Winterthur

Die Torhüterfrage und der «Fall» Hajrovic

Zum dritten Mal war ein Freundschaftsspiel FCW – FC St. Pauli eine gelungene Sache. Diesmal verloren die Winterthurer 0:1. Sie erhielten einige Antworten, zwei wichtige Fragen sind offen.

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Das Wetter war wieder bestens, die Zuschauerzahl gut. An einem so heissen Tag zu Beginn der Sommerferien fast 5000 Fans anzulocken, davon 4300 zahlende – das ist vergleichbar mit den 6500 beim Debüt im September 2011 und den 5000 bei der Nachfolgeveranstaltung ein Jahr später. Organisator FCW wird, hat er mal abgerechnet, einen Gewinn von ein paar Zehntausend Franken bilanzieren können. Die Hamburger haben sich wieder wohlgefühlt in dem Rahmen, zu dem halt auch viele Biertrinker in St.-Pauli-Gewand gehören.

Drei Weitschüsse

Es war aber auch sportlich ein Anlass von Wert. Das Spiel wurde ernst genommen, von den Winterthurern nur eine Woche vor dem Meisterschaftsstart gegen den FC Wil, von den Hamburgern auch nur zwei Wochen vor ihrem Auftakt gegen Arminia Bielefeld. Klare Torchancen gab es wenige, beste Szenen waren drei Weitschüsse. Mitte erster Halbzeit hatte der neue FCW-Goalie David von Ballmoos seinen grossen Moment, als er einen Ball Lennart Thys spektakulär über die Latte lenkte. In der 67. Minute schoss Tunahan Cicek – endlich – mal aufs Tor; er tat es aus rund 25 Metern fulminant, der Ball war unhaltbar, aber er klatschte an eine Torstange. Das wäre das 1:0 für den FCW gewesen, es fiel zehn Minuten vor Schluss für St.?Pauli. Dessen Südkoreaner Kyoung-Rok Choi, nach einer knappen Stunde eingewechselt, düpierte zwei Winterthurer, vor allem aber Gegenspieler Marco Köfler, und schlenzte den Ball in die weitere hohe Ecke – unerreichbar für Matthias Minder, der nun im Tor stand.

Damit hatten die Hamburger auch ihr siebtes Testspiel gewonnen, 1:0 wie zwei Tage zuvor gegen zweitklassige Österreicher, Austria Lustenau. Ewald Lienen, wie üblich seinen Notizblock jederzeit griffbereit, sprach hinterher von einer «guten Leistung». Es sei zwar «kein Weltklassefussball» gewesen, den sein Team geboten habe, «aber wir haben gegen die in der vergangenen Saison torgefährlichste Zweitligamannschaft der Schweiz kaum Chancen zugelassen». Die Hamburger fuhren zurück nach Oberstaufen, zum Ende ihres Trainingslagers dort spielen sie morgen Dienstag in Friedrichshafen noch gegen den SC Freiburg.

Von Ballmoos oder Minder?

Der FCW hat zwar auch sein viertes Freundschaftsspiel in Folge verloren. Und weil vorher nur ein 1:1 gegen YF Juventus gewesen war, blieb er in der ganzen Vorbereitung sieglos. Dennoch lieferte der letzte Test einige Klarheiten. Es ist danach zu sagen, die Mannschaft stehe weitgehend, offen seien vor allem diese beiden Fragen: Wer steht am Samstag im Tor, von Ballmoos oder Minder? Wer steht im Abwehrzentrum, wo der Abgang des vom FC Wil umworbenen Sead Hajrovic droht?

Von den beiden Torhütern, die je eine Halbzeit spielten, hatte von Ballmoos die Gelegenheit, sich einmal auffallend auszuzeichnen – anders als Minder. Für den war der Schlenzer Chois unerreichbar. Also könnte, wer sich zwingend entscheiden muss, zum Schluss kommen, von Ballmoos habe nun die Nase ganz leicht vorn. Aber ein Entscheid fürs Spiel in Wil muss ja auch noch keineswegs ein grundsätzlicher sein bei einer so engen Situation wie dieser.

Angebot genügt noch nicht

Die Torhüterfrage mag ja knifflig sein, aber es ist das sportlich geführte Duell zweier guter Spieler. Unangenehm, ja ärgerlich ist dagegen der Fall des Innenverteidigers Sead Hajrovic. Die neue türkische Führung des FC Wil winkt mit Geld; Hajrovic möchte trotz laufenden Vertrags gehen; aber das Angebot der Wiler Türken genügt dem FC Winterthur (noch) nicht. Im Kontext, wie er sich am Samstag entwickelte, entschied Trainer Jürgen Seeberger eine Stunde vor Beginn des Spiels gegen St.?Pauli auch, Hajrovic aus der Startelf zu nehmen und ihn auf die Bank zu setzen. An seiner Stelle trat Nachwuchsmann Jan Elvedi an, der sich nach schwieriger Startviertelstunde auf passables Niveau steigerte; auf besseres als am Dienstag in Luzern.

Selbst mit Hajrovic bräuchte der FCW noch einen (Innen-)Verteidiger, ohne ihn braucht er noch zwei. Die Bemühungen laufen. Zu den positiven Antworten des Samstags gehörte immerhin, dass Sandro Foschini erneut gute Frühform nachwies – eine Halbzeit als Rechtsverteidiger, eine im zentralen Mittelfeld. Und Patrik Schuler war in dieser Vorbereitung stets absolut verlässlich, ob als Rechtsverteidiger oder, wie am Samstag wieder, im Zentrum.

Zu wenig Abschluss

Gianluca D’Angelo und Neuerwerbung Marco Mangold sind im zentralen Mittelfeld gesetzt. Zumal wenn Foschini als Verteidiger benötigt wird, sind Tunahan Cicek und Claudio Holenstein, der bisher letzte Neue, als erste Wahl auf den Flanken zu sehen. Vorne ist Captain Patrick Bengondo gegeben, als Partner hat Nachwuchsmann Stefan Fassnacht am Ende der Vorbereitung Vorteile vor dem zweiten Routinier, João Paiva. Allerdings wurde Fassnachts Vorsprung an diesem Samstag wieder knapper.

Oder in andern Worten: Die Gesamtleistung gegen St.?Pauli war ordentlich. Aber wie die «torgefährlichste Zweitligamannschaft», als die Ewald Lienen den FCW aufgrund der Zahlen der vergangenen Saison benannt hatte, spielte er diesmal nicht. Es fehlte ihm nicht am Abschluss, es fehlte ihm daran, dass er nicht mal versuchte abzuschliessen. Cicek stand wiederholt in besserer Position als bei jenem Stangenschuss in der zweiten Halbzeit, aber er schoss nicht. Dasselbe galt für Holenstein bei seinem Debüt auf der Schützenwiese.

Das sollte am Samstag gegen Wil anders sein. Bis dahin aber muss vor allem das Abwehrzentrum geordnet werden, auch mit der Antwort im «Fall» Hajrovic. (Der Landbote)

Erstellt: 13.07.2015, 08:47 Uhr

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