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«Wir fühlen uns alle sehr wohl in Elgg»

Steve Guerdat ist die Weltnummer 2 der Springreiter. Sein Leben sei im Moment perfekt, sagt der 36-jährige Jurassier und erklärt, welche Bedeutung dabei sein Wohnsitz Elgg hat und weshalb er sich Sorgen um seinen Sport macht.

An den Weltreiterspielen diesen September in Tyron sprangen Steve Guerdat und Bianca zur Bronzemedaille.

An den Weltreiterspielen diesen September in Tyron sprangen Steve Guerdat und Bianca zur Bronzemedaille. Bild: Keystone

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Steve Guerdat, erleben Sie die erfolgreichste Zeit Ihrer Karriere?
Steve Guerdat: Es ist ja nicht so, dass ich jetzt zwei Mal mehr gewinne als in den letzten fünf Jahren. Ich hatte schon früher gute Saisons und durfte grosse Erfolge feiern. Aber ich erlebe tatsächlich gerade eine superschöne Zeit: Ich habe richtig Freude und Spass. Meine Pferde laufen sehr gut, wir sind immer vorne dabei und hatten viele gute Platzierungen. Es lief bei den Nationenpreisen, wir waren in vielen Grand Prix und im Weltcup an der Spitze und die Medaille bei den Weltreiterspielen macht alles noch ein bisschen besser…

Sie sind so gut beritten wie noch nie: Sie haben zurzeit sieben Pferde, die Sie auf höchstem Level einsetzen können.
Das stimmt – und ich kann diese Pferde nicht nur einsetzen, sondern habe bei jedem Start auch die Chance, zu gewinnen. Das ist ein grosser Unterschied! Früher bin ich oft an Turniere gefahren, da wusste ich schon im Voraus, dass es für uns nichts als Erfahrung zu gewinnen gibt. Jetzt habe ich jedes Mal, wenn ich die Pferde auf den Transporter lade, die Zuversicht, dass ein Sieg oder eine gute Platzierung in Reichweite liegt. Ausserdem macht es Freude und auch ein bisschen stolz, dass ich diese Pferde alle schon länger unter dem Sattel habe und sie über die vergangenen Jahre auf dieses Niveau brachte.

Eine beruhigende Situation für Sie als Reiter?
Ja sicher, aber ich habe schon mehrfach erfahren, wie schnell sich das im Springsport und mit den Tieren wieder ändern kann. Ich investiere daher viel Zeit und Aufwand in die Regeneration meiner Pferd, sie sollen sich zwischen den Turnieren gut erholen und dann wieder frisch und motiviert an den Start gehen können. Ich habe die Einsätze meiner Pferde immer schon genau geplant und ihnen regelmässige Pausen gegönnt. Aber die Planung wird einfacher, wenn ich die Einsätze auf mehrere Pferde verteilen kann.

Ist das Ihr momentanes Erfolgsgeheimnis? Dass nicht nur Sie, sondern auch die Pferde motiviert sind?
Ja, ich denke, das macht viel aus.

Welche Rolle spielt dabei Ihr Zuhause in Elgg?
Wir fühlen uns alle sehr wohl in Elgg. Nicht nur ich, sondern auch meine Mitarbeiter und vor allem meine Pferde, was sich positiv auf die Form von uns allen auswirkt. Wir haben eine gute Stimmung, alle sind mit Freude bei der Arbeit und wenn wir vom Turnier zurückkehren, können meine Pferde und ich dort die Batterien wieder aufladen. Und es ist schön, dass ich mir auf meiner eigenen Anlage alles so einrichten kann, wie es mir gefällt und wie ich es für richtig halte. Mir ist bewusst, dass ich privilegiert bin, weil ich mir das alles verwirklichen konnte. Im Moment ist mein Leben perfekt!

Sie sind der einzige Reiter, der bislang alle sechs Weltcup-Qualifikationen bestritten hat – welche Taktik steht dahinter?
Es war mein Plan sämtliche Weltcup-Springen zu bestreiten, bis ich für den Final qualifiziert bin. Der Weltcup ist mir sehr wichtig und ich habe ja genügend Pferde, um alle bisherigen Etappen bestreiten zu können.

Sie konnten den Final bisher zwei Mal gewinnen, zwei Mal waren Sie Zweiter: Weshalb ist Ihnen der Weltcup so wichtig?
Ich glaube, das führt auf meine Kindheit zurück. Wir sind noch ohne Internet-Livestreams aufgewachsen und die einzigen Springen, die wir damals am Fernseher mitverfolgen konnten, waren im Weltcup. Ich habe die Erfolge von grossen Pferden wie Jappeloup oder Milton und grossen Reitern wie den Whitakers, Willi Melliger oder Beat Mändli mitverfolgt und davon geträumt, auch einmal mitzureiten. Deshalb verspüre ich noch heute ein Kribbeln, wenn die Weltcupsaison wieder losgeht und auch der Final ist immer etwas ganz Besonderes für mich.

Gestern ist die neue Weltrangliste der Springreiter erschienen: Sie befinden sich weiterhin auf Platz 2.
Ich bin von vielen Leuten angesprochen worden, ob es nun in diesem Monat an die Spitze reicht, aber ich hatte ehrlich gesagt selber keine Ahnung. Ich kann nicht sagen, es interessiert mich nicht, natürlich wäre ich stolz, wieder die Nummer 1 zu sein. Aber ich bin weder die ganze Zeit über am Rechnen, noch habe ich das ganze Jahr über ein einziges Springen bestritten mit der Absicht, Punkte für die Weltrangliste zu sammeln. Auch die Einsätze meiner Pferde habe ich nicht danach geplant, so haben wir zum Beispiel im Oktober nach den Weltcupspringen in Oslo und Helsinki entschieden, dass Hannah eine Pause bis Ende Jahr bekommt und haben sie nicht bloss wegen der Weltranglistenpunkte auf weitere Springen mitgenommen. Nach Genf werden auch Bianca und Alamo eine Pause bekommen, egal wie viele Punkte sie dort gemacht haben. Ich ziehe meinen Plan durch, und ich weiss, wenn ich gut reite und die Resultate stimmen, habe ich eine Chance, wieder die Nummer 1 zu werden.

Es ist schon eine Leistung, sich so lange in den Top ten zu halten.
Ja, vor allem, weil immer alle gesagt haben, es sei nicht möglich, in den Top ten zu bleiben, wenn man nicht in der Global Champions Tour mitreitet. Umso mehr freut es mich und ist es für mich auch ein Stück weit eine Beruhigung, dass es trotzdem möglich ist. Zumal ich mir diesbezüglich grosse Sorgen um die Zukunft unseres Sports mache.

Wieso machen Sie sich Sorgen?
Wegen des vielen Geldes, das heute im Springsport involviert ist und das es bestimmten Leuten erlaubt, sich in solchen Turnierserien einzukaufen. Diese Reiter haben noch nie etwas auf Zweistern-Niveau gewonnen, reiten dann aber auf Fünfstern-Turnieren mit und nehmen Profisportlern die Startplätze weg. Mir persönlich ist das egal, da es zum Glück noch Alternativen gibt und ich jede Woche an einem guten Turnier reiten kann. Aber ich mache mir Sorgen, ob das in zehn Jahren auch noch so sein wird oder gewisse Organisatoren irgendwann entnervt aufgeben.

Ihr Lieblingsturnier ist der CHI Genf, der am Donnerstag beginnt.
Ja, mit Genf verbinden mich von Anfang an viele Emotionen – mit der Veranstaltung selber, aber auch mit den Menschen, die sie organisieren. Auch meine Verbindung mit dem Genfer Publikum ist seit vielen Jahren eine ganz spezielle, die Unterstützung, die ich dort erfahre, ist der Wahnsinn, einfach unglaublich. Es sind die Erinnerungen daran, die mich tragen und die mir neue Motivation geben, wenn ich es mal weniger gut läuft. Ich freue mich, dass ich am Wochenende wieder den Top-ten-Final reiten kann und werde dafür Alamo einsetzen. Im Grossen Preis vom Sonntag plane ich Bianca zu reiten.

Sie haben als Sportler praktisch alles erreicht, was man erreichen kann: Welche Wünsche haben Sie noch an die Zukunft?
Die Titelkämpfe sind das Wichtigste für mich und das wird in den nächsten Jahren so bleiben. Auch die Traditionsturniere Genf, Aachen und Calgary sind stets Höhepunkte in meiner Saisonplanung, ebenso der Weltcupfinal. Mein Bestreben, jeden Tag noch besser zu werden, ist ungebrochen und es sind die Pferde, die mich dazu motivieren. Ich habe unglaublich Spass an der Arbeit mit meinen Pferden, daran, sie an den Sport heranzuführen und mit ihnen Erfolg zu haben. (Der Landbote)

Erstellt: 04.12.2018, 20:28 Uhr

Steve Guerdat

Olympiasieger und Wahl-Elgger

Steve Guerdat, der Olympiasieger von 2012, reitet von Erfolg zu Erfolg. Bei der Nationenpreisserie im Sommer war er mit zehn fehlerfreien Runden der beste Reiter. Mit der Stute Bianca verhalf er im September bei den Weltreiterspielen in den USA dem Schweizer Team zu Rang 4 und damit zur direkten Qualifikation für die Olympischen Spiele in Tokyo 2020 – und im Einzel gewann er die Bronzemedaille.

Auch in die Hallensaison ist Steve Guerdat fulminant gestartet: er hat alle bisherigen sechs von 13 Weltcup-Qualifikationen der Westeuropa bestritten. Dabei konnte er jedes Mal punkten, hat die Führung in der Zwischenwertung übernommen und ist bereits vorzeitig für den Final im April qualifiziert. Seine sportliche Konstanz hat sich auch in der Weltrangliste niedergeschlagen: Von Position 10 Anfang Jahr kletterte er stetig nach oben und verbrachte die letzten zwei Monate auf Platz 2 hinter dem Führenden Harrie Smolders, zu dem er den Abstand ständig verkleinert.

Seit Februar 2017 lebt Steve Guerdat mit seinen Pferden in Elgg, wo er das Reitsportzentrum der bekannten Reiterfamilie Weier übernehmen konnte. Er ist mit der Französin Fanny Skalli liiert, einer Amateur-Springreiterin, die seine Leidenschaft für den Pferdesport teilt.

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