitestgehend aus Segeln, ehe «der fliessende Übergang» zum Organisator und Berater folgte. Weiterhin beteiligt er sich als Trimmer, als einer, der die Segelstellung optimiert, auf Superjachten an Regatten. Besonders die J-Klasse mit Replikas von Jachten, die in den Dreissiger Jahren den America’s Cup bestritten, hat es ihm angetan. «Ein Schiff, aus dem die Träume sind», schwärmt Scherrer.

Knapp 40 Seeleute sind an Bord eines Bootes der J-Klasse, die in der modernen Version «mehr zum Ausfahren als zum Regattieren gebaut worden sind. Aber ab und zu wollen die Eigner auch mal Regatten segeln. Und dafür stellen sie Leute mit Erfahrung ein, die wissen, wie man ein Segelschiff mit 200 Tonnen und 50 Metern Länge bewegen kann.» Leute wie ihn. Wer sein Auftraggeber ist, verrät er nicht. Nur so viel: «Das sind alles wohlhabende Personen mit einer grossen Leidenschaft für den Segelsport.»

Der «Lucky Punch» am See

2015 zogen er und seine Frau von Zürich nach Uerikon. Hin zum Wasser. «Eigentlich bin ich ja wie ein Seebube aufgewachsen», erklärt er. Jedes Wochenende, die ganzen Sommerferien, hat er am Untersee verbracht: «Vor der Haustüre lag das Schiff an der Boje. Segeln, Rudern, Surfen. Es war der Hammer.»

Wen wunderts, dass er seinen jetzigen Wohnort als «Lucky Punch» beschreibt. «Es gefällt uns sehr gut, die Nähe zum See.» Falls die Tochter «mal mit Segeln anfangen will, dann schauen wir uns nach einem Club in der Nähe um», sagt der Vater. «Wenn sie nicht will, soll sich einen anderen Sport suchen. Hauptsache, sie bewegt sich und hat Spass.»

Ein Boot in Uerikon hat er nicht. «Ich bin viel fort. Da macht so etwas relativ wenig Sinn. Ausserdem bin ich auch gerne an Land und in den Bergen», sagt der Weltumrunder und America’s-Cup-Gewinner und gibt zu: «Auf dem Zürichsee oder Untersee bin ich seit einer Ewigkeit nicht mehr selbst gesegelt.» (landbote.ch)

Erstellt: 17.04.2019, 20:56 Uhr

Christian Scherrer

Segler, Berater und Manager

1991 machte Christian Scherrer das Segeln zum Beruf, zwei Jahre später bestritt er auf der Merit von Pierre Fehlmann das «Whitbread Round the World Race». 1994 vor San Diego gab er als Segelmacher mit dem Team One Australia sein Debüt am America’s Cup, drei weitere Teilnahmen folgten bis 2007, inklusive jene am America’s Cup 2003 vor Auckland, als der Trimmer mit Alinghi diese wichtigste Trophäe seines Sports gewann. 2003 lancierte er zusammen mit Roni Pieper das St. Moritz Match Race, dessen OK-Präsident er später bis 2011 war. 2006 gründete er mit Jachtdesigner Christian Bolinger die Bluboats GmbH. 2006 und 2008 wurde er Match-Race-Weltmeister. 2013 erkor ihn Swiss Sailing angesichts seiner Verdienste zum «Segler des Jahres». Seit 2016 arbeitet er als Tour Manager der GC32-Regattaserie, seit dem America’s Cup 2007 ist er der Segelexperte des Schweizer Fernsehens, seit einem Jahr sitzt er im Verwaltungsrat des Swiss-Sailing-Teams. Immer wieder hält er Vorträge zu den Themen Leadership und Team Coaching. Diesen Februar in Bern moderierte er zum dritten Mal die «Swiss Sailing Awards». Als «Selbstständigerwerbenden» bezeichnet er sich und als «Segler, Berater und Manager».

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