Rudern

Die Feuer trieben Gmelin zurück

Jeannine Gmelin, die Skiff-Weltmeisterin von 2017, hat sich mit dem Entscheid schwer getan, ihr Trainingslager in Australien abzubrechen.

Statt in Australien bereitet sich Jeannine Gmelin nun wieder in Europa auf die Olympiasaison vor.

Statt in Australien bereitet sich Jeannine Gmelin nun wieder in Europa auf die Olympiasaison vor. Bild: Samuel Büttler

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Nicht jedes Projekt lässt sich exakt wie geplant umsetzen. Darum heisst es für Jeannine Gmelin jetzt: Italien statt Australien, Lago di Varese statt Penrith bei Sydney. Die Bedingungen in der Lombardei sind gut. Die Sonne scheint häufig, die Temperaturen klettern ab und zu über zehn Grad. Und was für eine Profiruderin zentral ist, «der See war bisher immer spiegelglatt», sagt die Ustermerin. Drei Trainings absolviert sie täglich. Das ist normal in dieser Phase der Vorbereitung, die durch lange und harte Einheiten geprägt ist.

Am 20. Januar kehrt die Weltmeisterin von 2017 in die Schweiz zurück. Zwei Tage später als ursprünglich geplant. Allerdings hatte Gmelin sowieso vor, bis am 18. Januar in Australien zu trainieren. In Down Under wollte sie dem europäischen Winter entfliehen, wollte zusammen mit Trainer Robin Dowell spezifische Dinge für die Olympischen Spiele in Tokio ausprobieren – wie etwa das Entwickeln von Kühlstrategien. Die verheerenden Buschfeuer waren letztlich aber dafür ausschlaggebend, dass Gmelin ihren Aufenthalt in Australien vorzeitig beendete. Schweren Herzens, wie sie sagt. Mit etwas Abstand aber ist die Profiruderin überzeugt: «Es war der richtige Entscheid.»

Zweifel vor der Abreise

Seit Monaten wüten die Buschfeuer in Australien nun schon. Eine Fläche doppelt so gross wie Belgien ist mittlerweile zerstört. Über 20 Menschen haben ihr Leben verloren. Besonders betroffen: New South Wales, der Bundesstaat im Südosten des Landes. Der Bundesstaat, in dem Gmelins erste Trainingsbasis Penrith lag. Zu Beginn merkte die Sportlerin kaum etwas vom Rauch. Doch nach rund zwei Wochen änderte sich das. Nun war auch in den Blue Mountains, rund 20 Minuten entfernt von Penrith, ein grosser Waldbrand ausgebrochen. Die Luftqualität verschlechterte sich. Gmelin verspürte ein Kratzen im Hals, die Augen tränten. Ihre Nase lief, gleichzeitig aber war sie auch verstopft. «Ich fühlte mich, als wäre ich krank.»

An Rudereinheiten auf dem Wasser war in solchen Momenten nicht mehr zu denken, die 29-Jährige musste das Training nach drinnen verlegen. So zu arbeiten war längerfristig keine Option. Deshalb entschieden sich Gmelin und Dowell Mitte Dezember für einen Ortswechsel. Sie verlegten ihre Basis ins rund 450 Kilometer südwestlich gelegene Jindabyne in den Snowy Mountains – in der Hoffnung auf bessere Bedingungen. Die Luftqualität war zu Beginn gut. Bald aber war auch hier der Rauch da, der nächste Wechsel unausweichlich. Zwei weitere Optionen fasste Gmelin ins Auge – Melbourne und Neuseeland. Doch noch bevor Gmelin und Dowell nach Melbourne reisen konnten, lag da ebenfalls Rauch über der Stadt. Und in Neuseeland hatte das Duo nicht die nötigen Kontakte, um innert kurzer Frist alles auf die Beine stellen zu können.

Gmelin rang mit sich, ehe sie sich zur Rückkehr nach Europa entschied. «Es fühlte sich für mich an, wie wenn ich das Projekt, das für mich wichtig war, abbrechen würde.» Zweifel hatte die Ustermerin aber vor allem, weil sie das Gefühl hatte, die Menschen mit ihrer Abreise im Stich zu lassen. Gmelin sagt: «Es war für mich ein Schock, wie selbstverständlich gute Luft für mich ist.» Es sei ihr eingefahren, dass sie sich zuvor gar nie Gedanken darüber gemacht hatte. «In der Schweiz hat man dieses Problem nicht, in Australien betrifft es Tausende. Doch die Leute vor Ort können ihr Leben nicht unterbrechen. Sie können nicht einfach weg. Ich hatte diese Möglichkeit.»

Zweimal im Glück

In den ersten paar Tagen nach der Heimkehr beschäftigte die Sportlerin das Erlebte stark. Flammen hatte sie zwar keine gesehen, zweimal aber Glück gehabt, wie sie nachträglich feststellte. Der Vermieter der Wohnung in Penrith teilte ihr später mit, es habe Tage gegeben, an denen man wegen dem Rauch nicht auf die andere Strassenseite sehen konnte. Und Jindabyne musste nur wenige Tage nach der Abreise von Dowell und Gmelin evakuiert werden.

Zurück in Europa, war es für die Ustermerin am Anfang schwierig, die Gedanken an Australien abzustellen. Jetzt haben sich die Verhältnisse normalisiert. Die Ereignisse rücken nur ins Bewusstsein, wenn sie sich über die Situation informiert. Indem sie im Januar pro geruderten Kilometer einen Dollar spendet, setzt die Skifferin ein kleines Zeichen. Gmelin ist happy, wie gut das Training in Italien verläuft. Und hält zugleich fest, die sportlichen Auswirkungen der schwierigen Trainingsbedingungen in Australien seien gering. «Meine Bilanz fällt trotz allem positiv aus.»

Erstellt: 16.01.2020, 16:00 Uhr

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