Japans Rugby-Team: Das Beste aus allen Welten

Der WM-Gastgeber hat im Laufe der letzten Jahre viel Rugby-Know-how importiert und nun die grosse Chance, erstmals den Viertelfinal zu erreichen.

Tradition verpflichtet: Gegenseitige Verbeugung von Japanern und Samoanern vor der Partie an der Rugby-WM.

Tradition verpflichtet: Gegenseitige Verbeugung von Japanern und Samoanern vor der Partie an der Rugby-WM. Bild: Annegret Hilse/Reuters

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Gewisse Traditionen treffen mitten ins Herz. Selbst wenn sie noch zu jung sind, um auch wirklich als Tradition durchzugehen. Doch zumindest eingebürgert hat sich an der Rugby-WM in Japan, dass sich die Spieler beider Mannschaften nach einer Partie in einer Reihe aufstellen, um sich mit einer Verbeugung vom Publikum zu verabschieden. Die Geste zeigt, was in diesem Sport der Grobiane fast so wichtig ist wie das Resultat: Respekt.

Solchen, gehörigen sogar, hat sich im Laufe der letzten Jahre auch das Nationalteam des Gastgebers dieser WM erarbeitet. Erstmals findet die Endrunde ja in einem Land statt, in dem Rugby nicht wirklich zur DNA zählt, nicht Nationalsport ist wie in Neuseeland, Australien und Südafrika oder von übergeordneter Wichtigkeit wie in England, Irland oder Frankreich.

Irgendwer ist aber auch Japan nicht in der Welt des Rugbys. Inzwischen die Nummer 8 in der Rangliste des Weltverbandes World Rugby, hat die Mannschaft aus Fernost schon 2015 in England Aufsehen erregt, als sie die Vorrunde mit mehr Siegen als Niederlagen beendete – und für Mitleid, weil es trotz dieser Bilanz nicht für den Viertelfinal reichte. Im Unterschied zu Südafrika und Schottland hatte Japan keinen einzigen Bonuspunkt gesammelt.

Vier Jahre später ist das anders, dank der klaren Siege gegen Russland und Samoa hat es diesmal bereits zwei Bonuspunkte – und diesmal ist es Schottland, dem das Aus nach der Vorrunde droht. Im Direktduell heute Sonntag in Yokohama braucht es einen Sieg mit sieben Punkten Vorsprung oder mindestens vier Trys, um Japan noch hinter sich zu lassen und sich den Viertelfinal gegen Neuseeland zu verdienen.

Italien entsetzt nach der Absage – und die Schotten?

Der verheerende Taifun Hagibis sorgte für die Absage der gestrigen Partien zwischen England und Frankreich sowie Neuseeland und Italien, beide Partien wurden als 0:0 gewertet. Italien schied dadurch aus und zeigte sich entsetzt über den Entscheid. Im Fall von Japan - Schottland setzte der Veranstalter dagegen alles daran, das Spiel zu ermöglichen, obschon Yokohama und Tokio (wie auch die Formel-1-Strecke von Suzuka) im Weg des Wirbelsturms liegen. Doch bei allen Turbulenzen: Eine Absage wäre den Schotten schwer zu vermitteln gewesen.

Die Aufgabe ist schwer genug, gegen den Gastgeber derart unter Siegzwang zu sein. Denn die Japaner haben bislang die Fachleute überzeugt, vor allem beim überraschenden 19:12-Sieg gegen das hoch favorisierte Irland, die Weltnummer 2. «Japan war brillant und seine Defensive absolut unnachgiebig», kommentierte Sam Warburton, einst walisischer Nationalspieler und jetzt meinungsstarker Experte beim englischen Sender ITV. Er kam aus dem Schwärmen gar nicht heraus: «Eine Ballbehandlung wie bei den Japanern habe ich seit Jahren nicht gesehen.» Die Qualität ist nicht nur hausgemacht, Japan hat im Laufe der vergangenen Jahre einiges Rugby-Know-how importiert. Nationaltrainer ist mit Jamie Joseph ein Neuseeländer, der nach 30 Länderspielen mit den All Blacks und der Maori-Auswahl Neuseelands am Ende seiner Karriere noch zum japanischen Nationalspieler wurde. Laut Verbandstatuten ist man nach drei Jahren in einem Land für dieses spielberechtigt.

Von dieser Regel profitiert

Japan stark. 14 der 31 Spieler im WM-Kader wurden im Ausland geboren und haben grösstenteils eine zweite Staatsbürgerschaft. Unter ihnen Captain Michael Leitch, ein Neuseeländer mit fidschianischer Mutter. Oder Hendrik Tui, ein Neuseeländer samoanischer Herkunft. Oder Vize-Captain Lappies Labuschagné, ein Südafrikaner. Oder Lomano Lemeki, ein Tongaer, geboren in Neuseeland und aufgewachsen in Australien. Oder auch Koo Ji-won, ein Südkoreaner. Oder oder oder.

«Wir sind stark, weil wir aus verschiedenen Ländern und Rugby-Kulturen kommen und diese miteinander vermischen», erklärt Captain Leitch, «ich bin sehr stolz, für dieses Team zu spielen.» Leitch selbst war mit 15 nach Japan gekommen, um hier zur Highschool zu gehen, blieb für das Studium in Tokio und wurde 2013 japanischer Staatsbürger.

Kritik an der schnellen Einbürgerung

Die Multikultur wird nicht überall gleich gerne gesehen, gerade auch in Japan. Etwa in konservativen Kräften, wo der Isolationismus seit dem Zweiten Weltkrieg als japanisches Gut hochgehalten wird. Regelmässig für Kritik sorgen andernorts die tiefen Voraussetzungen von World Rugby für einen Nationenwechsel. Paul Thorburn, von 1985 bis 1991 Captain von Wales und ganz offensichtlich dem traditionalistischen Lager angehörig, schimpfte: «Das ist ein Hohn. Mit dieser Regel ist die WM nichts als ein Zirkus.»

Die Unterstützung der Japaner ist dem Nationalteam trotz dieser Kritiken gewiss. Die«Brave Blossoms» sorgen gar für ein veritables WM-Fieber, für volle Stadien, gut besuchte Fanzonen und leer gekaufte Fanläden. Sie stellen derzeit sogar die All Blacks in den Schatten: Vor ein paar Jahren lancierte der neuseeländische Rugbyverband Kampagnen, um in Japan für die All Blacks zu werben. An der WM 1995 war Japan den Neuseeländern noch 17:145 unterlegen – nun könnte es zum Viertelfinal dieser Länder kommen.



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Erstellt: 13.10.2019, 09:11 Uhr

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