Juves letzter Kick

Ronaldo und Co. spielen heute gegen Ajax um alles: Für den italienischen Serienmeister zählt nur noch der Triumph in der Königsklasse.

Juve-Coach Allegri schwärmt von Ajax-Spieler Frenkie De Jong. Video: Teleclub.

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Langeweile ist eine sehr relative Gefühlskategorie, gerade beim Siegen, sie hängt von der Perspektive ab. Juventus Turin, «la Juve», so etwas wie die Alleinherrscherin im italienischen Fussball, das heilige Monster der Serie A, siegt so lange schon, dass man von aussen annehmen könnte, deren Anhänger seien des leichten Siegens überdrüssig. Alles gechippt, die ganzen Rekorde. Aber so ist das wohl nicht. Jeder Titel ist ein Kapitel einer ewigen Geschichte.

Die Mailänder «Gazzetta dello Sport» spielt mit Wortkreationen, um dem Phänomen noch einigermassen gerecht zu werden und sich selber bei Laune zu ­halten. «Scudotto», titelte sie vor einigen Tagen. Das ist die Verschmelzung von «scudetto», wie in Italien das Meisterabzeichen heisst, und «otto», acht. Gemeint ist: Juventus steht kurz davor, ihren achten Titel in Folge zu gewinnen. Das ist bisher noch keinem Verein einer grossen europäischen Meisterschaft gelungen. Bei Olympique Lyon waren es einmal sieben in Serie gewesen. Aber was ist der 8. noch wert, emotional und sportlich?

Angst in den Gesichtern

Eigentlich ist Juve Italien ja schon lange entwachsen. Inter, Milan, Roma, Napoli: Sie spielen um den Titel der Herzen. Erster sein unter Zweiten, das ist die moralische Meisterschaft. Sie stellen sich schon zu Beginn der Saison darauf ein, so jedenfalls fühlt sich das jeweils an, wie eine präventive Unterwerfung. Juventus bleibt nur der Kick in Europa, der Nervenkitzel der Champions League. Da gewinnt es sich nicht so leicht. 23 Jahre ist die letzte Krone schon her, die zweite in der Vereinsgeschichte, eine Ewigkeit für das gestählte Selbstverständnis der Turiner.

Vielleicht ist es jetzt wieder ­einmal Zeit. Wieder steht Ajax Amsterdam im Weg zur Glorie, diesmal schon im Viertelfinal. Damals, am 22. Mai 1996, fand der Final im römischen Olimpico statt. Ajax war Titelverteidiger, man staunte noch über den totalen Fussball der Holländer, der bald zur globalen Grundmatrix des Spiels werden sollte. Juve war rustikaler, kantiger und hell besorgt, als es zum Penaltyschiessen kam. Den Spielern stand die Angst ins Gesicht geschrieben, das käme heute nicht mehr vor.

Trainer Allegri ist ein kauziger Methodiker. Pathos geht ihm ab. Im Sommer ist er wohl weg.

Juve ist eine gerundete Mannschaft geworden, immer auf den Punkt bereit, wenn es zählt. Gecoacht wird sie von einem Methodiker, der sich gegen jede Gefühlsduselei und jeden Pathos verwehrt und deshalb auch nicht wirklich geliebt wird – trotz der Erfolge und Rekorde. Massimiliano «Max» Allegri ist ein Profi, Juve sein Arbeitgeber, viel mehr ist da nicht. Er kommt aus Livorno, einer toskanischen Hafenstadt, wo die Menschen einen besonderen, kauzigen, von der See gegerbten Humor pflegen. Gut möglich, dass Allegri zum Ende dieser Saison ins Ausland geht, nach England oder Spanien, für neue Stimuli. Bei ihm bricht die Langeweile manchmal durch.

Gelänge ihm davor noch der Sieg in der Champions League, na ja, dann würde er doch noch zur Legende. Alles wurde dafür getan, auch das vermeintlich Undenkbare. Es landete am 18. Juli 2018. Cristiano Ronaldo postete bei seiner Ankunft in Turin ein Foto auf Instagram, dazu ein simples: «Buongiorno». Neun Millionen Likes gab es dafür. In Italien erinnerte man sich, dass Papst Franziskus sich damals, nach dem Konklave, mit einem «Buonasera» angekündigt hatte.

CR7 kam wie
eine Bescherung über den abgewirtschafteten Calcio. Aber
warum kam er?

CR7 kam wie eine unverhoffte Bescherung über Italiens Fussball. Niemand mochte nachfragen, warum er ausgerechnet in die abgewirtschaftete Serie A wechselte, ob das vielleicht mehr mit seinen Problemen mit dem spanischen Fiskus zu tun hatte als mit seiner angeblich so ­immensen Lust auf eine neue Herausforderung, auf Turin, auf Italien. Ronaldo brachte alle ­seine Follower und Freunde aus den sozialen Netzwerken mit: 360 Millionen sind es.

Juve wurde definitiv zur Weltmarke. Dreissig Millionen Euro Nettogehalt im Jahr? Hat es noch nie gegeben in Italien, bei weitem nicht. Aber jeder Euro, so grotesk es klingen mag, rechnet sich. Auch sportlich geht es ganz gut. Ronaldo ist zwar 34, er gönnt sich Auszeiten. Aber wenn er muss, ist er da. Gegen Atlético Madrid war Juve eigentlich schon ausgeschieden, 0:2 im Hinspiel, im Champions-League-Achtel­final. Dann schoss der Portugiese im Rückspiel drei Tore. In Amsterdam, beim 1:1, erzielte er das Tor der Turiner. Immer er.

10 Gründe, warum Ajax Amsterdam gegen Juventus Turin gewinnen könnte. Video: Tamedia/Wibbitz

Allegri hat das Team auf ihn abgestimmt. Mario Mandzukic schaufelt für Ronaldo Räume frei, buchstäblich, gerne auch unter Einsatz von Ellbogen und AKnien. Federico Bernardeschi ­bedient ihn mit Flanken vom rechten Flügel. Wenn einer der beiden fehlt, dann gibt es da im Sturm auch noch den erstaunlich frühreifen Jungstar Moise Kean, Sohn von Ivorern, in Italien geboren und aufgewachsen, 19 Jahre alt – der bessere Mario Balotelli. Oder Douglas Costa. Oder Paulo Dybala. Auch in der Abwehr gibt es Alternativen zuhauf, Routiniers und Newcomer. Giorgio Chiellini fehlt gegen Ajax, ersetzt wird er wieder von Daniele Rugani, einem der Besten im Hinspiel.

Auf fast jeder Position ist ­Juventus besser besetzt als seine Gegner in der italienischen Meisterschaft, ihre zweite Garde wäre überall sonst erste Wahl. Alles machen die Turiner besser, schlauer, grösser als der Rest, sogar die Choreografie vor Heimspielen in ihrem recht kleinen, aber immer vollen «Stadium». Mit dieser Lichtshow. In Rom würde wohl bei jedem zweiten Versuch der Strom ausfallen, von Neapels San Paolo ganz zu schweigen, auch in Mailand sinnieren sie gerade darüber nach, ob das baufällige San Siro nicht bald abgerissen werden sollte. Von den grossen italienischen Vereinen hat nur Juve ein eigenes Stadion, die Erlöse aus dem Ticketverkauf fliessen direkt in die Kassen des Clubs.

Neid und Lamento

Und so will man den 8. Titel, den «Scudotto», unbedingt daheim feiern. Auch solche Dinge entscheidet Juve mittlerweile selbst. Sie hätte schon am letzten Samstag Meister werden können, in Ferrara, gegen die Spal. Ein Punkt hätte gereicht, Napoli ist abgehängt. Aber das schien dann doch zu banal, vielleicht auch zu unglamourös. Es spielte die dritte Mannschaft, und die verlor, nachdem sie zwischenzeitlich geführt hatte. Die Konkurrenz fand danach, Juve habe absichtlich nicht gewonnen, das sei die ultimative Verhöhnung der Meisterschaft. Tatsächlich? Im Lamento schwang ein ganzes Mass Neid mit. Und die genervte Langeweile der Serienverlierer. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 16.04.2019, 17:00 Uhr

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