Ist das nicht der Skispringer?

Hält Primoz Roglic bis Sonntag durch, wird man ihn künftig als Vuelta-Sieger statt nur als Sportarten-Umsteiger kennen.

Auf dem Weg zum grössten Sieg seiner Karriere: Der 29-jährige Slowene Primoz Roglic. Foto: Getty Images

Auf dem Weg zum grössten Sieg seiner Karriere: Der 29-jährige Slowene Primoz Roglic. Foto: Getty Images

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Primoz Roglics Vuelta schien ­vorbei, bevor er erstmals das Ziel gesehen hatte. Beim Team­zeitfahren zum Rennauftakt vor zweieinhalb Wochen lag wegen eines leckenden Wasserschlauchs urplötzlich die halbe Mannschaft von Jumbo-Visma am Boden. Statt mit der Bestzeit zu starten, begann der Slowene die dreiwöchige Rundfahrt mit einer Hypothek von 40 Sekunden.

Rundfahrten gingen schon mit kleineren Differenzen verloren. Diese Vuelta gehört wohl nicht dazu. Dafür erscheint Roglic schlicht zu stark, zu souverän. Im Nachhinein war der Teamsturz gar zu seinem Vorteil: Mit Steven Kruijswijk verletzte sich der zweite Leader im Aufgebot von Jumbo-Visma und musste wenig später das Rennen aufgeben. Die Chefrolle war damit klar.

Dominanz dank Zeitfahren

Zumal Roglic bei jeder Bergetappe mit den Besten mitfuhr, und die Rennkontrolle beim Einzelzeitfahren der 10. Etappe vollends übernahm. Die 36 Kilo­meter wurden zur Machtdemonstration, zum Beweis der Überlegenheit, die Roglic in dieser Disziplin gegenüber seinen Vuelta-Konkurrenten hat. Er distanzierte sie um 1:30 bis 3 Minuten.

Fortan hätte er sich aufs Verwalten des Vorsprungs konzentrieren können. Doch dafür fühlte er sich in den folgenden Bergetappen zu gut. Wenn einer seiner Herausforderer angriff, war der Mann im roten Leadertrikot meist der Erste, der reagierte – und so weitere Sekunden auf die übrigen Gegner gutmachte.

Ein Grand-Tour-Sieger, der einst ein vielversprechender Skispringer war – in der Kategorie wäre er sehr alleine.

Mit 2:24 Minuten Vorsprung auf Nairo Quintana startet Roglic heute zur vorletzten Berg­etappe. Bleibt er da so souverän wie bisher, wird er in Madrid den grössten Sieg seiner Karriere ­feiern.

Ein Grand-Tour-Sieg ist nur ganz wenigen vorbehalten. Und ein Grand-Tour-Sieger, der einst ein vielversprechender Skispringer war – in der Kategorie wäre er sehr alleine. Und könnte damit auch das hartnäckige Etikett abstreifen. In Radsportkreisen wurde die Anekdote in den letzten zwei Jahren, als Roglic längst kleine Rundfahrten in Serie gewann, zum Running Gag, wurde gefragt: Roglic – ist das nicht der ehemalige Skispringer?

Aber eben: Bis aus dem ehemaligen Skispringer ein Grand-Tour-Sieger wird, muss Roglic noch bis Sonntag durchhalten. Die Aufgabe ist nicht ohne, wie sich gestern zeigte. Auf dem Papier schauten die knapp 220 Kilometer nach Guadalajara sehr unspektakulär aus. Keine Berge, keine nennenswerte Schwierigkeiten. Einzig die Warnung der Meteorologen sorgte für etwas Unruhe am Start: starker Wind!

Der Wind sorgt für Wirbel

Dass dieser Wind aber für derart viel Wirbel sorgen würde, hatten sich die wenigsten vorgestellt. Jedenfalls nicht die Kandidaten für den Gesamtsieg. Als nach drei Kilometern 40 Fahrer im Seitenwind angriffen, konnten sie nur zuschauen – und wussten bald nicht mehr, wie ihnen geschah. Denn da waren zwar hauptsächlich die physisch starken Classiques-Fahrer und andere tempofeste Athleten, die davonbrausten. Aber zwischen all die Brocken hatten sich auch drei Konkurrenten fürs Gesamtklassement geschmuggelt, allen voran Quintana. Der Kolumbianer machte so viel Zeit gut, mit den grossen Kalibern im Wind mitsegelnd.

Aus einer Minute wurden zwei, drei, vier und fünf, kurzzeitig gar sechs – womit Quintana, der in den Bergen wiederholt Zeit eingebüsst hatte und damit auf Rang 6 abgerutscht war, plötzlich weniger als zwei Minuten auf Roglic fehlten.

So verrückt war die Etappe

Ob in dem Moment auch etwas Panik beim Slowenen und seiner niederländischen Equipe aufkam? Hätte nicht das Team Astana den Anspruch gehabt, die Position seines Leaders Miguel Angel Lopez durch alle Böden zu verteidigen, Roglic hätte das rote Trikot vielleicht gar an Quintana abgeben müssen.

Die 17. Etappe in Kurzform. Video: AP

Wie verrückt die Etappe war, zeigen die Zahlen im Ziel: Die Fahrer brauchten gerade einmal 4:20 Stunden für die 219 Kilo­meter, macht ein Mittel von 50,6 km/h. Der Tagessieg ging an Philippe Gilbert. Das passte: Sein Team Deceuninck-Quickstep hatte die Offensive initiiert – und sie mit nicht weniger als sieben Fahrern auch bestimmt.

Ihr Vorteil ist, dass sie mit dem Etappensieg ihr grosses Ziel erreichten und es heute etwas ruhiger angehen lassen können. Anders die Klassementsfahrer, denen ein Test über vier Pässe bevorsteht. Durchaus möglich, dass sich die Windstrapazen erst heute richtig auswirken.

Erstellt: 12.09.2019, 09:26 Uhr

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